US-Vorwahlen der Demokraten: Bernie Sanders kommt in Fahrt

  • Vor vier Jahren zog der Senator von Vermont bei den Vorwahlen der US-Demokraten gegen Hillary Clinton den Kürzeren.
  • Aus seinen Fehlern hat er gelernt, nun greift Sanders wieder an.
  • Die Kampagne ist diesmal organisierter und professioneller - für sein Ziel will er sogar Einblicke in die sonst gut gehütete Privatsphäre gewähren.
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San Antonio. Wer hätte das gedacht? Bernie Sanders steuert mit 78 Jahren auf einen zweiten politischen Frühling zu. Er selbst scheint daran nie gezweifelt zu haben. Im Gegenteil. Er will nach eigener Aussage immer gewusst haben, dass seine treuen Anhänger noch das gleiche Feuer wie bei seiner aufsehenerregenden Kampagne 2016 hätten.

Und auch an der tiefen Unzufriedenheit mit dem politischen US-System, die ihm vor allem junge Leute in Scharen zugetrieben hat, habe sich nichts geändert.

Die zeigen sich vielerorts nach wie vor begeistert über Sanders’ Versprechen einer allgemeinen staatlichen Krankenversicherung, einem Kampf gegen den Klimawandel und einer kostenlosen College-Ausbildung. Vor allem aber schwimmt der selbst erklärte demokratische Sozialist in Spendengeldern. Anders als 2016 wird der Sanders-Zug also diesmal von einer gut geölten politischen Maschinerie angetrieben.

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“Beim letzten Mal wussten wir echt nicht, wie das mit unserem Geldbeschaffungsmodell laufen würde”, sagt Sanders’ Chefberater Jeff Weaver über Sanders’ Kampagne von 2016. Am Ende hätten sie zwar 240 Millionen Dollar gehabt, doch hätten sie dies zu deren Auftakt 2015 nicht wissen können. Bei den ersten Vorwahlen sei damals denn auch sehr zögerlich neues Personal eingestellt worden. “Diesmal sind wir die Dinge anders angegangen. Wir wussten, dass wir Spitzenreiter sind.”

Was Sanders mit Trump gemeinsam hat

Nun wissen es auch alle anderen. Sanders’ klarer Sieg bei der Vorwahl im Staat Nevada am Samstag markierte den vorläufigen Höhepunkt seiner Verwandlung vom politischen Außenseiter zu einem ernstzunehmenden Favoriten im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Da drängen sich schon fast Vergleiche mit Amtsinhaber Donald Trump auf - auch wenn ihre politischen Welten nicht gegensätzlicher sein könnten. Beide Kampagnen können auf glühende Anhänger setzen, locken zugleich aber auch unzufriedene Wähler an.

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Sanders hilft auch seine beeindruckend pralle Kriegskasse bei der Wählerbindung. Bis Jahresende sammelte er fast 96 Millionen Dollar ein und im Januar noch einmal 25 Millionen Dollar. Und vollmundig hat Sanders angekündigt, gar bis zu eine Milliarde Dollar hereinholen und ausgeben zu wollen, um Trump bei der Wahl im November zu schlagen.

Sein Heer von Spendern ist wie ein Wasserhahn, den er nach Belieben auf- und abdrehen kann. Denn sie tragen kleine Summen bei - um qua Gesetz vorgeschriebene Spendenbegrenzungen muss sich Sanders also kaum Sorgen machen.

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Der stete Geldregen bedeutet auch, dass der Senator von Vermont seine Kampagne um einiges professioneller aufstellen kann als es bei seiner erfolglosen Bewerbung 2016 der Fall war. Damals hatte er etwa noch nicht einmal eine Abteilung für Personalwesen. Die Folge: Angesichts mangelnder Aufsicht mehrten sich Vorwürfe der sexuellen Belästigung von Mitarbeiterinnen. Sanders sah sich zu einer Entschuldigung gezwungen, noch ehe er überhaupt für die Wahl 2020 seinen Hut in den Ring geworfen hatte.

Diesmal läuft es anders: Sanders legt großen Wert darauf, Frauen und Angehörige von Minderheiten auf hohe Posten zu hieven. Zu erwähnen ist etwa Faiz Shakir, eine Amerikanerin mit pakistanischen Wurzeln, die als erste Muslimin eine große Präsidentschaftskampagne managt.

Abgesehen vom Geld und einer besseren Organisation hat sich beim Senator von Vermont auch inhaltlich einiges getan. 2016 fremdelte er etwa noch sichtlich mit der Außenpolitik. Doch seitdem hielt er Reden über Amerikas Platz in der Welt und schwang sich zu einem erklärten Kritiker der logistischen US-Unterstützung für Saudi-Arabiens Krieg gegen die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen im Jemen auf.

Und Sanders’ Kampagne setzte auch strukturelle Veränderungen beim innerparteilichen Prozedere zur Kür der Präsidentschaftskandidaten durch. Eine große Rolle spielten vor vier Jahren etwa die sogenannten Superdelegierten, also gewählte Parteifunktionäre und Würdenträger, die nach Gutdünken beim Nominierungsparteitag für ihren Favoriten stimmen dürfen.

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Auch ihnen hatte es Hillary Clinton zu verdanken, dass sie sich die Kandidatur fürs Weiße Haus sichern konnte. Wenn die Demokraten im kommenden Sommer bei ihrem Parteitag in Milwaukee den Herausforderer von Trump wählen, wird der Einfluss der sogenannten Superdelegierten begrenzt sein. Und das haben nicht zuletzt Sanders’ Unterstützer durchgedrückt.

In gewisser Weise sei seine Kampagne von 2016 der Kompost gewesen, auf dem die Kampagne 2020 habe wachsen können, sagt Norman Solomon, Mitbegründer der Aktivistengruppe RootsAction.org. 2016 gab er seine Delegiertenstimme für Sanders ab. “Eine Menge Kampagnen boomen und zerplatzen, wenn es mit ihnen vorbei ist. Bernie boomt immer noch.”

Iowa: Buhlen um Nichtwähler

Am Anfang sah es aber nicht so aus. Sanders stieg zwar mit weitgehend stabilen, aber wenig beeindruckenden Umfragewerten ins Rennen 2020 ein. Mit dem früheren Vizepräsidenten Joe Biden fand er sich im vorderen Bewerberfeld wieder, doch wurden ihm anders als etwa dem Ex-Bürgermeister von South Bend Pete Buttigieg keine großen Sprünge zugetraut.

Um sich abzusetzen, begann Sanders viel früher als 2016, Personal in den ersten Vorwahlstaaten Iowa, New Hampshire und Nevada anzuheuern. Und anstatt sich den Wählern vorzustellen, buhlte er gezielt um die notorischen Nichtwähler unter den Iowanern. Seine Kampagne warb Studenten an, die ihre Kommilitonen bearbeiteten. Der Lohn: Am Ende lagen Sanders und Buttigieg bei der Vorwahl in Iowa praktisch gleichauf.

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Und im ethnisch vielfältigeren Nevada zahlte sich offensichtlich aus, dass Sanders Wahlkampfspots in spanischsprachigen Medien schalten ließ und mehr als 30 Events ebenjener Sprache organisierte. Die gleiche Taktik will er am 3. März in Kalifornien und Texas fahren, also die größten Staaten, in denen am “Super Tuesday” Vorwahlen anstehen. An diesem Tag wird gleich in 14 Staaten gewählt.

Der private Bernie Sanders

Anders als 2016 soll sich Sanders nach dem Willen seiner Strategen etwas mehr von seiner persönlichen Seite zeigen. Als er im März 2019 im New Yorker Bezirk Brooklyn seine erneute Bewerbung verkündete, erzählte er davon, wie er in der Nähe in “einem mietenkontrollierten Dreieinhalb-Zimmer-Aparment” aufgewachsen sei. Und in San Antonio in Texas sagte er seinen Zuhörern, dass er die Erfahrungen von Migranten nachempfinden können. Schließlich sei sein Vater einst mittellos von Polen in die USA ausgewandert.

Gleichwohl räumte der mit 78 Jahren älteste Bewerber der Demokraten unlängst in einem TV-Interview ein, dass es ihm schwerfalle, viel Persönliches zu verraten. “Ich bin in gewisser Weise irgendwie eine private Person”, sagte Sanders. “Und wissen Sie, ich bin nicht besonders scharf drauf, der Welt alles Persönliche in meinem Leben zu erzählen.” Je höher sein Stern steigt, desto schwieriger dürfte das werden.

RND/AP

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