Freiwillige für die Abwehr

Ukrainische Drohnenjäger – mit Museumsstücken gegen Hightechwaffen

Nächtlicher Einsatz: Die Freiwilligen-Antidrohnen-Einheit wird geleitet von Yangol (auf Deutsch Engel), einem 58 Jahre alten pensionierten Polizisten.

Nächtlicher Einsatz: Die Freiwilligen-Antidrohnen-Einheit wird geleitet von Yangol (auf Deutsch Engel), einem 58 Jahre alten pensionierten Polizisten.

Perejaslaw. Das Maschinengewehr vom Typ Maxim ist der Stolz der bunt gemischten Truppe in Perejaslaw, einer Kleinstadt südwestlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Entwickelt wurde es Ende des 19. Jahrhunderts, das Gewehr in Perejaslaw wurde 1944 gebaut. Das tödliche Monstrum, dessen Lauf mit Wasser gekühlt werden muss, wiegt mehr als 25 Kilogramm. Einzige Konzession an die Moderne ist der Laserstrahler, der an den Lauf geklemmt wurde und zeigt, wohin die Kugeln fliegen. Im Krieg in der Ukraine treffen Uraltwaffen auf hochmodernes Kriegsgerät: Mit Maxim versuchen Freiwillige in den Luftverteidigungseinheiten in Perejaslaw, russische Drohnen vom Typ Shahed abzuschießen.

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+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

Das Maschinengewehr (MG) ist nicht das einzige im Arsenal, das womöglich längst ausgemustert wäre, hätte Kremlchef Wladimir Putin im Februar 2022 nicht den Überfall auf die Ukraine angeordnet. Ein anderes Modell stammt aus dem Jahr 1943. „Vielleicht wurden damit Deutsche getötet“, meint Oleh (58), als er die Waffe aus dem Zweiten Weltkrieg präsentiert. Der ehemalige Zollbeamte ist Kommandeur von rund 100 Zivilisten in Perejaslaw, die sich freiwillig gemeldet haben, um in Kleingruppen auf Drohnenjagd zu gehen. Auch in anderen Landesteilen verteidigen Ukrainerinnen und Ukrainer in ihrer Freizeit ihre Heimat gegen die unbemannten Flugzeuge.

Mavka, der „weibliche Waldgeist“

Zu den Freiwilligen gehört Mavka, sie hat lange als Journalistin gearbeitet, jetzt studiert sie in Perejaslaw Informationstechnologie auf Lehramt. Wie die meisten hier will sie nicht mit ihrem echten Namen zitiert werden, ihr Spitzname Mavka bezeichnet in der ukrainischen Mythologie einen weiblichen Waldgeist. Die zierlich wirkende 38-Jährige, die nach Kriegsbeginn an einem Checkpoint als Scharfschützin Wache hielt, ist das Nesthäkchen in dem vierköpfigen Freiwilligentrupp.

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Die Jüngste im Freiwilligentrupp: Mavka, hat als Journalistin gearbeitet, jetzt studiert sie in Perejaslaw Informationstechnologie auf Lehramt.

Die Jüngste im Freiwilligentrupp: Mavka, hat als Journalistin gearbeitet, jetzt studiert sie in Perejaslaw Informationstechnologie auf Lehramt.

Geleitet wird die kleine Gruppe von Yangol (auf Deutsch Engel), einem 58 Jahre alten pensionierten Polizisten. Der Großvater und Hobby-Imker trägt einen prächtigen weißen Bart, in seiner Freizeit schreibt er Gedichte. Auch Makhna (53) gehört mit zum Team, der Bauarbeiter hat sich nach einem ukrainischen Anarchisten aus dem vergangenen Jahrhundert benannt. Der Vierte im Bunde ist ein 52 Jahre alter Selbstständiger namens Dimon, eine Kurzform von Dmitri. Dass alle Männer im reiferen Alter sind, ist kein Zufall: Viele jüngere Ukrainer sind eingezogen worden und kämpfen an der Front.

Ungefähr einmal die Woche ist die Gruppe 24 Stunden lang im Einsatz, um 8 Uhr morgens beginnt die Schicht. Tagsüber sei man meist zu Hause, wenn kein Alarm ausgelöst werde, sagt Mavka. Abends kommen die Freizeit-Drohnenjäger dann in einem Gebäude zusammen, das den Freiwilligen als Basis dient und über dessen Lage keine Details veröffentlicht werden sollen, damit es nicht zum Ziel wird. Den Eingangsflur dominiert eine Lenin-Büste, die andernorts abgebaut wurde. Der Begründer der Sowjetunion wurde wie ein ungezogener Junge mit dem Gesicht zur Wand in die Ecke gestellt, er hat längst keine Konjunktur mehr in der Ukraine.

Nachtschicht: Die Freiwilligen-Antidrohnen-Einheit wird geleitet von Yangol (auf Deutsch Engel), einem 58 Jahre alten pensionierten Polizisten.

Nachtschicht: Die Freiwilligen-Antidrohnen-Einheit wird geleitet von Yangol (auf Deutsch Engel), einem 58 Jahre alten pensionierten Polizisten.

An Lenin vorbei führt ein Gang mit Stockbetten zum Büro der Luftverteidigungseinheiten. An den Wänden lehnen Waffen, auf den Regalen liegen Munition und Funkgeräte. Hinter dem Schreibtisch hängt eine blau-gelbe ukrainische Flagge. Eine abgeschlossene Metalltür führt zur Waffenkammer, wo außer Maxim auch etliche Kalaschnikow-Sturmgewehre lagern. Lediglich Waffen und Munition werden von der Armee gestellt, alles andere wird von den Freiwilligen auf eigene Kosten besorgt oder von Unternehmen gesponsert: Uniformen, Splitterschutzwesten, Helme und Erste-Hilfe-Ausrüstung zum Beispiel, oder auch der Pick-up, auf dessen Ladefläche Maschinengewehre montiert werden.

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Wir schlafen, essen, tratschen und bereiten unsere Waffen vor.

Mavka,

Freiwillige

Einige Zeit vergeht nachts mit Warten. „Wir schlafen, essen, tratschen und bereiten unsere Waffen vor“, sagt Mavka. „Meistens nehmen wir Essen von zu Hause mit. Jeder versucht, etwas Besonderes mitzubringen.“ Längst seien die vier Gruppenmitglieder untereinander befreundet. „Wir sind sehr eng. Wir reden über alles Mögliche, unsere Leben, unsere Familien, unsere Freunde.“ Der Kontakt sei nicht auf die Schichten beschränkt. „Manchmal gehen wir zusammen essen, etwas trinken oder in die Sauna.“ Mavka ist überzeugt: „Wir werden Freunde bleiben, wenn der Krieg zu Ende ist.“

Der militärische Druck auf die Ukraine steigt.

Wann das sein könnte, ist offen. Klar ist, dass der militärische Druck auf die Ukraine steigt. Das stellen auch die Luftverteidiger in Perejaslaw fest. Noch vor einem halben Jahr sei in einer Schicht meist eine Welle von Shahed-Drohnen vorbeigeflogen, sagt Mavka. „Heutzutage sind es oft drei, vier oder fünf Wellen.“ In dieser nebligen Winternacht allerdings bleibt es außergewöhnlich ruhig.

Wenn die Streitkräfte russische Drohnen orten, werden die Luftverteidigungseinheiten alarmiert. Dann schleppen Mavka und ihre drei Mitstreiter Waffen und Munition zum silbernen Pick-up, dessen Nummernschild der Name eines Agrarbetriebs ziert – das Unternehmen hat das Fahrzeug bezahlt. Sie ziehen sich Schutzausrüstung an und rasen zu einer ihrer designierten Stellungen.

Jeder weiß genau, was er zu tun hat.

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Mavka ist für die Navigation zuständig und hält den Kontakt zu den Streitkräften. Makhna ist Fahrer und ebenso wie Kommandeur Yangol MG-Schütze. Dimon versucht, mit Scheinwerfern, Lasern und Wärmebildkamera am Nachthimmel die Drohnen auszumachen. „Jeder weiß genau, was er zu tun hat“, sagt Dimon. „Jeder kann aber auch die Aufgabe des anderen übernehmen.“

Abwehrbereit: Auch Makhna (53) gehört mit zum Team, der Bauarbeiter hat sich nach einem ukrainischen Anarchisten aus dem vergangenen Jahrhundert benannt.

Abwehrbereit: Auch Makhna (53) gehört mit zum Team, der Bauarbeiter hat sich nach einem ukrainischen Anarchisten aus dem vergangenen Jahrhundert benannt.

Viele Drohnen, die über die Region fliegen, haben die Hauptstadt Kiew als Ziel. „Je näher sie an Kiew herankommen, desto stärkere Waffen müssen wir zur Verteidigung einsetzen“, sagt Mavka. Und je stärker die Waffen sind, desto höher fallen die Kosten für ihren Einsatz aus. Eine MG-Patrone schlage mit weniger als einem Euro zu Buche, sagt Kommandeur Oleh – kein Vergleich zur Munition moderner westlicher Luftabwehrsysteme, die die Ukraine ebenfalls nutzt.

Pro Gepardschuss ein dreistelliger Euro-Betrag

So läuft beispielsweise beim Flugabwehrkanonenpanzer Gepard – der 1100-mal pro Minute feuern kann – pro Schuss ein dreistelliger Euro-Betrag auf (die Kosten können stark variieren). Beim deutschen Luftabwehrsystem Iris-T kostet jede Rakete Medienberichten zufolge einen sechsstelligen, beim amerikanischen Patriot-System einen siebenstelligen Euro-Betrag.

Nicht nur ist der Einsatz der westlichen Waffen teuer, der Ukraine mangelt es auch chronisch an Munition für die Systeme. Über Munitionsmangel klagt nicht nur die Luftabwehr, das Problem betrifft die gesamten ukrainischen Streitkräfte. Die russischen Truppen sind den Ukrainern an Material und Personal deutlich überlegen und rücken in den vergangenen Monaten besonders im Osten immer weiter vor. Gleichzeitig bröckelt die Front der westlichen Unterstützer der Ukraine.

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Die Grausamkeiten, die den russischen Angreifern vorgeworfen werden, haben Yangol an seinem Glauben zweifeln lassen. „Wenn Gott existiert, wie kann er dann davor die Augen verschließen?“, fragt der Mann, der sich Engel nennt. Die Ukraine kämpfe in diesem Krieg um ihre Existenz. „Sollten wir verlieren, wird die Ukraine aufhören, als Nation zu existieren.“

Mavka sagt, eine Niederlage sei möglich. „Aber ich kann nicht sagen, dass ich davor Angst habe. Wenn die Ukraine den Krieg verliert, dann werde ich das nicht mehr mitbekommen, weil ich dann tot sein werde.“ Auf keinen Fall werde sie fliehen. „Sollten die Russen hierhin kommen, dann würde ich bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen.“ Die Ukrainer wüssten, wie Menschen unter russischer Besatzung litten. „Wir können so nicht leben“, sagt Mavka. „Wir sind keine Sklaven.“

Mitarbeit: Andrii Kolesnyk