US-Truppenabzug aus Nordsyrien - eine unrühmliche Flucht

  • Hals über Kopf ziehen die USA ihre gesamten Truppen aus Nordsyrien ab.
  • In der Region herrscht Chaos, doch Präsident Trump feiert die Erfüllung eines Wahlversprechens.
  • Nun fordern Parteifreunde als Feigenblatt harte Sanktionen gegen die Türkei.
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Washington. Fünf Jahre lang haben die USA gemeinsam mit Kurdenmilizen versucht, den Norden des Bürgerkriegslandes Syrien zu stabilisieren. Nun sucht der einstige Weltpolizist ohne Rücksicht auf Verluste das Weite. „Es wird jede Stunde schlimmer“, sagte US-Verteidigungsminister Mark Esper am Sonntag (Ortszeit) und gab den Komplettabzug der 1000 US-Soldaten aus der Region bekannt. Das amerikanische Militär befinde sich in einer „unhaltbaren“ Lage. Es drohe zwischen die Fronten von türkischen und syrisch-russischen Kämpfern zu geraten, gestand Esper.

Der chaotische Rückzug legt offen, dass Donald Trump keinerlei Plan hatte, als er vor gut einer Woche seinem türkischen Kollegen Recep Tayyip Erdogan freie Hand für eine Invasion im nordsyrischen Grenzgebiet einräumte. „Wir haben den IS zu 100 Prozent besiegt“, behauptete der US-Präsident damals. „Nun ist es Zeit, aus diesen lächerlichen endlosen Kriegen herauszukommen.“

Das alles werde schrittweise geschehen, versicherten Washingtoner Regierungsvertreter eilig. Zunächst sollten nur 50 US-Soldaten verlegt werden. Warnungen vor drohenden ethnischen Säuberungen durch die türkische Armee begegnete Trump mit dem Hinweis auf seine „großartige und unvergleichliche Weisheit“, die das verhindern werde.

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Gefangene Kämpfer der Terrormiliz IS können entkommen

Tatsächlich dringt das türkische Militär nun wesentlich brutaler und tiefer als erwartet in Syrien ein. „Es herrscht das totale Chaos“, sagte ein hoher amerikanischer Regierungsvertreter der „Washington Post“. Auch sind nach Agenturberichten in der nordsyrischen Stadt Ain Issa mehrere Hundert Familienangehörige von Kämpfern der Terrormiliz IS aus den bislang von Kurden bewachten Lagern geflohen.

Trump hatte behauptet, die USA hätten die schlimmsten IS-Kämpfer vor dem Beginn des Rückzugs in Sicherheit gebracht. Nach Recherchen der „New York Times“ stimmt das nicht: Lediglich zwei britische Gefangene, die Geiseln gefoltert und ermordet haben sollen, seien aus der Kampfzone gebracht worden.

Trotzdem ist Trump entschlossen, den fluchtartigen Truppenabzug als politischen Erfolg darzustellen. „Es ist sehr schlau, ausnahmsweise mal nicht in die intensiven Gefechte entlang der türkischen Grenze verwickelt zu sein“, twitterte er. Bei Kundgebungen in den letzten Tagen brüstete er sich damit, sein Wahlversprechen zu erfüllen und die Truppen heimzuholen: „Andere werden kommen und für die eine oder andere Seite kämpfen. Lasst sie ruhig!“

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Trumps selbst gewähltes Image als Pazifist hat tiefe Kratzer

Doch das Image des vermeintlichen Pazifisten im Weißen Haus hat tiefe Kratzer. Nicht nur hat Trump nämlich fast zeitgleich 2000 US-Soldaten nach Saudi-Arabien entsandt, um das ölreiche Königreich gegen mögliche Aggressionen des Iran zu stärken. Viele Kritiker in den USA werfen dem Präsidenten vor allem vor, die verbündeten Kurdenmilizen über Nacht ihrem Schicksal überlassen zu haben und sämtliche Erfolge im Kampf gegen den IS zu gefährden.

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„Unsere Außenpolitik ist käuflich, unsere Alliierten wurden betrogen, unser Militär wird zum Rückzug befohlen und unsere Nation ist gedemütigt“, kommentierte der neokonservative Kolumnist Bill Kristol bitter. Das wirtschaftsfreundliche „Wall Street Journal“ nannte Trumps Außenpolitik „verantwortungslos“ und prophezeite, die abrupte Kurswende im Mittleren Osten könnte die Wiederwahl des Präsidenten gefährden.

„Wer soll den USA als Bündnispartner noch vertrauen?“, fragte Eliot Engel, der demokratische Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Repräsentantenhaus. „Das ist absolut erbärmlich.“ Sein Parteifreund Bob Menendez, der im Auswärtigen Ausschuss des Senats sitzt, warf Trump vor, das Leben von US-Soldaten und Zivilisten zu gefährden. Der republikanische Senator Lindsey Graham, ein enger Vertrauter und Golfpartner des Präsidenten, vermied es zwar, Trump direkt anzugreifen. Er warnte jedoch, die von Trump ermöglichte türkische Invasion werde allein der Terrormiliz IS, dem Iran und Russland helfen „und sie wird einen Albtraum für Israel begründen“.

Angesichts der dramatischen Lage im syrischen Grenzgebiet macht Graham nun mit anderen Kongressangehörigen mächtig Druck für Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei. Eine überparteiliche Mehrheit in den beiden Häusern des Kongresses scheint erreichbar. Finanzminister Steven Mnuchin versicherte, sobald der Präsident dies anordne, könne man den gesamten Dollar-Zahlungsverkehr der Regierung in Ankara lahmlegen.

Noch zögert der Präsident: „Stay tuned!“, empfahl er wie in einer TV-Serie bei Twitter. Mehr als ein moralisches Feigenblatt für den Weltpolizisten auf der Flucht wäre das wohl kaum. Aber mit solchen Strafen würde Trump in seinem schwindelerregenden außenpolitischen Slalomkurs die bislang wildeste Kurve hinlegen: Erst vor wenigen Tagen hatte er die Türkei überschwänglich als „großen Handelspartner“ gelobt und für November einen Besuch von Erdogan im Weißen Haus angekündigt.

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