Guter Biden, schlechter Biden

  • Lange schien es, als liege für Joe Biden der Ball auf dem Elfmeterpunkt. Inzwischen aber wachsen die Unsicherheiten.
  • Im wichtigen Staat Florida schmilzt der Vorsprung der Demokraten, im ganzen Land ziehen die Latinos nicht mit wie erhofft.
  • Und für die Tage vor der Wahl könnte sich Donald Trump noch eine hübsche “Oktoberüberraschung” ausdenken.
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Liebe Leserinnen und Leser,

schön, dass Sie wieder dabei sind. Heute in genau sieben Wochen wird in den USA gewählt. Die Uhr tickt, und die alte Frage bekommt neue Dringlichkeit: Kann der US-Demokrat Joe Biden es wirklich schaffen, den Republikaner Donald Trump zu besiegen?

Die neueste, mit allen verfügbaren Updates angereicherte Antwort lautet: Ja, aber.

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Bidens Ausgangsposition ist eigentlich hervorragend. Doch es könnte noch viel knapper werden, als es bisher den Anschein hat. Nicht auszuschließen ist auch ein Last-Minute-Dreh zugunsten von Trump.

Versuchen wir, eine Schneise zu schlagen durch die Fülle der Nachrichten, Tendenzen und Einschätzungen, die derzeit kursieren – und fangen wir mit den für die US-Demokraten positiven Aspekten an.

Fünf Dinge, die für Biden richtig gut laufen

1. Biden hat, auch wenn man ihm gewisse politische Unschärfe vorwerfen mag, Geschlossenheit bewirkt in seiner Partei. Bei den Republikanern dagegen schießt eine wachsende Riege von Abtrünnigen und früheren Mitarbeitern des Präsidenten politisch auf den eigenen Mann.

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2. Bidens Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris zieht mit ihren hohen Sympathiewerten neue Wähler an, die bislang oft Wahlen fernblieben. Entsprechende Signale kommen aus der Community von Amerikanern mit asiatischem und indischem Migrationshintergrund – den beiden am stärksten wachsenden Einwanderergruppen in den USA.

3. Die Biden/Harris-Kampagne bekommt massenhaft private Kleinspenden. Die Demokraten sammelten im August bei ihren Anhängern die Rekordsumme von 364,5 Millionen Dollar ein, die Republikaner brachten es nur auf 210 Millionen.

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Video
Video-Blog zur US-Wahl: Staaten in Flammen
4:54 min
Die Waldbrände im Westen der USA heizen den Wahlkampf an. Wie Trump und Biden damit umgehen, analysiert RND-Korrespondent Karl Doemens in seinem Video-Blog.  © RND

4. Diverse Veröffentlichungen und Enthüllungen spielen Biden derzeit in die Hände. Im Magazin “The Atlantic" deckte Chefredakteur Jeffrey Goldberg auf, dass Trump gefallene US-Soldaten als “Loser” verhöhnt hat. Ein Whistleblower aus Washingtons Innenministerium enttarnte parteipolitisch motivierte Manipulationen an Geheimdienstberichten. Und in einem heute erscheinenden Buch des Pulitzerpreisträgers Bob Woodward, der einst die Watergate-Affäre aufklärte, wird dargelegt, wie Trump die mit dem Coronanavirus verbundenen Risiken monatelang wider besseres Wissen öffentlich herunterspielte.

5. Biden hat, das ist sein größtes Plus, einen stabilen Vorsprung in nationalen Umfragen. Fachleute sind inzwischen regelrecht verblüfft von der über drei Monate hinweg kurioserweise gleich gebliebenen zahlenmäßigen Distanz zwischen Biden und Trump von rund sieben Punkten.

Auf der Webseite “FiveThirtyEight” läuft eine Vielzahl von Umfragedaten zusammen, daraus werden laufend aktualisierte Durchschnittswerte gebildet. Die einzelnen demoskopischen Quellen werden auch ihrerseits beobachtet und einem Qualitätsranking unterworfen; Nutzer können sie individuell zu- oder abschalten. © Quelle: 538 National Poll
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Die Webseite “Fivethirtyeight” zeigt Biden aktuell bei 50,7 Prozent und Trump bei 43,5 Prozent. Abstand: 7,2 Punkte.

Geht man ein Vierteljahr zurück, auf Anfang bis Mitte Juni, ändert sich an den Zahlenverhältnissen nichts. Am 8. Juni zum Beispiel lag Biden bei 49,7 Prozent und Trump bei 42,6 Prozent. Abstand: 7,1 Punkte.

Die erstarrten Staaten von Amerika

Frappierend ist, dass die aufregenden politischen Debatten in diesem Sommer – etwa um Polizeigewalt, Rassismus und Unruhen in US-Städten – keine Auswirkungen auf den Abstand zwischen den Kandidaten hatten.

Die Nadel zittert nicht, egal worüber gerade diskutiert wird. Dieser Befund deutet auf eine ideologische Erstarrung hin. Die Amerikaner haben sich längst sortiert, entlang ihrer selbst definierten Frontlinien. In einer YouGov-Umfrage für CBS News unter 2493 schon zur Wahl registrierten Amerikanern sagten nur 3 Prozent, es könne sein, dass sie sich bis zum 3. November noch umentscheiden zwischen Trump und Biden.

Für Biden wäre diese Erstarrung sogar eine gute Nachricht – wenn er denn die Gewissheit hätte, dass sich sein aktueller Vorsprung in den nationalen Umfragen auch übersetzen würde in mathematisch ausreichende Siege in den einzelnen Bundesstaaten. Nur darauf kommt es an.

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Fünf Dinge, mit denen Biden Probleme hat

Genau an dieser Stelle aber tauchen inzwischen neue Unsicherheiten auf. Zum kompletten Bild des Kandidaten Biden gehören aktuell fünf Dinge, die nicht gut laufen für ihn.

1. Im wichtigen Swing State Florida schmilzt Bidens Vorsprung. Die politischen Gurus vom “Cook Political Report” drehten ihre Einordnung des Staates Florida in den Prognosen soeben offiziell um, von “zu den Demokraten tendierend” auf “unentschieden”. Hintergrund sind mehrere Umfragen, die den im Juli noch klar führenden Biden in Florida nur noch Kopf an Kopf mit Trump sehen.

Michael Bloomberg, liberaler Milliardär aus New York, bietet sich jetzt als Helfer in der Not an: Er will in Florida 100 Millionen Dollar spendieren, um durch spezielle Kampagnen die Dinge zugunsten der Demokraten zu drehen.

Einsatz in Miami: Der Milliardär Mike Bloomberg, erfolgloser demokratischer Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur und ehemaliger Bürgermeister von New York City, will jetzt der Biden-Kampagne in Florida mit 100 Millionen Dollar weiterhelfen. © Quelle: Brynn Anderson/AP/dpa

2. Die Latinos, von denen die Biden/Harris-Kampagne sich neuen Schub erhofft hatte, sind von den Demokraten weniger begeistert als gedacht. Latinos spielen in vielen US-Bundesstaaten eine wichtige Rolle, unter anderem in Florida, Texas, Arizona, Nevada, Pennsylvania und Georgia. Trump scheint bei ihnen mit einem harten antikommunistischen Kurs mit Blick auf Kuba und auf Venezuela zu punkten. Zugleich laufen in den sozialen Netzwerken derzeit massive Desinformationskampagnen, die sich an Spanisch sprechende Kreise richten und an bekannte Verschwörungstheorien anknüpfen.

3. In Nevada, einem Staat, von dem lange niemand sprach, weil man annahm, dass die Demokraten ihn gewinnen, macht sich plötzlich und unerwartet Nervosität breit. Regionale Medien werden überrascht von massiven Werbeaufträgen sowohl der Trump- wie auch der Biden-Kampagne. Aus einem deutlichen Blau für Nevada, der Farbe der Demokraten, ist in diesen Tagen in den Prognosen der Profis nur noch blasses Blau geworden: Die Analysten von “Cook” etwa sehen in Nevada nur noch “eine Tendenz zugunsten Bidens”, mehr nicht. Andere, etwa die Demoskopiewebseite “270 to win”, geht noch einen Schritt weiter und behandelt Nevada als “unentschieden”.

Kommt die “ultimative Oktoberüberraschung”?

4. Das Thema “Law and order” wurde von den Demokraten unterschätzt. Eine Umfrage von “New York Times” und Siena College in Minnesota, Nevada, New Hampshire und Wisconsin zeigt zwar Biden in diesen vier Staaten vorn. Auch wird deutlich, dass Trump wohl verlieren wird, wenn die Wahl am 3. November zu einer Art Referendum über die Art und Weise seines Umgangs mit dem Coronavirus wird. Sollte aber die Gewalt in US-Städten zum Thema werden, könnte sich, wie die Umfrage zeigt, noch einiges drehen: Auch Anhänger der Demokraten wünschten sich zu diesem Thema klarere Worte von Biden.

5. Schon oft in der amerikanischen Geschichte hat das Weiße Haus in Wahljahren mit aller Macht die Verkündung positiver Botschaften auf Mitte Oktober gelegt. Ein berühmtes Beispiel für “October surprises” war Henry Kissingers Ankündigung eines Friedens für Vietnam im Jahr 1972. In diesem Jahr braucht man nicht viel Fantasie, um sich die groß inszenierte Erklärung Trumps vorzustellen, nun sei der ersehnte Impfstoff gegen das Coronavirus da. Wenn Trump im richtigen Moment die “Silberkugel” präsentiere, die das Virus killt, wäre dies nach Ansicht der CNN-White-House-Korrespondenten Kevin Liptak und Kaitlan Collins ”die ultimative Oktoberüberraschung”.

Diplomaten in Europa schüttelt es übrigens schon angesichts solcher Aussichten. Trump, so lautet eine Befürchtung, könnte dies dann hämisch mit einer neuen nationalistischen Botschaft verbinden: Weil die USA den Impfstoff mit so viel Aufwand entwickelt hätten, sei ja wohl klar, welche Nation die rettende Substanz nun auch als Erste bekomme: America first.

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Zahlen vor den Wahlen

Nach dem aktuellen Stand der Dinge (15.09., 12 Uhr MESZ) würde Joe Biden mit einiger Sicherheit zum Präsidenten gewählt. Denn er müsste nur die bereits deutlich von den Demokraten dominierten Staaten wirklich gewinnen – keinen einzigen von den noch unentschiedenen.

Trump dagegen müsste, um zu gewinnen, drei Dinge schaffen: zunächst wirklich alle zu den Republikanern tendierenden roten Staaten holen, dann auch sämtliche grauen Staaten erobern und schließlich, ein kleines Stück weit jedenfalls in das blaue Lager einbrechen. Dies ist nicht unmöglich, aber – jedenfalls nach dem jetzigen Stand aller zusammenfließenden Daten – sehr unwahrscheinlich.

Die “Consensus Map” der Webseite ″270 to win” fasst laufend die wichtigsten Umfragen zusammen und generiert auf transparente Art ein aktuelles Gesamtbild. Die blauen Staaten werden – demoskopisch deutlich messbar – von den Demokraten dominiert, die rot markierten von den Republikanern. Die unentschiedenen sind grau. © Quelle: 270 to win

Präsident wird, wer im 538köpfigen Wahlleutegremium mindestens 270 Stimmen bekommt. Die Wahlleute werden aus den Einzelstaaten entsandt, ihre Zahl richtet sich nach der Bevölkerungsgröße des Staates. Am meisten Gewicht haben Kalifornien (55 Wahlleute), Texas (38) und Florida (29). Dünn besiedelte Staaten wie Alaska und Montana entsenden jeweils nur drei Wahlleute.

Worte der Woche

Es wird anfangen, kühler zu werden, warten Sie es einfach mal ab.

Donald Trump, US-Präsident, zum Thema Erderwärmung.

Ich wünschte, die Wissenschaft würde Ihnen zustimmen.

Wade Crowfoot, Umweltminister von Kalifornien.

Nun, ich denke nicht, dass die Wissenschaft es wirklich weiß.

Trump in seiner Entgegnung.

Unsere Empfehlungen

Die uninteressante Katastrophe: Amerikas Westen erlebt beispiellose Brände mit gewaltigen Zerstörungen – doch die von Demokraten regierten Staaten an der Westküste interessieren den Wahlkämpfer Trump wenig, und über Klimawandel will er erst recht nicht reden. Unser Washingtoner Korrespondent Karl Doemens analysiert die Lage in seinem Videoblog.

Zahlen bitte: Unser Statistikguru Johannes Christ bietet einen ständig aktualisierten Überblick zum Stand der Dinge vor den Wahlen in den USA. um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten von Amerika.

Die leidige Systemfrage: Wie war das noch mal mit den Wahlmännern? Juliane Schultz hat ein Erklärstück geschrieben über die Besonderheiten und Tücken des amerikanischen Wahlrechts.

What’s next? Termine bis zur Wahl

29. September: Trump und Biden begegnen sich zum ersten Fernsehduell. Die Veranstaltung findet in Cleveland statt.

7. Oktober: Mike Pence und Kamala Harris treffen im Duell der Vizepräsidentenkandidaten aufeinander.

15. Oktober: Trump vs. Biden, zweite Runde im Fernsehduell

22. Oktober: Trump vs. Biden, dritte und letzte Runde

Wir würden uns freuen, Sie mit unserem Newsletter weiter durch diese spannenden Zeiten begleiten zu können. Wir erhöhen jetzt die Taktzahl und melden uns schon am Freitag wieder.

Bis dahin: Stay tuned – and stay sharp!

Matthias Koch

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PS: Alle Infos zur US-Wahl finden Sie jederzeit auf unserer Themenseite.


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