Ulrich Wickert über Jacques Chirac: Ein freundlicher Bulldozer

  • Die Welt nimmt Abschied von Jacques Chirac, dem langjährigen Staatspräsidenten Frankreichs.
  • Der Journalist Ulrich Wickert hat ihn als ARD-Korrespondent in Frankreich über viele Jahre begleitet.
  • Im RND-Interview spricht der Autor über ihre letzte Begegnung, das deutsch-französische Verhältnis und Chiracs spezielle Freundschaft zu einem besonderen Deutschen.
Fabian Boerger
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Berlin. Herr Wickert, Sie waren jahrelang Korrespondent in Paris. Haben Sie Jacques Chirac öfter mal persönlich getroffen?

Ich habe ihn häufig in Paris getroffen. Damals war er Premierminister und gleichzeitig Bürgermeister von Paris. Ich erinnere mich an ein Treffen auf dem Pont Neuf, der ältesten Pariser Brücke über die Seine, die die Künstler Christo und Jeanne-Claude mit Stoff verhüllten. Er fand die Idee ganz toll, sodass wir dort ein Interview führten. Während diesem Termin fragte ich Chirac, der als Politiker viel schrieb, was er denn für Bücher lese. „Ich lese lieber Gedichte“, sagte er, „die sind kürzer.“

War das Ihre letzte Begegnung?

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Die letzte Begegnung war im Élysée-Palast im Jahr 2003. Dort wurde der 40. Jahrestag des Élysée-Vertrags gefeiert. Altbundeskanzler Gerhard Schröder war zu dem Termin angereist und ich habe dann ein Interview mit beiden gemacht, das in der ARD ausgestrahlt wurde.

Wie war damals Ihr Eindruck von Chirac?

Es war ein sehr freundlicher und umgänglicher Mensch. Deswegen ist er auch nach seiner Amtszeit immer beliebter geworden. Er gilt heute als der beliebteste Präsident der Franzosen in der fünften Republik.

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Und wie war er Ihnen gegenüber?

Ein französischer Kollege, mit dem ich im Élysée-Palast das Interview machte, sagte mir: „Du stellst die kritischen Fragen, denn mich hat er letztes Mal fürchterlich angeschrien.“ Bei mir war das nicht so. Ich hatte stets einen guten Draht zu ihm.

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Was hat Sie an seiner Person am meisten beeindruckt?

Ich glaube, bei Jacques Chirac denkt man an diese unglaubliche Kraft, die er zeit seines Lebens für die Politik hatte. Er trug den Spitznamen der Bulldozer. Und genau das war er.

Welchen Platz würden Sie ihm in den Geschichtsbüchern einräumen?

Er gehört nicht zu den Politikern, die einen großen Platz einnehmen werden. Er hat Frankreich nicht geprägt. Das waren eher Mitterrand oder Charles de Gaulle. Die Reformen, die notwendig gewesen wären, die hat Chirac nicht gemacht.

Ein Tiefpunkt seiner Karriere wird dagegen sicherlich einen Platz einnehmen.

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Das stimmt. Er war der erste französische Präsident, der wegen Geldgeschichten nach seiner Amtszeit zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt wurde. Allerdings hat er damals das gemacht, was in Frankreich üblich war: Man hat sehr großzügig Leute mit Staatsgroschen bezahlt.

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Gibt es denn keinen positiven Eintrag?

Es gibt eine wesentliche Sache, die vermerkt wird: Er war derjenige, der im Sicherheitsrat ein Veto gegen den Irak-Krieg eingelegt hat. Unterstützung bekam er von Gerhard Schröder. Beide einigten sich: „Nein, in diesen Krieg ziehen wir nicht.“

Wie eng war damals die Beziehung zwischen den beiden Amtskollegen?

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Am Anfang haben sich die beiden überhaupt nicht verstanden. Auch weil Schröder sagte: „Das hört jetzt auf, dass Deutschland immer der Zahlmeister ist.“ Nach einem Tipp seines Außenministers, der sich dank regelmäßiger Treffen gut mit seinem deutschen Kollegen verstand, trafen sie sich regelmäßig abseits der offiziellen Termine zum Abendessen. Diese Treffen wurden immer häufiger, und es entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den beiden. Das ging so weit, dass Chirac mit der Tochter von Schröders Ehefrau telefonierte und mit ihr parlierte.

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Hat diese Freundschaft zur weiteren Annäherung beider Länder beigetragen?

Nein, so weit würde ich nicht gehen. Aber es gab Elemente, die sind wichtig gewesen: Erstens, Chirac war der erste französische Präsident, der sagte, dass auch Frankreich während des Dritten Reichs Schuld auf sich geladen habe. Denn auch sie hätten den Verbrechern geholfen, Juden ins Konzentrationslager zu bringen. Das wurde ihm vor allem innenpolitisch angekreidet. Zweitens hat er mit Gerhard Schröder eine Zeremonie in der Normandie abgehalten, in Gedenken an die Landung der Alliierten im Juni 1944. Dort haben beide eine Art Versöhnung gefeiert.

Das Gespräch führte Fabian Boerger.

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