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Wenn Bekundungen des Mitgefühls zu politischen Leerformeln werden

  • Nach den Unwettern mit Dutzenden Toten in Deutschland hagelt es aus der Politik viel Empathie, die oft binnen weniger Stunden zu Leerformeln verkommt.
  • Einige Entscheidungsträger instrumentalisieren die Katastrophe sogar für ihre eigene Agenda.
  • Dabei ist der Grat zwischen Mitgefühl und Instrumentalisierung schmal wie ein Rasiermesser, kommentiert Markus Decker.
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Berlin. Man konnte es wieder dutzendfach lesen. „Meine Gedanken sind bei ...“, schüttete es bei Twitter. Oder: „Mein Mitgefühl gehört ...“ Kein Politiker, der etwas auf sich hält, wollte angesichts der schrecklichen Hochwasserbilder aus Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz mit mindestens 100 Toten auf Bekundungen der Empathie verzichten.

Vertreter der Grünen verbanden sie mal mehr, mal weniger direkt mit dem Hinweis auf den Klimawandel. Vertreter aus Union und FDP hielten mitunter dagegen, die Lage eigne sich dazu nicht. Nun müsse erst mal geholfen werden, hieß es.

Dabei war das öffentliche Für und Wider gepaart mit Beschimpfungen. Es war ein bisweilen unerträglicher Cocktail. Dies gilt umso mehr, als die Deutschen nach eineinhalb Corona-Jahren erschöpft sind. Ein Desaster dieser Dimension mitten in der Urlaubszeit, die ja eigentlich Erholung bringen sollte – das ist für die Psyche vieler Menschen fast schon zu viel. Gewiss liegen auch deshalb die Nerven so blank, selbst bei einzelnen Entscheidungsträgern.

Von Mitgefühl können sich Betroffene zunächst wenig kaufen

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Bekundungen des Mitgefühls – wie ernst sie subjektiv auch gemeint sein mögen – verkommen mittlerweile oft binnen weniger Stunden zu Leerformeln, wenn sie in derart großer Zahl und im oft fast identischen Wortlaut in den digitalen Netzwerken abgesetzt werden. Überdies können sich Betroffene davon zunächst wenig kaufen.

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Die wissen gerade nicht, wo ihnen der Kopf steht und wie es weitergehen soll im Leben – wenn sie noch ein Leben haben. Die Menschen am Rhein, an der Ruhr oder in der Eifel brauchen das Mitgefühl und sich daraus ergebende Mithilfe in der nächsten Woche, im nächsten Monat und gewiss auch noch im nächsten Jahr. Auf das Übrige können sie fürs Erste getrost verzichten.

Was die Menschen mit Sicherheit nicht brauchen, ist, wenn die Karawane des Mitgefühls rasch zu einem anderen Elendsort weiterzieht, eigentlich unzuständige Politiker, die sich aus allzu durchsichtigen Motiven vor die Kameras drängeln – oder gar gegenseitige Attacken um eines politischen Geländegewinns willen.

Über den Klimawandel sollte auch jetzt gesprochen werden – aber nicht im Gewand der Empathie

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Bei den aktuellen Unwettern kommt noch etwas anderes hinzu: die Versuchung, sie für die eigene Agenda zu nutzen. Gewiss hat der Starkregen mit dem Klimawandel, einem Topthema des Wahlkampfes, der Erderhitzung und dem kaputten Jetstream zu tun. Nur Ignoranten können das noch leugnen.

Insbesondere Unionskanzlerkandidat Armin Laschet wirkt bei dieser Debatte gelinde gesagt überfordert. Nichts spricht dagegen und alles dafür, das hier und jetzt zu sagen. Worüber sollte sonst im Wahlkampf gesprochen und auch gestritten werden, wenn nicht über Schicksalsfragen dieser Größenordnung?

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Laschet in Hagen: „Werden die Betroffenen nicht alleinlassen“
1:20 min
Der NRW-Ministerpräsident betonte am Donnerstag in Hagen: „Wir werden die Kommunen, die Betroffenen, nicht alleine lassen.“  © Reuters

Dann sollte man es freilich unverstellt tun, nicht im Gewand der Empathie. Die Ereignisse sprechen sowieso für sich. Was auch nicht angehen kann: Politiker X oder Y Schuld für die Toten zuzuweisen. Oder umgekehrt: So zu tun, als wäre die Zäsur der letzten Tage gar keine, sondern lediglich ein lästiger Zwischenfall, der sich mit Geld vergessen machen lässt.

Mitgefühl und Instrumentalisierung liegen oft dicht beieinander

Empathie und Instrumentalisierung vertragen sich jedenfalls schlecht. Das eine ist eine unmittelbar menschliche Regung, die kein Ziel im Visier hat. Das andere folgt einem rationalen Kalkül, das auf ein Ziel hinauswill.

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Ereignisse werden da rasch Mittel zum Zweck. Man läuft Gefahr, dass sich etwas Schönes in etwas Hässliches verwandelt. Ja, der Grat zwischen Mitgefühl und Instrumentalisierung ist schmal wie ein Rasiermesser.

Noch schlimmer ist es, wenn im zweiten Corona-Jahr und im Angesicht der Naturkatastrophe Defätismus und Verachtung Platz greifen. Das ist dann eine zweite Katastrophe. Und sie ist ebenfalls vom Menschen gemacht.

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