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Fünf Gründe, warum die Union unterschätzt wird

  • Die CDU erlebt mit Armin Laschet einen demoskopischen Katastrophensommer: Nach den Umfragen haben Olaf Scholz und seine SPD die Bundestagswahl schon so gut wie gewonnen.
  • Bei tatsächlichen Wahlen aber hatte die CDU zuletzt zweimal die Nase vorn: bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Juni und bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen am 12. September.
  • Könnte es sein, dass die CDU generell gern mal unterschätzt wird? Und wenn ja, warum? Eine Analyse von Matthias Koch.
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Olaf Scholz, Glückwunsch, ist der Sieger sämtlicher Umfragen. Ob es um die Sonntagsfrage geht, die Kanzlerfrage oder auch die Frage, wer beim jüngsten Triell die beste Figur gemacht hat: Stets wird er zur Nummer eins ausgerufen.

Mit Blick auf Armin Laschet dagegen haben Deutschlands Demoskopen und Medien wie auf ein Zeichen alle Daumen nach unten gedreht. Acht von acht führenden Meinungsforschungsinstituten sehen die SPD inzwischen vor der CDU/CSU. Zugleich gibt es für Laschet in Kommentaren und Talkshowrunden Hohn oder bestenfalls Mitleid: Auch Wohlwollende sehen ihn als bereits Geschlagenen.

Was aber, wenn sich dies alles als kollektive Fehleinschätzung herausstellen sollte?

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Der „Neuen Zürcher Zeitung“ blieb es vorbehalten, diese Woche eine Frage zu stellen, die viele als ketzerisch empfinden werden: „Finden die Deutschen Scholz als Merkel-Doppelgänger wirklich überzeugend, oder machen sie sich vielleicht schon über ihn lustig, ohne dass er es merkt? Ohne dass es die Demoskopen merken?“

Kann die Union also noch hoffen?

1. Noch immer sind 41 Prozent unentschlossen

Umfragen schaffen Pseudogewissheiten, die jeder gern zur Kenntnis nimmt. Nach den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie des Internets lassen sich die immer neuen Zahlen besser als je zuvor verkaufen. In Wirklichkeit aber ist die Aussagekraft der Umfragen geringer denn je.

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Noch nie, sagt der Chef der Forschungsgruppe Wahlen, Matthias Jung, wechselten die Meinungsbilder vor einer Bundestagswahl so sehr wie in diesem Jahr.

Es gibt streng genommen nur ein einziges aktuelles Umfrageergebnis, das man sich unbedingt merken sollte: 41 Prozent sind laut Forschungsgruppe Wahlen immer noch unsicher, ob und wen sie wählen wollen.

Vor diesem Hintergrund müsste man eigentlich neben jedem Umfrageergebnis ein Warndreieck aufstellen: Achtung, diese Zahlen taugen beim besten Willen nicht zu einer Prognose über die Bundestagswahl.

Schon seit den Siebzigerjahren weiß die Forschung: Je weniger festgelegt die Wähler sind, umso mehr wächst die Gefahr, dass Umfragen vor Wahlen nur noch auf sich selbst zurückkoppeln. Es ist, als ob ein Verstärker nach Anschluss eines zu nahen Mikrofons anfängt zu pfeifen. Zahlen und Balkendiagramme lassen dann ein vermeintlich klares Meinungsbild entstehen – das aber nicht mehr ganz echt ist.

Scholz-Hype, Laschet-Bashing: Sagen in diesen Tagen vielleicht allzu viele etwas nur deshalb, weil sie glauben, dass es smart klinge und dass andere es auch sagen – während sie sich in Wirklichkeit noch gar nicht festgelegt haben?

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Parteiencheck vor der Bundestagswahl: CDU/CSU
1:48 min
Die Bundestagswahl steht an: Wir geben einen Überblick über das Parteiprogramm der Union für die kommende Wahl am 26. September.  © RND

2. Im „Weiter so“ liegt eine geheime Verlockung

In der Wahlkabine ist am Ende jeder ganz allein – und sich selbst der Nächste. Plötzlich spielen da Dinge eine Rolle, von denen in den Talkshows nie die Rede war: die Sorge um die eigene Familie etwa, auch um den eigenen Wohlstand, um die Möglichkeiten, die einem im Alter bleiben.

Nach der Finanzkrise 2009 ist in allen weiteren Merkel-Jahren die Zufriedenheit der Deutschen mit ihrer eigenen wirtschaftlichen Lage stetig gewachsen. Nun geht es mehr Deutschen denn je ums Bewahren. Bei vielen ist daher mittlerweile das Lebensgefühl konservativer, als es nach außen hin scheint.

Schon in den Kohl-Jahren war es oft so, dass zwar die allgemeine Wirtschaftslage mitunter sehr skeptisch, die eigene Wirtschaftslage aber als gut beurteilt wurde. Bei Wahlen politisch wirksam wurde, der damalige Kanzler wusste das, regelmäßig der Blick auf die eigene Lage.

Als derzeit besonders beeindruckend, auch im internationalen Vergleich, gilt unter Experten der sehr geringe Anteil der Deutschen, die ihre eigene Lage als „schlecht“ empfinden, sowie der kontinuierlich gesunkene Anteil derer, die mit „teils, teils“ antworten.

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Seit 2009 geht es vielen Deutschen nach ihrem eigenen Eindruck immer besser – das zeigen die regelmäßig durchgeführten Erhebungen der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF-Politbarometer. © Quelle: Forschungsgruppe Wahlen

Niemand sagt es laut, aber vor diesem Hintergrund klingt es derzeit zwei Dritteln der Deutschen schrill in den Ohren, wenn in Wahlkämpfen gesagt wird, so wie bisher dürfe es in Deutschland auf keinen Fall weitergehen. Für eine schweigende Mehrheit liegt vielmehr im „Weiter so“ eine geheime Verlockung.

Während etwa der Klimaschutz im offiziellen Diskurs stets an erster Stelle steht, geht es vielen Deutschen unausgesprochen zumindest auch darum, den bescheidenen Wohlstand zu verteidigen, den sie sich über viele Jahre erarbeitet haben. Vor diesem Hintergrund könnte der vermittelnde Kurs der CDU zur Verbindung von Klima- und Wirtschaftspolitik – Wischiwaschi im Urteil der Grünen – auf beachtliche Teile der Wählerschaft noch eine ungeahnte Anziehungskraft entfalten.

3. Laschet sammelt neuerdings Punkte

Die gegenwärtige ungewöhnliche Unsicherheit in Deutschland hat viel damit zu tun, dass die Union der Kanzlerin großzügigerweise gestattet hat, in Ruhe zu Ende zu regieren. Erstmals gibt es keinen Amtsinhaber im Kanzleramt, der lediglich um Wiederwahl bittet. Gerade Laschet hätte den Amtsbonus auf Bundesebene, von dem Scholz profitiert, gut gebrauchen können.

Angela Merkel ahnt: Sie ist Laschet etwas schuldig. Eine erste Hilfe war ihre Rede im Bundestag, in der sie deutlicher als erwartet für Laschet warb und vor einer rot-grün-roten Koalition unter Scholz warnte. Weitere Eingriffe der Kanzlerin in den Wahlkampf werden folgen, bei gemeinsamen Auftritten mit Laschet in Stralsund und in Aachen.

Der Kandidat sammelt aber auch aus eigener Kraft neuerdings Punkte. Die Delegierten des CSU-Parteitags beeindruckte er am vorigen Wochenende durch eine überraschend kämpferische Rede. Auch beim jüngsten Triell gab es einen für Laschet günstigen Vorher-Nachher-Effekt: Laut Forschungsgruppe Wahlen stieg der Anteil derer, die ihn sich als Kanzler wünschen, im Laufe der Sendung um 9 Prozentpunkte – während der Anteil derer, die sich Scholz wünschen, um 9 Punkte sank.

© Quelle: Grafik: Tomaso Donati / Forschungsgruppe Wahlen

Nachdem wochenlang nur über Laschets stilistische Unzulänglichkeiten gesprochen wurde, insbesondere sein Lachen am Rand eines Auftritts des Bundespräsidenten im Flutgebiet, geht es inzwischen zunehmend um fachliche Unzulänglichkeiten von Scholz bei der Finanzaufsicht: Warburg-Bank, Wirecard und nun auch das von der Justiz als mögliche Strafvereitelung im Amt betrachtete Versagen von Spezialeinheiten des Zolls im Kampf gegen Geldwäsche.

Als Annalena Baerbock beim Triell mit Blick auf Scholz in die gleiche Kerbe schlug, schimmerte für kurze Zeit erstmals wieder eine Option durch, von der in den Debatten der vergangenen Woche kaum noch die Rede war: Schwarz-Grün. Für Laschet war dies ein hilfreicher Moment.

4. Wähler entscheiden, nicht Befragte

Wer hätte gedacht, dass die CDU am 12. September bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen landesweit erneut stärkste Kraft werden würde – auf dem Tiefpunkt der Laschet-Krise?

Natürlich sind Kommunalwahlen stets ein sehr spezielles Ding. Alles steht und fällt mit örtlichen Bewerbern. Wahr ist aber auch: Zwei Wochen vor der Bundestagswahl sammelten Niedersachsens christdemokratische Kommunalos landesweit trotz Verlusten immer noch stolze 31,7 Prozent ein – in einem sozialdemokratisch geführten Bundesland. SPD (30,0) und Grüne (15,9) folgen erst auf Platz zwei und drei. Zerstörung der CDU geht anders.

Zerstörung der CDU geht anders: Silvia Breher, stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU und Abgeordnete aus dem niedersächsischen Wahlkreis Cloppenburg-Vechta. © Quelle: imago images/Andre Germar

CDU-Wähler tendieren zu hohen Anteilen dazu, das Wählen nicht nur als Recht, sondern auch als Pflicht anzusehen. Gefördert wird diese Haltung oft durch kommunale Aktivisten vor Ort. Die Partei hat gelernt: Jedes Gespräch an der Haustür, jeder für Senioren eingerichtete Fahrdienst hat Einfluss aufs Ergebnis.

Im Saarland trug im Jahr 2017 ein Häuserwahlkampf, digital unterstützt durch die legendäre „Connect17″-App, zum 40,7-Prozent-Ergebnis der damaligen CDU-Spitzenkandidatin Annegret Kramp-Karrenbauer bei. Kein Umfrageinstitut hatte der CDU ein so hohes Ergebnis vorhergesagt.

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In Nordrhein-Westfalen schlug in der letzten Forsa-Umfrage vor der Landtagswahl 2017 die SPD die CDU mit satten 35 zu 29 Prozent. Auch Insa (33 zu 30) und Infratest (32 zu 31) sahen die SPD bis zuletzt vorn, wenn auch knapper. Es gewann die CDU.

Für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Juni dieses Jahres sagte das Institut Insa (Auftraggeber: „Bild“) ein Kopf-an-Kopf-Rennen der CDU mit der AfD voraus: CDU 27 Prozent, AfD 26 Prozent. Das Wahlergebnis lautete zwei Tage später: CDU 37,1 Prozent, AfD 20,8 Prozent. Der Abstand betrug also nicht einen Punkt, sondern 16,3 Punkte.

Überraschend deutlicher Sieger: Reiner Haseloff, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, holte für die CDU bei der Landtagswahl im Juni 10 Prozentpunkte mehr, als es diverse Institute vorhergesagt hatten. © Quelle: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/

Wie kommt es zu einem solchen Desaster der Demoskopie? Gibt es da methodische Macken, Messfehler – oder einfach nur verblüffend große Stimmungsschwankungen in sehr kurzer Zeit?

Die Beispiele zeigen jedenfalls: Wahlen sind etwas prinzipiell anderes als Umfragen. Wahlen zeigen Mehrheitsverhältnisse unter Wählern. Umfragen zeigen Mehrheitsverhältnisse unter Befragten. Letztere äußern sich, am Telefon oder per Onlinepanel, weil sie von Demoskopen angesprochen wurden. Ob sie am Ende auch wirklich ins Wahllokal gehen, weiß niemand. Nur darauf aber kommt es an.

5. Die Älteren sind mächtiger denn je

Die Bundestagswahl 2021 wird mehr denn je von den Älteren dominiert. Laut Bundeswahlleiter sind 57,8 Prozent aller Wahlberechtigten in Deutschland diesmal älter als 49 Jahre.

Die drei ältesten Gruppen sind zugleich die zahlenmäßig stärksten:

- 12,8 Millionen der 60,4 Millionen Wahlberechtigten sind älter 69 Jahre.

- Zweitstärkste Gruppe sind die 50- bis 59-Jährigen, zu denen rund 11,8 Millionen Wahlberechtigte zählen.

- Die 60- bis 69-Jährigen liegen mit 10,2 Millionen Wahlberechtigten auf Platz drei.

Die Alten haben die Wahl: Zahlen des Bundeswahlleiters. © Quelle: Bundeswahlleiter

Die Union dürfte von diesen strukturellen Verschiebungen profitieren. Zwar war in den vergangenen Jahrzehnten ihre Dominanz unter den Älteren noch stärker als heute – inzwischen sind mehr denn je postmateriell orientierte Menschen, die etwa zu den Grünen neigen, im Rentenalter angekommen.

Ein bei der letzten NRW-Wahl beobachtetes Phänomen gibt jedoch den Wahlforschern weiterhin zu denken: Im Jahr 2017 schlug bei der Landtagswahl laut Nachwahlanalyse in der Wählergruppe 60 plus die CDU die SPD mit 43 zu 34 Prozent. Dies allein genügte der Union, um in Deutschlands wichtigstem Bundesland den Schalter umzulegen: von Rot zu Schwarz. In den jüngeren Altersgruppen lagen Union und SPD mit wechselndem Vorsprung nur einige Punkte voneinander entfernt.

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Parteiencheck vor der Bundestagswahl: CDU/CSU
1:48 min
Die Bundestagswahl steht an: Wir geben einen Überblick über das Parteiprogramm der Union für die kommende Wahl am 26. September.  © RND

Politikmanager aller Couleur kamen schon damals zu einer neuen Einschätzung zum Einfluss der Demografie auf die Demokratie: Neuerdings sind die Ü-60-Wähler nicht mehr wie früher eine von vielen wichtigen Gruppen. Sie entscheiden die Wahl.

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