Trump gegen Biden: Der heiße Kampf um Florida

  • Mit einem Sieg in Florida will Joe Biden noch in der Nacht zu Mittwoch die US-Präsidentschaftswahl klar für sich entscheiden.
  • Dafür sind die US-Demokraten auf die Stimmen von drei Gruppen angewiesen.
  • Doch Senioren, Latinos und Schwarze machen es ihnen nicht leicht.
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Miami. Jean Pierre Bado ist um Zuversicht bemüht. Der US-Demokrat will an diesem Sonntagnachmittag, dem letzten Tag der vorzeitigen persönlichen Stimmenabgabe in Miami, Wähler motivieren. Also winkt er den Leuten auf dem Weg ins Wahllokal zu und gratuliert ihnen beim Hinauskommen. Der Anwalt wirbt für Joe Biden und auch für sich selbst. Denn Bado kandidiert für einen Sitz der US-Demokraten im Abgeordnetenhaus Floridas.

Gern würde er darüber auch mit den Leuten ins Gespräch kommen und von seinen Plänen erzählen. Aber das fällt schwer. Wegen Corona, klar; vor allem aber wegen der ständig vorbeiknatternden Pick-up-Trucks mit den Riesen-Trump-Fahnen und den lauten Hupen. Immerzu fallen sie ihm ins Wort. „Es ist nicht leicht”, sagt Bado.

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Florida ist der einflussreichste Swing State Amerikas. Wer hier auf eine Mehrheit kommt, erhält die 29 Stimmen Floridas im Wahlleutegremium und hat beste Chancen auf die Präsidentschaft. Florida ist aber auch jener Swing State, der es besonders spannend macht. Nicht selten gab ein nur dünner Stimmenvorsprung den Ausschlag für den Ausgang der Präsidentschaftswahl. Barack Obama gewann Florida 2012 mit nur 0,9 Prozentpunkten Vorsprung. 2016 erhielt Donald Trump hier nur 1,3 Prozentpunkte mehr als Hillary Clinton. Als die Demokraten Florida verloren, verloren sie die Wahl.

Demokraten-Kandidat Jean Pierre Bado (links) im Gespräch mit einem Wähler. © Quelle: Marina Kormbaki

Diesmal aber wollen sie diesen „Game over”-Effekt umkehren. Joe Biden und seine Wahlkampfstrateginnen und -strategen hoffen auf einen raschen, klaren Erdrutschsieg. Sie hoffen, dass Florida schon in der Nacht zu Mittwoch verlässliche Zahlen vorlegt, die Biden klar vor Trump ausweisen.

Die Umfragen sahen zuletzt mal Biden, mal Trump vorne, immer ganz knapp. Sicher ist nichts. Also werben die Demokraten bis zur letzten Minute für sich. Drei Wählergruppen sind in ihrem Fokus: die Rentnerinnen und Rentner in den Seniorenhochburgen des Staates sowie die Schwarzen und die Latinos im Ballungsraum Miami.

In Fort Myers, einer besonders konservativen Küstenstadt im Südwesten Floridas, staunen die Demokraten über sich selbst. Kathleen Finderson muss lachen, als sie an den Wahlkampf vor vier Jahren zurückdenkt. „Wir haben nichts gemacht, gar nichts, es schien uns aussichtslos”, sagt die Rentnerin.

Mit einem Biden-Schild in der Hand steht sie am Straßenrand und winkt Autofahrern zu. Finderson hat mitgeholfen, Briefwähler zu registrieren, Spender zu werben und Freiwillige zu mobilisieren. An einen Wahlsieg glaubt sie nicht. „Aber erstmals zeigen wir den Leuten, dass sie eine Wahl haben, dass es zu den Republikanern eine Alternative gibt”, sagt Finderson.

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Die weißen, gut situierten Rentner sind die Basis der Republikaner im Sunshine State. Die Demokraten hoffen nun, vom Corona-Frust auf Trump zu profitieren.  © RND

Die weißen, oft gut situierten Senioren stellen ein Viertel aller Wähler in Florida. 2016 konnte sich Donald Trump auf die mehrheitlich konservativen Älteren verlassen. In diesem Jahr aber, da eben diese Gruppe vom Coronavirus in besonderer Weise bedroht ist, könnten sie ihm den Rücken kehren. Das hoffen jedenfalls Biden und die Demokraten.

Doch in der Schlange vor dem Wahllokal für Frühwähler ist bei Älteren kaum Frust über Trump zu vernehmen, schon gar keine Wut. Seinen Umgang mit dem Virus finden viele hier gut.

„Ich glaube, er hat einen wirklich guten Job bei der Beschaffung von Schutzausrüstung und Beatmungsgeräten gemacht”, sagt Joy Freeze. Trump habe das Pflegepersonal und die Wissenschaft motiviert. Mehr könne er nicht tun, meint sie. „Ich glaube nicht, dass man das Virus eindämmen kann. Es tut, was es tut.”

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Joy Freeze lobt Präsident Trump für sein Corona-Management. © Quelle: Marina Kormbaki

„Es gibt doch wichtigere Themen als Covid”, sagt ein paar Meter weiter vorne in der Schlange der Rentner Peter Vicari. „Wirtschaft, Recht und Ordnung – das zählt, da hat Trump geliefert. Wir brauchen ihn vier weitere Jahre.”

In der Nacht zu Montag flog Trump ein weiteres Mal in diesem Wahlkampf in seine Wahlheimat Florida, um seine Basis in Miami zu mobilisieren. Im Vorprogramm laufen lateinamerikanische Songs, das Publikum singt alte kubanische Lieder.

Auf die Exilkubaner und -venezolaner können die Republikaner im Süden Floridas zählen. „Wir wollen keinen Sozialismus in unserem Land”, ruft Trump seinen Tausenden Fans zu, und die Menge stimmt jubelnd zu.

Diese historisch bedingte, tiefe Prägung großer Teile der lateinamerikanischen Gemeinde in Florida erschwert den Demokraten den Zugang zu ihr. „Da gibt es oft nicht mal die Möglichkeit zur Diskussion”, sagte Jean Pierre Bado an seinem Wahlstand in Miami, er selbst hat puerto-ricanische Wurzeln.

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Die Einwanderungswellen der vergangenen zwei Jahrzehnte haben Latinos in den Fokus US-demokratischer Parteistrategen rücken lassen. „Es geht um Demografie”, sagt Bado. Mit der Größe dieser Gruppen nehme auch deren politische Macht zu. In Miami stellen Menschen mit Wurzeln in Mittel- und Südamerika 70 Prozent der Bevölkerung. Jeder zweite von ihnen ist Kubaner – doch die Zusammensetzung der Hispanics ändert sich.

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Bado warnt seine Parteifreunde davor, nach einem Politrezept für alle Latinos zu suchen. „Die lateinamerikanische Gemeinde mag zwar dieselbe Sprache sprechen, aber die Unterschiede zwischen der Nationalitäten sind groß“, sagt er. „‚Die Südamerikaner‘ gibt es nicht.”

So mache es einen großen Unterschied, ob man als Mexikaner engen Kontakt zur Familie nach Mexiko halten kann oder als Kubaner die eigenen Leute nur sehr selten sieht. „Wir müssen jede Gruppe einzeln ansprechen”, fordert Bado. Diese Erkenntnis sei neu für die Demokraten. Ob sie noch rechtzeitig kam, wird der Wahlausgang zeigen.

Die Demokraten brauchen einen großen Sieg in Miami, der ihr schwächeres Abschneiden in den anderen Landesteilen wettmachen kann. Dafür sind sie auf die Stimmen der Afroamerikaner angewiesen – einer Gruppe mit klarer Präferenz für die Demokraten. Sie stellen 17 Prozent der knapp drei Millionen Einwohner Miamis. Doch in der Partei geht die Sorge um, dass sich zu wenig Schwarze an der Wahl beteiligen.

In Miami Gardens, einem mehrheitlich von Schwarzen bewohnten, ärmlichen Bezirk, nimmt die lokale Wahlkommission am Montagmorgen noch Briefwahlunterlagen entgegen. „Ein großer Tag“, sagt Patrick Renazil. Der 19-Jährige wählt heute zum ersten Mal. Er fährt zum Briefkasten vor und schiebt den Umschlag in den Schlitz. „Damit nicht mehr der Rassismus in diesem Land regiert”, sagt er. Ob seine Freude auch wählen? „Ein paar”, sagt Renazil.

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Ein paar schwarze Wähler aber reichen den Demokraten nicht. Also schicken sie jetzt noch einmal ihren effektivsten Motivator nach Florida: Barack Obama soll am Montagabend in Miami vor Zuschauern in parkenden Autos auftreten. Wenige Stunden später öffnen die Wahllokale.

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