Bye, Don! Wie Frauen die US-Wahl drehen

  • Aus den USA kommen neue, verblüffende Umfragen.
  • Würden nur Männer entscheiden, hätte Donald Trump immer noch Chancen auf eine Wiederwahl.
  • Amerikas Frauen aber wenden sich derzeit so massenhaft vom Präsidenten ab, dass er wohl schon deshalb verspielt hat.
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Ihre jüngsten Zahlen können Amerikas Meinungsforscher selbst kaum glauben. Mehr als 10 Prozentpunkte Vorsprung für Joe Biden, von Küste zu Küste? Kann das denn überhaupt sein?

Monatelang lag Biden 6 oder 7 Punkte vor Trump. 10 Punkte Vorsprung aber oder gar 12, wie sie jetzt gemessen werden, hatte nicht mal Barack Obama in seinem besten Jahr, vor dem Erdrutschsieg 2008.

Wie um alles in der Welt hat sich diese tsunamihafte Welle aufgebaut? Demoskopen diskutieren derzeit über Kurvenverläufe, Soziologen wälzen Tabellen, IT-Gurus tauchen tief in ihre Datenpools ein.

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Trump vor dicht gedrängtem Publikum in Pennsylvania
1:06 min
Es sind noch gut drei Wochen bis zur US-Wahl und viele Menschen nutzen bereits die Möglichkeit der Briefwahl.  © Reuters

„Marie Claire“ erklärt die Wendestimmung

Dabei kann man des Rätsels Lösung schon ganz entspannt nachlesen, zum Beispiel beim Warten im Friseursalon. In der Frauenzeitschrift „Marie Claire“ steht eigentlich alles, was man wissen muss, um die aktuelle Wendestimmung in den USA zu verstehen.

Die Journalistin Rachel Epstein stellt in dem Magazin exakt jene Gruppe vor, die derzeit wie keine andere eine Verschiebung der Gewichte in der amerikanischen Politik bewirkt: weiße Frauen, die 2016 für Trump gestimmt haben – und dies inzwischen als Fehler sehen.

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In ihren Interviews mit den enttäuschten Wählerinnen stieß Ep­stein auf ständig wiederkehrende Muster. Viele hatten Trump im Jahr 2016 Kredit dafür gewährt, dass er ein Quereinsteiger war. Sie hofften auf ein neues, pragmatisches Herangehen des New Yorker Baulöwen an die Probleme des Landes, auf einen hemdsärmeligen, zupackenden Stil, der von einem „normalen Politiker“ nicht zu erwarten gewesen wäre. Oft hörte Epstein Sätze wie „Ich dachte, der bringt mal eine etwas andere Art von Führung rein“.

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Viele weiße Frauen wählten Trump heimlich. Die 62 Jahre alte Joni F. zum Beispiel erzählte Ep­stein, sie habe ihrem Ehemann, der zeitlebens die Demokraten gewählt habe, nie etwas davon erzählt.

Auch die 26-jährige Taylor K. aus Virginia hielt alles geheim. Obwohl sie liberal sei bei Homosexualität und Abtreibung, habe sie 2016 Trump gewählt – „der Wirtschaft wegen“. Sie tut es nicht wieder.

Was aber brachte die früheren Trump-Wählerinnen zum Umdenken?

Jessica F. (49) aus Georgia näherte sich Trump von der Mitte her. Zuvor hatte sie Obama und Bill Clinton gewählt. Im Interview mit Epstein distanziert sie sich von Hardcore-Trumpisten und deren nationalistischen Posen: „Ich gehöre nicht zu den Leuten, die rufen: ‚Make America great again, rah rah.’“

Plötzlich war Trump nur noch peinlich

Dann sagt Jessica F. die entscheidenden Sätze: „Der Moment, in dem ich realisierte, dass ich mit Trump einen Fehler gemacht hatte, war in der Corona-Krise.“ Trump habe versucht, die Verantwortung von sich wegzuschieben. „Wer aber soll Verantwortung übernehmen, wenn nicht der Präsident?“ Und dann sei es sogar noch schlimmer gekommen: Trump habe wider besseres Wissen die Situation harmloser dargestellt, als sie war. „Das war es dann für mich.“

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Die Interviews markieren einen Megatrend. Bei schwarzen Frauen bekam Trump nie einen Stich. Jetzt aber wenden sich auch noch die weißen Frauen ab. Und weil sie darüber offen reden, können Umfragen den aktuellen Anti-Trump-Trend klarer erfassen als den Pro-Trump-Trend vor vier Jahren, den viele Frauen verheimlicht hatten.

Mittlerweile ist die überall in den USA deutlich messbare Frauenbewegung weg von Trump so massiv geworden, dass allein sie diese Wahl drehen dürfte. Eine Umfrage für die „Washington Post“ und den Fernsehsender ABC führt zu frappierenden Befunden.

- Insgesamt beträgt der Vorsprung für Joe Biden 12 Punkte – er schlägt Trump derzeit mit 54 zu 42 Prozent. Hillary Clinton lag vor vier Jahren zur gleichen Zeit vor der Wahl nur 3 Punkte vor Trump.

- Würden nur die Männer abstimmen, gäbe es einen Gleichstand: 48 für Trump, 48 für Biden.

- Unter den Frauen jedoch sind 59 Prozent für Biden und nur 36 Prozent für Trump.

Ginge es allein nach den Männern, könnte Donald Trump auf ein Patt hoffen: Umfrage des Senders ABC und der Zeitung „Washington Post“. © Quelle: ABC / Washington Post
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Bewirkt wird der historisch und weltpolitisch bedeutsame Dreh durch Leute wie Kirsten Mullins, 28, Finanzexpertin aus Columbus, Ohio.

Mullins steht noch immer als registrierte Republikanerin im Internet. 2016 hat sie für Trump gestimmt. Sie arbeitet für einen Hedgefonds und hat ziemlich konservative Ansichten, vor allem in der Wirtschafts- und Finanzpolitik.

Trumps Auftritte nach seiner Corona-Erkrankung aber fand sie nur noch peinlich – das gab sie dieser Tage der „New York Times“ zu Protokoll. Besonders übel stieß ihr auf, dass Trump behauptete, er habe sich seit 20 Jahren noch nie so gut gefühlt. In Wahrheit habe der Präsident eine Behandlung bekommen, zu der 99 Prozent der Amerikaner keinen Zugang haben. So zu reden sei „ein Schlag ins Gesicht für alle, die mit den Folgen dieser Pandemie täglich zu kämpfen haben“.

„Ein Gefühl wie Weihnachten“ beim Early Voting

Vor vier Jahren freuten sich die Republikaner, Frauen wie Mullins für sich gewonnen zu haben, berufstätige Amerikanerinnen, die man auch im Deutschen als „tough“ bezeichnen würde – mit klarer Kante unterwegs und mit eigenem Kompass. Inzwischen sagt aber just diese Gruppe mit auffallender Entschiedenheit Nein zu Trump. Ein Präsident, der sich in der Viruskrise nicht an Grundregeln hält, scheidet für diese Frauen schon deshalb aus – ohne weitere politische Debatte.

Unter den weißen Frauen hat Trump bei denen vom Land noch immer die besten Karten. Und unter allen Frauen sind seine Chancen bei den weißen noch immer am größten. © Quelle: Quelle: Morning Consult

Christine Ponkowski, 56, Eigentümerin einer Reinigungsfirma in Henderson, Nevada, findet den sorglosen Umgang Trumps mit dem Virus unfassbar. Zwei Reportern der „New York Times“ diktierte sie soeben, wie ihre Firma das macht: einfach keinen Raum betreten, in dem sich eine andere Person befindet – so schütze man sich selbst und andere am besten. Noch in dieser Woche, ließ Ponkowski wissen, werde sie übrigens für Biden stimmen.

Landauf, landab melden die Early-Voting-Wahllokale einen Zulauf wie nie – und Frauen sind die treibende Kraft. Die League of Women Voters macht bundesweit mobil. Hinzu kommen örtliche Initiativen wie etwa die Women Vote Early Coalition in Memphis, Tennessee.

Seit Montag können Wähler in Georgia ihre Stimme auch persönlich abgeben: Early-Voting-Lokal in Atlanta. © Quelle: Brynn Anderson/AP/dpa

In Georgia öffneten die Early-Voting-Lokale am Montag dieser Woche. Schon bis Dienstag zählte man 242.000 abgegebene Stimmen. Viele Wähler warteten einen halben Tag in langen Schlangen auf die Stimmabgabe, aber es war ihnen nun mal ein dringendes Bedürfnis. Restaurants lieferten den Leuten Essen, Passanten schenkten ihnen Snacks. Von einem „Gefühl wie Weihnachten“ war die Rede. Vier Frauenorganisationen legen derzeit Geld zusammen und spendieren Wählerinnen in Georgia bei Bedarf eine Autofahrt zum Wahllokal mit dem Fahrdienst Uber.

„Mir war einfach wichtig, dass meine Stimme zählt“, sagte Ever­lean Rutherford, 39, eine US-Bundesbeamtin aus Cobb County, Georgia, einem Radioreporter. „Ich habe drei Kinder, schwarze Jungs, sie gehen zur Schule. Ich will, dass wir ihnen eine bessere Welt hinterlassen.“

Bevor die bessere Zukunft anbrach, musste Rutherford noch schnell ihren Mann anrufen: Nach dem langem Warten stand fest, dass sie es an diesem Tag nicht mehr schaffen würde, die Jungs von der Schule abzuholen. Sie bot ihm an, jetzt rauszugehen aus der Schlange. „Nein, nein, bleib bloß drin“, sagte der – und beeilte sich, um die Tour zur Schule selbst zu übernehmen.

Der Wahlakt als Ausdruck von Würde und Hoffnung: Ein Kernelement der 244 Jahre alten amerikanischen Demokratie wird gerade mit neuen Augen betrachtet.

Was will die legendäre „Frau aus der Vorstadt“?

Trump sieht, wie ihm die Frauen weglaufen, jeden Tag, auf den Charts, die ihm reingereicht werden. Wie angefasst er inzwischen ist, ließ der Präsident diese Woche in Pennsylvania erkennen. „Tut mir einen Gefallen, Frauen aus den Vorstädten“, sagte Trump: „Würdet ihr mich bitte mögen? Bitte, bitte! Ich habe eure verdammten Nachbarschaften gerettet, okay?“

Hintergrund ist Amerikas seit Jahrzehnten tobender parteipolitischer Kampf um Suburbia. Städter wählen tendenziell die Demokraten, die Landbevölkerung die Republikaner – zum entscheidenden Faktor werden damit die Wechselwähler in den Vorstädten.

Da Männer aber weniger zum Wechsel neigen, blickt ganz Amerika gespannt auf die legendäre „Frau aus der Vorstadt“. Was will sie? Wen mag sie?

Trump will ihr gefallen, indem er den Wohnungsbau für sozial Schwache in den Vorstädten bremst – Kritiker deuten das als ein letztlich auf rassistische Ängste zielendes Manöver.

“Würdet ihr mich bitte mögen? Bitte, bitte!" Präsident Donald Trump kehrt am Abend nach seiner Kundgebung in Johnstown, Pennsylvania, ins Weiße Haus zurück. © Quelle: imago images/ZUMA Wire

Mehr amerikanische Vorstadtfrauen denn je haben jedoch die verkniffenen Sortierungen nach Ethnien längst hinter sich gelassen. Dort, wo es tolle Jobs für Männer und Frauen gibt, in den liberalen Hightechregionen Kaliforniens etwa, gibt es auch ein tolles Zusammenrücken in den Vorstädten. Da sammeln dann Mütter und Väter bei Touren zur Schule oder zum Fußballplatz alle Kinder der Nachbarschaft ein, ungeachtet von Hautfarbe oder Herkunft.

Inzwischen tendieren, zum Entsetzen der Republikaner, auch immer mehr Gegenden in Arizona und Texas, Trump-Staaten im Jahr 2016, in diese Richtung. Hier liegt der tiefere Grund der Frustration Trumps über die Frauen aus der Vorstadt. Egal ob es um den Rust-Belt im Norden geht oder den Sun-Belt im Süden: Dort, wo es den Frauen in den Vorstädten richtig gut geht, hat er am Ende schlechte Karten.

“Staat, Sex, Amen”
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