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US-Abzug aus Afghanistan: Das Ende einer unvollendeten Mission

Der letzte Amerikaner: Kurz vor Mitternacht am späten Montagabend besteigt Generalmajor Chris Donahue, Kommandeur der 82. Luftlandedivision der US-Armee, als letzter Soldat ein C-17-Frachtflugzeug, das Afghanistan verlässt.

Washington. Der letzte Akt vollzog sich bemerkenswert geräuschlos und präzise. Es war eine Minute vor Anbruch des vereinbarten Stichtags in Kabul, als in der Nacht zum Dienstag ein graues Militärtransportflugzeug des Typs C-17 mit den letzten amerikanischen Soldaten vom Hamid Karzai Airport abhob. Zuvor hatte es Raketenbeschuss gegeben. Doch zahlreiche amerikanische Bomber, Kampfhubschrauber und Drohnen sicherten aus der Luft den reibungslosen Abschluss einer hochgefährlichen Mission.

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„Ich bin hier, um die Vollendung unseres Abzugs auf Afghanistan zu verkünden”, erklärte kurz darauf der zuständige US-Kommandeur General Kenneth McKenzie in einer Videoschalte mit Journalisten im Pentagon. Am Boden in Kabul feuerten die militant-islamistischen Taliban Feuerwerk und Freudenschüsse ab. „Dieser Sieg gehört uns allen”, verkündete ihr Sprecher Sabiullah Mudschahid, und versprach: „Die Menschen sollen sich keine Sorgen machen.”

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Mehr als 100.000 Menschen verloren ihr Leben

Der mit 20 Jahren längste Krieg in der Geschichte der USA endete für die Weltmacht mit einer schweren Demütigung: In Afghanistan ist nun wieder jene Gruppe an der Macht, die Ex-Präsident George W. Bush mit seinem Marschbefehl nach den Terror-Angriffen vom 11. September eigentlich ablösen wollte.

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Seither sind mehr als 100.000 Menschen – darunter 2461 US-Soldaten – ums Leben gekommen. Die letzten 13 GIs starben bei einem Selbstmordattentat der islamistischen Terrorgruppe IS am vorigen Donnerstag. Nach Berechnungen amerikanischer Medien hat der gigantische Militäreinsatz die US-Steuerzahler mehr als 2 Billionen Dollar gekostet.

Die neuen Machthaber: Kämpfer der Spezialeinheit der Taliban treffen nach dem Abzug der US-Truppen auf dem Flughafen Kabul ein.

Die neuen Machthaber: Kämpfer der Spezialeinheit der Taliban treffen nach dem Abzug der US-Truppen auf dem Flughafen Kabul ein.

Nach dem rasanten Sturz der bisherigen afghanischen Regierung unter dem korrupten Präsidenten Aschraf Ghani hatte US-Präsident Joe Biden vor zweieinhalb Wochen eine chaotische Rückzugsaktion eingeleitet. Zwar konnte in dieser Zeit eine beachtliche Luftbrücke aufgebaut werden, über die Amerikaner und Verbündete insgesamt mehr als 122.000 Menschen ausflogen.

Doch zahlreiche Ortskräfte, die nun Rache und Vergeltung der Taliban fürchten müssen, blieben zurück. Amerikanische Nichtregierungsorganisationen schätzen, dass alleine etwa 60.000 Übersetzer, Fahrer und sonstige lokale Mitarbeiter des US-Militärs, des Geheimdienstes CIA und der Botschaft nicht evakuiert werden konnten.

Nun beginnt das politische Schwarze-Peter-Spiel

„Wir haben nicht alle herausbekommen, die wir herausbekommen wollten”, gestand General McKenzie. Politisch besonders schwerwiegend ist, dass nach Einschätzung des US-Außenministeriums auch 100 bis 200 Amerikaner zurückbleiben mussten, die das Land verlassen möchten.

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Biden hatte versprochen, alle ausreisewilligen Staatsbürger zu evakuieren. Daran wolle man festhalten, versicherte nun Außenminister Antony Blinken: „Unser Versprechen hat kein Verfallsdatum.” Allerdings werde dies auf anderem Weg geschehen: „Die Militärmission ist beendet. Eine neue diplomatische Mission hat begonnen.”

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Innenpolitisch gerät Präsident Biden damit weiter unter Druck. „Es ist moralisch unverzeihlich, dass Präsident Biden Amerikaner in Afghanistan aufgegeben hat”, sagte der republikanische Abgeordnete Darin LaHood. Zahlreiche Republikaner twitterten ähnliche Botschaften. In Windeseile werde gerade eine Dolchstoßlegende fabriziert, kommentierte der renommierte Publizist David Frum: „Erstaunlich ist vor allem, dass die wichtigsten Mythenerzähler jubelten, als Präsident Trump versprach, das zu tun, was Präsident Biden gemacht hat.”

Doch die Biden-Regierung befindet sich nun tatsächlich in einer schwierigen Lage. Insgesamt rund 6000 Amerikaner konnten in den letzten Tagen ausgeflogen werden. Bei der Evakuierung der verbliebenen Landsleute ist Washington nun auf die Taliban angewiesen.

Auffällig war, wie zurückhaltend General McKenzie die neuen Machthaber beschrieb, die den Abzug vor dem Flughafen sicherten. Die selbsternannten „Gotteskrieger” seien „sehr pragmatisch und geschäftsmäßig” gewesen, bemerkte der Offizier fast anerkennend. Umgekehrt äußerte Talibansprecher Mudschahid den Wunsch nach guten Beziehungen mit den USA.

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Das Selbstmordattentat vom vorigen Donnerstag zeigt jedoch, wie fragil die Sicherheitslage vor Ort ist. Beobachter in Washington erwarten Flügelkämpfe zwischen gemäßigten und extremistischen Taliban. In dieser Situation könnten sich Terrorgruppen wie der IS wieder breitmachen. „Die Militärmission ist vorbei. Aber die Sorgen sind zurück”, beschreibt das „Wall Street Journal” knapp und treffend die Lage.

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