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„Unser Staat kann nur funktionieren, wenn Demokraten sich zusammenraufen“

  • Volker Kauder und Carsten Schneider sind als Politiker extrem unterschiedlich.
  • Bei der Erinnerung an die deutsche Demokratiegeschichte jedoch haben sie sich zusammengetan.
  • Im RND-Interview erklären die beiden, warum das Einende das Trennende am Ende überwiegt.
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Berlin. Herr Schneider, Herr Kauder, warum sollten sich die Deutschen stärker mit den Orten ihrer Demokratiegeschichte beschäftigen?

Kauder: Weil Geschichte ganz konkret vor Ort die Demokratie greifbar macht. Wer in die Frankfurter Paulskirche geht, in das Hambacher Schloss oder in die Leipziger Nikolaikirche, erfährt hautnah, was Menschen getan haben, um die Demokratie voranzubringen oder zu verteidigen. Das macht etwas mit den Besuchern.

Schneider: Viele Menschen haben in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft Orte, an denen frühere Generationen ihr Leben für die Demokratie riskiert haben, und wissen es gar nicht. Das wollen wir ändern. Orte können einen direkten Bezug zum eigenen Leben herstellen. Beim Kampf für Freiheit und Demokratie kommt es auf jeden Einzelnen und nicht nur auf irgendwelche Politiker in Berlin an. Das ist die Botschaft.

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Sie beide unterscheidet nicht nur Ihre Parteizugehörigkeit: Sie stammen aus unterschiedlichen Generationen, sind in verschiedenen Deutschlands aufgewachsen, sind gläubiger Christ wie Herr Kauder oder Agnostiker wie Herr Schneider. Bei den Orten der Demokratiegeschichte haben Sie sich zusammengefunden. Warum?

Kauder: Sie übersehen eine wichtige Gemeinsamkeit: Ich war Parlamentarischer Geschäftsführer meiner Bundestagsfraktion, Herr Schneider hat dieses Amt gerade inne. Ich war Fraktionsvorsitzender – er kann es noch werden. (beide lachen)

Schneider: Volker Kauder ist zwar ein richtiger Konservativer, aber ein anständiger, wie Peter Struck immer gesagt hat. Und natürlich ist der Einsatz für die Demokratie – bei allem, was uns politisch trennt – ein sehr starkes verbindendes Element. Dass sie über unterschiedliche Ansichten streiten, am Ende aber das Vereinende suchen, macht Demokraten aus.

Kauder: Im Grunde war die Zusammenarbeit zwischen Union und SPD in den vergangenen acht Jahren auch ein Teil der Demokratiegeschichte. Unser Staat kann nur funktionieren, wenn Demokraten politische Handlungseinheiten schaffen, sich also zusammenraufen und Kompromisse finden. Diese Leistung der großen Koalition kommt mir in der öffentlichen Betrachtung manchmal zu kurz.

Herr Schneider kommt aus Thüringen, wo nach der jüngsten Landtagswahl eine Regierungsbildung kaum noch möglich war, weil die politischen Ränder so stark geworden sind. In der baden-württembergischen Heimat von Herrn Kauder sind die sogenannten „Querdenker“ besonders lautstark. Setzen Sie beide sich auch deshalb für die Demokratieorte ein, weil Sie aus eigener Erfahrung wissen, wie verwundbar die ist?

Kauder: Das spielt sicher eine Rolle. Manche Entwicklung der letzten Jahre bereitet mir Sorge, auch wenn ich die Bedeutung vermeintlicher Bewegungen nicht zu hoch hängen will. Es gehört zur Demokratie, seine Meinung zu sagen – auch auf der Straße. Was nicht zur Demokratie gehört, sind Gewalt und Angriffe auf Polizisten oder Rettungskräfte. Das muss man deutlich sagen.

Schneider: Ich glaube, im Osten ist die Lage fragiler, das sieht man ja auch an den Wahlerfolgen der zum Teil offen rechtsextremen AfD. Der Kampf gegen die Feinde der Demokratie wird bei uns härter geführt.

Kauder: Ich habe Respekt davor, was SPD und meine Parteifreunde von der CDU in den Neuen Ländern für die Verteidigung der Demokratie leisten. Diese Kämpfe sind aber nicht neu. Ich war zu einer Zeit Generalsekretär der baden-württembergischen CDU, als wir uns gegen NPD und Republikaner wehren mussten. Da habe ich gelernt, wie man mit Antidemokraten umgehen muss. Keine Zusammenarbeit mit Extremisten – das ist der entscheidende Punkt.

Lassen Sie uns über die einzelnen Orte reden. Welcher berührt Sie am meisten?

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Schneider: In meinem Wahlkreis liegt Weimar, die Stadt, in der die verfassungsgebende Versammlung 1919 über ein halbes Jahr lang getagt hat. Ich habe mich deshalb für die Schaffung des Hauses der Weimarer Republik eingesetzt. Aber mich fasziniert ganz grundsätzlich, dass man Orte der Demokratie in Deutschland praktisch überall finden kann. Nehmen Sie das Hambacher Schloss, das Erfurter Unionsparlament, die Frankfurter Paulskirche und die zahllosen kleineren Orte, an denen Aufstände gegen die antidemokratische Obrigkeit stattgefunden haben – es ist beeindruckend, wie viele Spuren der Kampf für Freiheit, Menschenrechte und Mitbestimmung in unserem Land hinterlassen hat.

Kauder: Das Freiheitsmuseum in Rastatt, dem zentralen Schauplatz der Badischen Revolution, hat für die Menschen in Baden-Württemberg eine große Bedeutung. Mir persönlich liegt auch die Frankfurter Paulskirche als Sitz des ersten gesamtdeutschen Parlaments sehr am Herzen.

Wozu braucht es eine bundeseinheitliche Stiftung?

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Schneider: Viele Orte der Demokratiegeschichte hängen vor allem von lokalen Initiativen ab. Davon, dass sich Menschen vor Ort engagieren. Diese Menschen wollen wir unterstützen. Finanziell, aber auch ideell. Durch die Stiftung soll ein Netzwerk entstehen. Wir heben damit die Erinnerungskultur auf ein neues, aus meiner Sicht angemessenes Niveau. Und wir wollen mehr Forschung möglich machen.

Kauder: Es gibt auch viele Orte, deren historische Bedeutung für die Entwicklung der Demokratie nicht ausreichend gewürdigt wird. Das betrifft vor allem die friedliche Revolution in der DDR. Nehmen Sie das Haus am Werderschen Markt in Berlin, wo die erste frei gewählte Volkskammer tagte. Ohne jeden Zweifel handelt es sich dabei um einen wichtigen Ort der deutschen Demokratiegeschichte. Das war mir aber lange gar nicht bewusst.

Orte wie zum Beispiel die Frankfurter Paulskirche oder das Hambacher Schloss sind berühmt. Viele andere sind weitgehend unbekannt. Woran liegt das?

Schneider: Orte der Demokratiegeschichte sind in den seltensten Fällen architektonische Highlights. Wir bestaunen Schlösser oder Kirchen wegen ihrer kulturgeschichtlichen Bedeutung, die aber sind in den meisten Fällen Orte des Adels oder des Klerus. Deshalb ist es mir so wichtig, die Geschichten der Orte der Demokratie zu erzählen.

Kauder: Ich bin überzeugt davon, dass es viele Erinnerungsstätten verdienen, bekannter zu werden. Ich selbst habe mir vorgenommen, nach meinen Ausscheiden aus dem Bundestag viele der historisch bedeutsamen Orte zu besuchen. Meine Hoffnung ist, dass andere damit nicht so lange warten wie ich.

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