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Ulrich Matthes zur Corona-Krise: “Wir brauchen einander, immer”

  • Ulrich Matthes ist Theater- und Filmschauspieler und Präsident der Deutschen Filmakademie.
  • Angesichts der Corona-Krise sorgt er sich um seine 95-jährige Mutter – und um die Kultur im Land.
  • Matthes hofft aber auch, nämlich auf einen menschlicheren Umgang nach der Krise.
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Herr Matthes, wie geht es Ihnen in dieser Krisenzeit?

Ganz okay. Ich versuche, mich in dieser neuen Situation einzurichten. Und ich gewöhne mich, erstaunlich schnell, an bestimmte Routinen. Ich mache ein bisschen Sport in der eigenen Wohnung, Liegestütze und so. Vor einer Woche waren es noch 100 pro Tag, mittlerweile bin ich bei 50 gelandet … Ab und zu gehe ich auch mal spazieren. Denn ich merke, dass mir das wahnsinnig gut tut. Je mehr ich mich bewege, desto besser geht es auch meiner Seele.

Sie arbeiten in der Regel vor Publikum. Die Corona-Krise macht das bis auf Weiteres unmöglich.

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Ja, auch bei mir fällt alles aus. Aber es käme mir angesichts dieser Situation, die für viele Menschen auf der Welt absolut existenziell ist, und angesichts der vielen Toten in New York, Italien oder Spanien, total absurd vor, wenn ich darüber klagen würde, dass ich jetzt nicht mehr auftreten darf. Ganz am Anfang habe ich natürlich noch gedacht: Verflixt! Auf das Theatertreffen hatte ich mich sehr gefreut. Auf meine Vorstellungen freue ich mich sowieso immer! Denn man bekommt ja als Schauspieler enorm viel Energie zurück durch die Hunderte von Menschen, die einem da zuhören und zuschauen. Doch das Bedauern schlug nach wenigen Tagen um in eine große allgemeine Empathie, in der meine Miniverluste vollkommen irrelevant sind. Abgesehen davon bin ich durch meine feste Gage am Deutschen Theater Berlin abgesichert. So viele Freiberufliche müssen jetzt um ihre Existenz fürchten. Denen geht es zehnmal schlechter als mir.

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Stehen Sie mit Betroffenen in Kontakt?

Ja, allein aufgrund der Tatsache, dass ich Präsident der Filmakademie bin. Ich habe erst vor ein paar Tagen eine Mail verschickt an alle Mitglieder, die Mut machen sollte. Ich telefoniere mit der Geschäftsführung – auch wegen des Deutschen Filmpreises, den wir in irgendeiner Form verleihen wollen, schon als Zeichen der Solidarität und als Geste in die Branche hinein, der es ebenfalls dreckig geht. Außerdem telefoniere ich natürlich mit Familie, Freunden und Bekannten. Man ist ja ein soziales Wesen!

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Wird Ihnen das jetzt stärker bewusst?

Nee, das wusste ich auch schon vorher! Aber man leidet jetzt einfach darunter, dass man sich nicht anschauen, anfassen, umarmen oder küssen kann – oder sich nicht mit zehn Leuten an einem Tisch zusammensetzt oder auch nur zu zweit oder zu dritt. Meine Mutter ist 95. Um die mache ich mir natürlich größte Sorgen, wenn ich höre, dass etwa in Straßburg beschlossen wurde, die über 80-Jährigen nicht mehr zu beatmen, weil Kapazitäten fehlen.

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Wie bewältigen Sie diese Sorgen?

Wir telefonieren dreimal am Tag. Und ich scrolle ständig mit meinem iPhone über alle möglichen Onlineseiten, um auf dem neuesten Stand zu sein und nach kleinen Hoffnungsschimmern zu suchen. Abends lass ich das Ding dann mal ruhen und versuche, zu lesen – was mir offen gestanden nicht mehr so gut gelingt. Das ist eine merkwürdige Erfahrung. Als ob ich mich gegen die erzwungene Kontemplation wehren würde. Ich wollte nach 40 Jahren mal wieder Thomas Manns “Zauberberg” lesen, dort wird ja eine vergleichbare Situation geschildert, die Quarantäne in einem Lungensanatorium. Trotzdem oder gerade deshalb habe ich nach 50 Seiten abgebrochen und hatte keine Lust mehr.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat gesagt, sie wolle alle Kulturschaffenden durch die Krise bringen. Ist das realistisch?

Ich bin überzeugt, dass sie sich die allergrößte Mühe gibt, um die Verwerfungen und die finanziellen Schwierigkeiten für Millionen Menschen so gering wie möglich zu halten – so wie alle verantwortlichen Minister wie zum Beispiel Olaf Scholz, Peter Altmaier und natürlich die Bundeskanzlerin. Aber mein Realismus sagt mir, dass es nicht möglich sein wird, allen zu helfen. Man muss es dennoch versuchen! Die vor Corona immer wieder kritisierte große Koalition macht jedenfalls einen sehr guten Job.

Es gibt im kulturellen Leben jetzt einen großen Hype um alle möglichen Onlineformate. Ist das wirklich hilfreich – oder letztlich nur Krisenkosmetik?

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Ich habe mich selbst an so etwas beteiligt. In einem Onlinegespräch mit dem “Spiegel”-Redakteur Volker Weidermann habe ich von Friedrich Schiller zwei Balladen und ein Gedicht gelesen. Das haben erstaunlich viele Menschen angeklickt. Kosmetik ist deshalb ein zu negatives Wort. Onlineformate bieten die Möglichkeit, vielen Menschen, die wie wir alle jetzt zu Hause hocken, ein bisschen Freude durch Texte oder Musik zu geben. Gleichwohl ist das kein Ersatz dafür, mit vielen Hundert anderen Menschen gemeinsam in einem Raum zu sein und Schauspielern oder Musikern bei der Arbeit zuzusehen oder zuzuhören.

Was genau macht den Unterschied aus?

Da gehen Energien hin und her. Das ist einfach viel schöner und bewegender. Was online geschieht, bleibt ein Ersatz für uns als soziale Wesen, die sich mit anderen Menschen zusammentun und gemeinsam lachen, gemeinsam berührt sein oder auch gemeinsam Sport gucken wollen in einem Stadion. Ich freue mich heute schon mit innerem Jubel darauf, dass das alles irgendwann wieder vorbei sein wird und ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen wieder vor Zuschauern stehe. Da werden bestimmt auch ein paar Tränchen fließen.

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Mit welchen gesellschaftlichen und politischen Folgen der Krise rechnen Sie?

Na ja, das ist ein Blick in die Kristallkugel. Aber so viel kann ich sagen: Ich hoffe, dass es danach eine große Gemeinsamkeit aller Menschen gibt, die Probleme, die es dann geben wird, mit Solidarität zu bewältigen. Dazu gehört auch eine Solidarität finanzieller Art, etwa in Form eines Soli für die wirklichen Verlierer dieser Krise. Dass Adidas keine Miete mehr zahlen will, ist jedenfalls ein abschreckendes Beispiel auf der anderen Seite. Im Moment sollte es nur darum gehen, die Maßnahmen aufrechtzuerhalten, anstatt jetzt schon zu fordern, die Wirtschaft möge wieder brummen. Dieser Termin Ostern, der als Ende der Ausgangsbeschränkungen häufig genannt wird, ist ja vollkommen künstlich. Dem Virus ist Ostern egal.

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Aber ich verstehe Sie richtig: Sie schließen auch positive Konsequenzen der Krise für das spätere Zusammenleben nicht aus.

Ich bin grundsätzlich ein skeptischer Optimist. Ich habe die Hoffnung, dass wir, wenn das alles vorbei ist, ein bisschen sorgsamer, empathischer und zugewandter miteinander umgehen – und wir alle aus diesem Extremzustand lernen, dass wir zerbrechliche Wesen sind und der Gemeinsamkeit und Solidarität eher bedürfen als des Hasses und des Sich-gegenseitig-Fertigmachens. Die Krise zeigt: Unser ganzes Leben geht nur gemeinsam, wir sind soziale Tiere. Wir brauchen einander, immer. Dass sich diese Einsicht durchsetzt, ist mein zartes Pflänzchen Hoffnung.

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