Pfarrer aus Odessa im RND-Interview

„Wir dürfen Hass und Krieg nicht gewinnen lassen“

Ein Soldat steht am Strand von Odessa.

Ein Soldat steht am Strand von Odessa.

Bevor wir dieses Interview führen können, muss Pfarrer Alexander Gross erst einmal 15 Kilometer fahren. Stromausfall in einigen Teilen rund um Odessa, mal wieder. Dann berichtet der Pfarrer der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche der Ukraine, warum die Not auch abseits der Frontlinie groß ist, was Menschen in den zurückeroberten Gebieten Chersons erlebt haben und wie das von Russland terrorisierte Land in diesem Jahr Weihnachten feiert.

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Pfarrer Alexander Gross, wie viel bekommen Sie in Odessa gerade vom Krieg mit?

Die größten Auswirkungen des Kriegs sind die häufigen Stromausfälle in Odessa. Ins Stadtzentrum führen mehrere Stromleitungen und es gibt Generatoren, die Stromversorgung dort ist recht stabil. Aber in den umliegenden Dörfern, zum Beispiel in drei meiner Gemeinden, ist die Situation ganz anders. Wir haben dort ein Kinderzentrum und helfen sozialschwachen Familien. Letzte Woche hatten wir drei Tage lang keinen Strom, keine Internetverbindung, kein Telefon. Viele Haushalte heizen mit Strom, sodass auch die Heizung nicht funktioniert. Das ist ein großes Problem und wir helfen, wo wir können. 27 Kinder lernen bei uns, weil sie zum Beispiel wegen des Stromausfalls nicht am Onlineunterricht teilnehmen können. Und wir stellen Wohnhäuser für Flüchtlinge aus der lange besetzten Region Cherson zur Verfügung.

Warum kommen die Menschen aus Cherson gerade zu Ihnen?

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Dort liegt eine meiner Gemeinden. Das Dorf ganz in der Nähe der Front wurde am 11. November von ukrainischen Soldaten aus der russischen Besatzung befreit. Während der Besatzungszeit gab es dort lange keinen Strom und kein Internet. Die Russen haben auf Hunde geschossen, zum Glück nicht auf Menschen. Einige haben mir allerdings erzählt, dass die Russen verletzte Menschen bei lebendigem Leib begraben haben.

Wie ist die Situation dort heute, also nach der Befreiung?

Jetzt ist dort alles zerstört. Die Russen haben vor ihrem Rückzug die Strom- und Wasserleitungen gesprengt. Die Not der Menschen dort ist immens. Viele der Familien kommen zu uns, weil sie dort nicht mehr leben können. Das Dorf befindet sich direkt an der Frontlinie und leider steht auch die Kirche dort direkt am Ufer des Dnjepr. Auf der anderen Seite des Flusses sind die Stellungen der Russen, und die russischen Soldaten schießen von dort. Das Leben für die Menschen in den befreiten Orten entlang der Frontlinie ist weiterhin sehr gefährlich.

Wie können Sie den Menschen konkret helfen?

Im März gab es in der Ukraine Engpässe beim Bargeld, und wir haben Geld aus Moldau geholt. Später haben wir in vielen Dörfern Lebensmittelausgaben organisiert. Wir versorgen inzwischen mehrere Dörfer im Monat mit Lebensmitteln für mehr als 200 Personen. 27 Schwerkranke versorgen wir zweimal in der Woche mit warmem Essen. Viele Rentner können sich Lebensmittel kaum noch leisten, nachdem sich die Preise für viele Produkte teilweise mehr als verdoppelt haben. Manche von ihnen erhalten nur 50 Euro Rente im Monat und wissen nicht, wovon sie sich Essen kaufen sollen. Die Situation ist katastrophal.

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Olena Gross (links), Sozialarbeiterin in Kinderzentrum und Frau von Pfarrer Alexander Gross (rechts)

Olena Gross (links), Sozialarbeiterin in Kinderzentrum und Frau von Pfarrer Alexander Gross (rechts)

Viele Menschen sind aus der Ukraine geflohen – Sie aber nicht. Warum nicht?

Aus der Ukraine zu fliehen stand für mich nie zur Diskussion. Ich konnte mir keine Sekunde vorstellen, meine Gemeinde allein zurückzulassen. Hier sind so viele Menschen, um die ich mich kümmern muss. Im März gab es außerdem das Ausreiseverbot für alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren. Ich habe zwar eine Ausnahmegenehmigung für Reisen ins Ausland. Aber ich werde hier in Odessa gebraucht.

Aber haben Sie keine Angst?

Am Anfang des Kriegs hatte ich Angst, ja. Denn ich hatte bis zur letzten Minute nicht geglaubt, dass die russische Armee wirklich in die Ukraine einfällt. Die Angst verflog aber schnell. Ich ging davon aus, dass die Russen nach zwei Wochen kapieren würden, dass sie nicht die ganze Ukraine einnehmen können. Aber offenbar sind die Russen so große Idioten, dass sie das auch nach neun Monaten noch nicht verstanden haben. Die Frage ist nur, wie viele Menschen müssen noch sterben, bis die Russen verstanden haben, dass es für sie hier kein gutes Ende geben kann.

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An diesem Wochenende ist der erste Advent und in einem Monat Weihnachten. Kommt angesichts des Krieges überhaupt Weihnachtsstimmung in der Ukraine auf?

Die orthodoxen Christen in der Ukraine feiern Weihnachten am 7. Januar und jetzt haben sie erstmals vom Patriarchen die Erlaubnis erhalten, auch am 25. Dezember zu feiern. Deshalb wird unser Weihnachtsfest am 25. Dezember sogar größer als in den vergangenen Jahren. Für Weihnachtsstimmung in unseren Gemeinden sorgen wir mit einem großen Weihnachtsmarkt. Im letzten Jahr ging der Weihnachtsmarkt elf Tage, es gab Konzerte und wir haben mit einem fast 100 Kilo schweren Stollen einen Rekord aufgestellt. Anschließend haben wir den Stollen in der Kirche gesegnet und an Bedürftige verteilt. Dieses Jahr soll der Weihnachtsmarkt zumindest vier Tage dauern, vom 23. bis 26. Dezember, mit Konzerten und Essen. Den Erlös spenden wir an die ukrainische Armee.

Steht den Menschen denn überhaupt der Sinn nach Weihnachten?

Gerade in solchen schweren Zeiten ist es umso wichtiger, den Menschen etwas Gutes zu tun und Hoffnung zu schenken. Man wird krank, wenn man immer nur mit Hass, Tod und Leid konfrontiert ist. Daher ist Weihnachten in diesem Jahr besonders wichtig. Wir dürfen Hass und Krieg nicht gewinnen lassen und die Kontrolle über unser Leben geben. Die Liebe und Menschlichkeit müssen siegen.

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