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Patriarch Kirill

Wer ist der Mann, an dem fast das EU-Sanktionspaket gescheitert wäre?

Russlands orthodoxer Patriarch Kirill ist nach Druck von Ungarn nicht von EU-Sanktionen betroffen.

Berlin. Fast wäre das sechste Sanktionspaket der EU gegen Russland am Donnerstag am Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche gescheitert. Patriarch Kirill (75) genießt nicht nur das Vertrauen von Russlands Präsident Wladimir Putin und segnet den Krieg gegen die Ukraine als Kampf gegen das Böse, er muss auch ein Stein im Brett bei Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban haben.

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+++ Alle Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine im Liveblog +++

Eigentlich sollte Kirill wegen seiner Unterstützung für den russischen Angriffskrieg mit auf die Sanktionsliste der EU, weil der kremltreue Geistliche sich in seinen Predigten immer wieder hinter den Kriegskurs stellt und zuletzt sogar behauptete, Russland habe noch nie ein anderes Land angegriffen.

Patriarch Kirill im russischen Parlament.

Patriarch Kirill im russischen Parlament.

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Doch Ungarn wollte die Sanktionen, die ein EU-Einreiseverbot und Finanzsperren umfasst hätten, nicht akzeptieren. Regierungschef Viktor Orban hatte seine Haltung zuletzt „mit der Frage der Glaubensfreiheit ungarischer Religionsgemeinschaften“ begründet. Diese sei „heilig und unveräußerlich“, sagte Orban, der selbst Mitglied der ungarischen Reformierten Kirche ist.

Große Mehrheit der Gläubigen in Ungarn sind Katholiken

Die große Mehrheit der ungarischen Gläubigen sind Katholiken, Reformierte oder Lutheraner, es gibt nur wenige Tausend orthodoxe Christen. Und von denen gehört auch nur ein Teil jener orthodoxen Gemeinschaft an, die sich zum Patriarchat von Moskau bekennt. Der andere Teil gehört kirchenrechtlich zur Metropolie von Wien, die wiederum dem ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel (Istanbul) unterstellt ist.

Einigung erzielt: EU-Staaten verbieten Öl-Import aus Russland schrittweise

Das Verbot von Öl-Importen in EU-Länder gilt zunächst für russisches Rohöl, welches per Schiff geliefert wird.

Die EU verzichtet nun wegen des Widerstands Ungarns vorerst auf Sanktionen gegen Kirill. Das sechste EU-Sanktionspaket, in dem ein weitgehendes Ölembargo enthalten ist, wurde am Donnerstag von den 27 EU-Staaten ohne die eigentlich geplante Strafmaßnahme gegen den Patriarchen gebilligt. Weil eine einstimmige Entscheidung notwendig war, konnten sich die anderen 26 Länder nicht gegen Ungarn durchsetzen.

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Der seit 2009 im Amt befindliche Kirill gilt seit Langem als loyaler Putin-Unterstützer und rechtfertigt auch jetzt den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, in dem er – wie Putin – auf die „gemeinsame jahrhundertealte Geschichte“ von Russland und der Ukraine verweist. Sie begann demnach im Jahr 988, als der damalige Kiewer Großfürst Wolodymyr sich taufen ließ und somit das Christentum als Religion für die Kiewer Rus etablierte, jenes altostslawische Großreich, das als Vorläufer der heutigen Länder Russland, Ukraine und Belarus betrachtet wird.

Kirill soll zu Sowjetzeiten beim Geheimdienst gewesen sein

Kirill, der zu Sowjetzeiten auch dem Geheimdienst KGB zu Diensten gewesen sein soll, hat bei seinem regierungstreuen Kurs die übergroße Mehrheit des Klerus hinter sich. Es gibt eine Erklärung gegen den Krieg, die lediglich von 286 Priestern und Diakonen unterschrieben worden ist, bei einer Gesamtzahl von mehr als 38.000. Das Verhältnis von Staat und Kirche, von Putin und Kirill, ist sehr eng, das zeigt sich auch in gemeinsamen Positionen gegenüber dem „dekadenten Westen“.

Ob Homosexualität, Diversität, Liberalismus oder Konsum – die Kirche ist für den Staat auch eine Art Bollwerk gegen alles „Schlechte“, was aus dem Westen kommt und die nationale Reinheit Russlands bedroht. „Was der Westen an Werten vertritt, ist nach Auffassung der orthodoxen Kirche eigentlich eine unchristliche Haltung, und die Kirche widersetzt sich allen Bestrebungen, das auch in Russland zu etablieren“, sagt Thomas Bremer, Professor für Ostkirchenkunde an der Universität Münster.

Schon kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine rechtfertigte Kirill bei einem Gottesdienst den Krieg als „metaphysischen Kampf“ des Guten gegen die fremden Mächte von außen. Als willfähriger Nachahmer westlich-dekadenten Lebensstils und Zerstörer von Heimatliebe und Patriotismus russischer Lesart gilt die Ukraine, seit sie mit den Maidan-Protesten 2014 Kurs auf eine Westintegration nahm, unter anderem mit dem Ziel der Aufnahme in die Europäische Union.

Orban ließ den „Moskauer“ Orthodoxen viel Geld zukommen

Beobachter in Budapest sehen Orbans Einsatz für den Moskauer Patriarchen vor allem durch ideologische Gemeinsamkeiten begründet. „Fast alles, was Orban auf dem Gebiet der Machtausübung in Ungarn getan hat, trägt den Stempel ‚Made in Russia‘“, meint der Budapester Historiker Krisztian Ungvary. Wie Putin habe Orban die Universitätsautonomie abgeschafft, einen Feldzug gegen die Rechte von Schwulen und Transsexuellen gestartet, unabhängige Medien beseitigt und kritische Zivilorganisationen unter Druck gesetzt.

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Zugleich hat Orban, der sich immer mit seinen guten Kontakten zu Putin rühmte, in den vergangenen Jahren den „Moskauer“ Orthodoxen in Ungarn viel Geld zukommen lassen. So wird mit großem Aufwand die orthodoxe Liebfrauenkirche im Zentrum von Budapest renoviert. Selbst für den Bau einer eigenen orthodoxen Kirche im südwestungarischen Kurort Heviz hatte Orban eine Million Euro aus der Staatskasse übrig. Bis zum Ukraine-Krieg war Heviz ein beliebtes Urlaubsziel gut betuchter Russen.

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Ungewöhnlich war auch, dass Orban als Regierungschef eines nicht orthodoxen EU-Landes Kirill im Vormonat mit warmen Worten zur Wiederwahl als Patriarchen gratulierte. „Sie sind einer der wenigen europäischen Politiker, die während ihrer Arbeit bemerkenswerte Anstrengungen unternehmen, um die christlichen Werte zu erhalten und die Normen der öffentlichen Moral und die Institution der traditionellen Familie zu stärken“, schrieb Orban an Kirill.

Der Ungar pflegt ein weit besseres Verhältnis zum Moskauer Patriarchen als zu Papst Franziskus in Rom. Im Februar sagte er in seiner jährlichen Rede zur Lage der Nation: „Das christliche Europa ist wegen seiner eigenen inneren Schwächen und äußerer Schläge in großer Not. Es scheint, dass das lateinische (westliche) Christentum in Europa nicht mehr auf eigenen Beinen zu stehen vermag. Ohne ein Bündnis mit der Orthodoxie, mit dem östlichen Christentum werden wir die kommenden Jahrzehnte kaum überleben.“

(mit dpa)

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