US-Soldaten in Afghanistan: Im Visier der Kopfgeldjäger?

  • Nach amerikanischen Geheimdiensterkenntnissen soll Russland militanten Islamisten Geld für Angriffe auf US-Soldaten geboten haben.
  • In Washington wurde offenbar über mögliche Gegenreaktionen diskutiert.
  • Präsident Donald Trump will von nichts gewusst haben, doch er dementiert die Enthüllungsgeschichte nicht.
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Washington. Anderthalb Tage ging Donald Trump auf Tauchstation. Die unerhörte Exklusivgeschichte der “New York Times” stand erst im Netz, dann auf der Titelseite der Zeitung. Dann wurde sie von den Konkurrenzblättern “Washington Post” und “Wall Street Journal” bestätigt. Doch der US-Präsident schwieg. Erst am Sonntagmorgen setzte er einen defensiven Tweet ab: “Niemand hat mich (…) über die sogenannten Attacken auf unsere Truppen in Afghanistan durch die Russen unterrichtet oder mir davon erzählt.” Ein Dementi klingt anders.

Sowohl der Zeitverzug wie die inhaltliche Unbestimmtheit der Reaktion sind bemerkenswert. Nach amerikanischen Medienberichten hat eine russische Spionageeinheit militanten Taliban-Islamisten in Afghanistan nämlich ein Kopfgeld für die Tötung von US-Soldaten angeboten. Das sollen amerikanische Geheimdienste unter anderem bei Verhören von afghanischen Gefangenen erfahren und nach Washington gemeldet haben. Ende März gab es dazu offenbar eine behördenübergreifende Besprechung im Nationalen Sicherheitsrat, bei der auch mögliche Reaktionen von einer offiziellen Protestnote an Moskau bis zu neuen Sanktionen besprochen wurden. Doch nichts geschah.

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Auch die Republikaner im Kongress sind alarmiert

Nicht nur der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden reagierte “empört” auf die Enthüllung, die einen “Betrug an unserer heiligsten Pflicht als Nation” offenlege. Auch führende Republikaner im Kongress, die Trumps Affinität für den russischen Präsidenten Wladimir Putin schon länger kritisch begleiten, äußerten sich alarmiert. So forderte Richard McCaul, der führende Republikaner im Auswärtigen Ausschuss des Repräsentantenhauses, eine schnelle Unterrichtung: “Wenn das zutrifft, muss die Regierung zügige und ernsthafte Schritte unternehmen, um die Russen zur Verantwortung zu ziehen.” Senator Lindsey Graham, eigentlich ein Vertrauter des Präsidenten, erklärte: “Ich erwarte, dass die Trump-Regierung diese Anschuldigungen ernst nimmt und den Kongress unmittelbar über die Substanz dieser Berichte informiert.” Das von konservativen Trump-Gegnern finanzierte Lincoln Project produzierte eilig einen bitteren Videoclip, in dem er den Präsidenten kaum verhüllt des Staatsverrats bezichtigt.

Doch am Wochenende zuckten erst einmal alle Verantwortlichen mit den Schultern. Die Sprecherin des Weißen Hauses, Kayleigh McEnany, betonte, dass weder Trump noch sein Stellvertreter Mike Pence informiert gewesen seien. Diese Aussage bestätigte Stunden später auch der oberste Geheimdienstchef John Ratcliffe, der freilich erst seit ein paar Wochen im Amt ist. Sein kommissarischer Kurzzeitvorgänger war von Februar bis Mai der Ex-Deutschland-Botschafter Richard Grenell gewesen. “Ich habe davon nie gehört”, behauptete der bei Twitter.

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Trump verweist auf das russische Dementi

Zum Inhalt der Enthüllung äußerte sich die amerikanische Regierung jedoch nicht. Trump twitterte lediglich: “Jeder bestreitet es, und es gab nicht viele Angriffe auf uns (…). Wahrscheinlich ist das eine weitere verrückte Attacke der ‚Times’.” Tatsächlich bestreiten die russische Regierung und die Taliban die Berichte entschieden, denen zufolge dieselbe Spezialeinheit des russischen Militärgeheimdienstes GRU hinter der Operation stecken soll, die auch für den Giftanschlag auf den Ex-Spion Sergej Skripal in Großbritannien 2018 verantwortlich gemacht wird. Im vergangenen Jahr kamen in Afghanistan 20 US-Soldaten bei Kämpfen ums Leben. Laut New York Times ist nicht klar, ob das Kopfgeld dabei eine Rolle spielte.

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Die Enthüllung trifft Präsident Trump in einer heiklen Phase. Bis zum nächsten Frühjahr will er alle US-Truppen aus Afghanistan abziehen, doch die Umsetzung eines Abkommens mit den Taliban stockt. Trump hat sich zuletzt häufig positiv über die Beziehungen zu Moskau geäußert und wollte Präsident Putin sogar wieder zu den G7-Gipfeln einladen. Vor dem Hintergrund der jüngsten Enthüllung wirkt das befremdlich. Doch auch die von ihm behauptete Unkenntnis wirft ernste Fragen auf. “Wenn das zutrifft, gibt Trump nicht einmal mehr vor, als Oberkommandierender zu wirken. Und niemand in seiner Umgebung hat den Mut, ihn dazu aufzufordern”, kritisierte Susan Rice. Für die Ex-Sicherheitsberaterin von Barack Obama illustriert der Vorgang vor allem eines: Die “tödliche Inkompetenz” der Trump-Regierung.

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