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Nabu-Präsident Krüger: „Jetzt Landschaften für den Klimawandel fit machen“

  • Die Unwetterkatastrophe im Westen Deutschlands sollte endlich zum Umdenken bei der Gestaltung von Landschaften und Siedlungen führen.
  • Das jedenfalls fordert der Präsident des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu), Jörg-Andreas Krüger, im RND-Interview.
  • Bei der Anpassung an den Klimawandel seien jetzt Grundsatzentscheidungen fällig.
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Berlin. Der Landschaftsarchitekt Jörg-Andreas Krüger ist seit 2019 Präsident des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu). Zuvor war er in der Geschäftsleitung des WWF tätig. Im RND-Interview spricht er über Versuche, die Natur zu domestizieren, das Aufbrechen versiegelter Flächen in Siedlungen und – Friedrich Merz.

Herr Krüger, das Hochwasser im Westen Deutschlands hat sehr viele Menschenleben gekostet und Häuser zerstört. Haben Sie nach der Elbeflut vor 19 Jahren solch eine Katastrophe für möglich gehalten?

Die Dimension der Opferzahlen ist erschreckend. Das ist auch der Unterschied zu den großen Fluten an Elbe und Oder. Deutschland ist sicher ein gut vorbereitetes Land. Gleichzeitig nehmen jedoch Extremwetterereignisse wie lange Trockenheit oder Starkregen zu. Wenn die auf bestimmte Bodenbedingungen oder eine begünstigende Topografie treffen, hilft dann nicht mehr viel.

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Die Behörden gehen aktuell von Milliardenschäden aus. Wo sind die größten Verluste bei Umwelt und Natur entstanden?

Das Abrutschen vieler Hänge ist schon dramatisch. Da wird viel stabilisiert werden müssen. Es gab aber auch viele Treibstofflecks und Öltanks, die aus Kellern gespült worden sind. Unklar ist noch, ob andere Chemikalien das Wasser verseucht haben oder mittlerweile im Schlamm auf den Äckern liegen.

Jörg-Andreas Krüger ist seit 2019 Präsident des Naturschutzbund Deutschland. © Quelle: picture alliance / dpa

Was muss jetzt geschehen?

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Wenn man ihr den Raum lässt, kommt Natur wieder relativ rasch zu sich. Das ist die positive Botschaft. Wir Menschen müssen der Natur ermöglichen, sich an den Klimawandel anzupassen. An der Elbe ist nach dem letzten Hochwasser schon viel passiert. Sie kann sich ausbreiten bei großen Wassermengen. Bei anderen Flüssen ist das nicht so. Nur ein Drittel der ursprünglichen Überflutungsflächen stehen bundesweit noch zur Verfügung. Die restlichen Flächen sind zugebaut mit Infrastruktur, Gewerbe oder Industrie sowie Wohnhäusern. Darum gehen die Schäden in die Milliarden.

Suchen wir zu oft nach technischen Lösungen?

Wir haben uns angewöhnt, Natur zu domestizieren. Es geht hier jetzt um eine Grundsatzentscheidung. Wenn wir Landschaften für den Klimawandel fit machen wollen, sollten wir so nah wie möglich am Ökosystem bleiben. In der Landwirtschaft hieße das zum Beispiel dauerhafte Bedeckung von Ackerflächen mit Zwischenfrüchten. Im Zweifel ist es einfacher und kostengünstiger, mit dem Ökosystem zusammenzuarbeiten.

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Nach der Hochwasserkatastrophe hat Bundeskanzlerin Angela Merkel am Dienstag Bad Münstereifel besucht.  © Reuters

Das Bundeskabinett hat an diesem Mittwoch Soforthilfen für die betroffenen Menschen und Regionen beschlossen. Was wird für den Naturschutz am dringendsten benötigt?

Ich hoffe, dass die Hilfen schnell die Menschen in den Katastrophengebieten erreichen. Im Naturschutz geht es vor allem darum, jetzt nicht wieder die alten Fehler zu wiederholen. Also nicht an Engstellen zu bauen oder Brücken durchlassfähiger zu gestalten. Es sollte finanziell unterstützt werden, mehr versiegelte Flächen in Siedlungen durch Begrünungen aufzubrechen, um große Wassermengen so ablaufen zu lassen, dass sie keine großen Schäden anrichten können. Das kann man etwa mit Dachbegrünungen oder kleinen Parks erreichen.

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Ist die Politik schon auf dem richtigen Weg?

Auf jeden Fall ist durch das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Klimaschutzgesetz viel in Gang gekommen. Deutschland fehlt jedoch nach wie vor ein stringentes Konzept. Im Moment verfolgt die Politik eine Menge von Einzelmaßnahmen, und auch hier mit einer weitgehend technischen Sicht. Da ist viel von E-Mobilität oder Fotovoltaik-Flächen die Rede. Aber wie wir in Zukunft mit Wasser umgehen wollen, dazu finde ich zu wenig.

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Blick in den Ort Schuld im Kreis Ahrweiler am Tag nach dem Unwetter mit Hochwasser.  @ Quelle: Thomas Frey/dpa

Der CDU-Politiker Friedrich Merz sagte im RND-Interview, an den Risikostellen sollte nicht mehr gebaut werden und Wasserläufe sollten wieder mehr ihrer Natur folgen können …

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Friedrich Merz hat recht – in Auen sollten wir nicht bauen. Doch wenn wir den Rhein entlangschauen, wie viel Industrie dort direkt an der Wasserkante steht – das lässt sich alles nicht so einfach und vor allem schnell rückgängig machen. Wir sollten jedoch damit anfangen, sichere Flächen für Produktion und Wohnen zu finden. Das kostet eine Menge Geld, es werden aber auch Milliardenschäden in Zukunft vermieden.

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