Angeblich Pläne für Kriegsende

Gerassimow wittert seine Chance: Putin laut US-Datenleak an Krebs erkrankt

Dieses von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Sputnik via AP veröffentlichte Foto zeigt Wladimir Putin (links), Präsident von Russland, und Waleri Gerassimow, Generalstabschef.

Dieses von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Sputnik via AP veröffentlichte Foto zeigt Wladimir Putin (links), Präsident von Russland, und Waleri Gerassimow, Generalstabschef.

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Die US-Geheimdienste sind offenbar tief in die russische Führungsebene durchgedrungen. Das geht aus geleakten Dokumenten der US-Nachrichtendienste vor, die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorliegen. Demnach verfügen die US-Dienste über Informationen aus Präsident Wladimir Putins innerstem Zirkel, zu dem unter anderem der erst im Januar als Befehlshaber der Truppen in der Ukraine eingesetzte Generalstabschef Waleri Gerassimow zählt.

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Wie aus den Dokumenten hervorgeht, sind die Unstimmigkeiten im russischen Führungszirkel offenbar größer als von Beobachterinnen und Beobachtern bisher angenommen. Demnach soll der russische Generalstabschef Gerassimow beabsichtigt haben, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden. Dazu soll er mit dem Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates, Nikolai Patruschew, geplant haben, den in Russland als „Spezialoperation“ bezeichneten Krieg zu sabotieren und Truppen in den Süden zu verlegen.

Gerassimow habe einen geeigneten Zeitpunkt gesucht und soll den 5. März ins Auge gefasst haben. Der Grund für diesen Tag: „Putin beginnt an diesem Tag angeblich mit einer weiteren Chemotherapie und ist dann nicht in der Lage, Einfluss auf die Kriegsführung zu nehmen“, heißt es in dem Papier. Dass Putin Krebs hat, wird in dem Papier lediglich in einem Nebensatz erwähnt und steht nicht im Fokus des Berichts. Ziel sei es gewesen, die „Spezialoperation abzubrechen“.

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Ob an den Ausführungen im Geheimdienstpapier etwas Substanzielles dran ist, lässt sich nicht feststellen. Fachleute wie Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer halten die Papiere selbst aber für authentisch und für weitgehend unverfälscht. Unklar bleibt aber, ob ihr Inhalt auch zutreffend ist. Sollten die Angaben stimmen, müsste Gerassimow um seinen Posten fürchten.

Auffällig ist die besonders hohe Geheimhaltungsstufe des Inhalts. Sie ist mit „NOFORN“ überschrieben, der Inhalt darf also nicht mit ausländischen Geheimdiensten geteilt werden. Im Gegensatz zu anderen Inhalten auf derselben Seite dürfen diese Informationen also selbst an die engsten Geheimdienstpartner („Big Five“ – neben den USA sind das Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland) nicht weitergegeben werden. Laut der Klassifizierung kontrolliere zudem der Absender genau, wer Zugriff auf diesen Inhalt erhält.

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Spekulationen über den Gesundheitszustand des russischen Präsidenten, aber nie eine Bestätigung. Die Gerüchte, wonach der Kremlchef an Krebs erkrankt sei, halten sich trotzdem hartnäckig. Der ehemalige Chef des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6, Sir Richard Dearlove, sah sogar das „Ende dieses Regimes in Russland“ erreicht. Im Podcast „One Decision“ erklärte er, es werde spätestens 2023 einen Machtwechsel geben.

Immer wieder heizte in der Vergangenheit auch der ehemalige Russland-Büroleiter des MI6, Christopher Steele, die Gerüchte um den Gesundheitszustand Putins an. Putin sei „ständig von Ärzten umgeben“ und benötige „permanent medizinische Betreuung“, sagte er vor einiger Zeit im britischen Radio. Allerdings gab es vermehrt Zweifel an seinen Quellen und viele seiner Aussagen hatten sich nicht bewahrheitet.

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Aus den geleakten Dokumenten geht auch hervor, dass es noch andere Streitigkeiten in der russischen Führung gibt. Demnach beschuldigt der Inlandsgeheimdienst FSB das Militär, das Ausmaß der Opfer auf russischer Seite zu verschleiern, so die „New York Times“. Das Militär schrecke weiter davor zurück, schlechte Nachrichten in der Befehlskette nach oben zu übermitteln, heiße es in dem Dokument. Der FSB wiederum stelle in Diskussionen mit der russischen Regierung die Zahlen des Verteidigungsministeriums infrage.

Putin wollte Streit zwischen Prigoschin und Schoigu schlichten

Zudem offenbarten die neuen Dokumente Details über einen öffentlich ausgetragenen Disput zwischen dem Chef der Wagner-Söldner, Jewgeni Prigoschin, und Verteidigungsminister Sergej Schoigu über angeblich vom Militär zurückgehaltene Munition für die Wagner-Truppe. Demnach soll Präsident Wladimir Putin persönlich versucht haben, den Streit zwischen beiden zu schlichten. Das Treffen soll am 22. Februar stattgefunden haben, heiße es in einem der Dokumente.

Seit Wochen kursieren im Internet offensichtlich geheime Dokumente von US-Stellen zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. US-Medien berichteten kurz vor Ostern erstmals über das Leck um dieses sensible Material zu beiden Kriegsparteien, ohne die Dokumente selbst zu veröffentlichen. Unklar ist, wer die schon vor Wochen bei prorussischen Kanälen verbreiteten Dokumente publiziert hat. Das Investigativnetzwerk Bellingcat wies nach, dass sie teilweise nachträglich manipuliert wurden. Die US-Regierung bemüht sich um Aufklärung.

Russland bestritt derweil Streitigkeiten seiner Sicherheitsorgane. „Ich weiß nicht, worauf sich solche Meldungen stützen, aber ich bin bereit, die Glaubwürdigkeit und das Verständnis des Autors dafür, was in Russland wirklich vorgeht, in Zweifel zu ziehen“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Donnerstag.

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mit dpa

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