„Zustände wie im Ersten Weltkrieg“

Kältetod im Schützengraben: Wie der Winter die russische Armee ausknockt

Dieses Foto wurde von der russischen Staatsagentur Tass zur Verfügung gestellt und zeigt einen russischen Soldaten bei einer Übung.

Dieses Foto wurde von der russischen Staatsagentur Tass zur Verfügung gestellt und zeigt einen russischen Soldaten bei einer Übung.

Regungslos liegen die elf russischen Soldaten in einem kleinen Erdloch nahe Bachmut, als die ukrainische Drohne sich langsam nähert und über ihnen eine Granate abwirft. Dunkler Rauch steigt auf und einer der Soldaten schleppt sich benommen ans andere Ende des Erdlochs, die anderen bewegen sich kaum. Dann schlägt die zweite Granate ein.

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Es sind schockierende Videos, die in den vergangenen Tagen an der ukrainischen Frontlinie aufgenommen wurden und das Ausmaß des nasskalten Wetters auf den Krieg zeigen. Viele russische Soldaten sind offenbar stark unterkühlt und so erstarrt vor Kälte, dass sie kaum reagieren können, wenn Drohnen tödliche Bomben auf sie abwerfen. Der Winter, meint ein Ex-Soldat und Reporter in Kiew, könnte mehr russische Soldaten töten als die Ukraine mit ihren Waffen.

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„Es sind Zustände wie im Ersten Weltkrieg“, so die Einschätzung des Militärexperten Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations (ECFR). Kälte und Nässe setzen den Soldaten bereits massiv zu, vor allem der russischen Seite, sagt er. „Videos von der Eroberung russischer Stellungen zeigen Frosttote in den Schützengräben.“ In den vergangenen Wochen sei das Wetter für die Soldaten am schlimmsten gewesen.

Der ständige Wechsel von Nässe und Kälte schwächt die Kampfkraft der Soldaten enorm. Hinzu kommen die Temperaturschwankungen um den Gefrierpunkt, so Gressel. Dies sei für die Soldaten in den durchnässten Stellungen besonders schlimm. „Die gefrierende Nässe zieht in die Kleidung ein und sie frieren mehr, als wenn es minus 15 Grad hat.“

Oft müssen sich russische Soldaten darauf fokussieren, bei der Kälte am Leben zu bleiben, und können sich kaum auf die Verteidigung ihrer Stellungen konzentrieren.

Gustav Gressel,

Militärexperte beim European Council on Foreign Relations (ECFR)

Bei eisiger Kälte verharren die russischen Soldaten oft Stunden in kleinen Erdlöchern, ohne Handschuhe und gute Stiefel, vermehrt gibt es Berichte über sogenannte Grabenfüße. Diese gefürchtete Infektion entsteht, wenn die Füße über Tage in kalten, feuchten Socken und Stiefeln stecken. Schon im Ersten und Zweiten Weltkrieg litten viele Soldaten an Grabenfüßen, einige von ihnen starben.

Dabei ist die karge Vegetation eigentlich ein Vorteil für die Russen: Sie können früher erkennen, wenn die Ukraine Truppen für eine Rückeroberung zusammenzieht. Doch offenbar sind die russischen Soldaten vielerorts dazu nicht mehr in der Lage. „Oft müssen sich russische Soldaten darauf fokussieren, bei der Kälte am Leben zu bleiben, und können sich kaum auf die Verteidigung ihrer Stellungen konzentrieren“, sagt Militärexperte Gressel. „Wenn die Aufmerksamkeit der russischen Soldaten in den frühen Morgenstunden gering ist, greifen die ukrainischen Streitkräfte an.“

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Der Winter, so die Einschätzung des britischen Geheimdienstes, wird „ganz besondere Herausforderungen für die kämpfenden Soldaten mitbringen“. Die durchschnittliche Höchsttemperatur werde von Dezember bis Februar bei durchschnittlich null Grad liegen. „Soldaten, denen es an Winterkleidung und Unterkunft mangelt, leiden mit hoher Wahrscheinlichkeit unter Kälteverletzungen“, heißt es in einem Ausblick des Geheimdienstes.

Während der Westen die ukrainischen Streitkräfte mit Winterkleidung nach Nato-Standards ausgerüstet hat, ist die Ausstattung der russischen Soldaten „in weiten Teilen der Armee katastrophal“, sagt Gressel. Dabei habe die russische Armee gutes Material bestellt. „Das Problem ist, dass die beschaffte Kleidung auf dem Schwarzmarkt verkauft wurde und die Soldaten dann oft nur alte Uniformen mit schlechter Qualität erhalten haben.“

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Einige russische Kämpfer sind allerdings überraschend gut ausgestattet, haben dicke Uniformen, vor allem Soldaten aus reichen Familien. Sie investieren laut Gressel viel eigenes Geld in warme Kleidung. Auch die Söldner der berüchtigten privaten Wagner-Gruppe seien meist ziemlich gut ausgerüstet und verfügten oft über Kleidung von westlichen Firmen. Die große Ungleichheit bei der Ausstattung verschlechtere aber die Moral unter den russischen Soldaten noch weiter. Anders bei der Ukraine, wo die Kommandanten offenbar mehr auf das Wohl ihrer Soldaten achten. Es hebt die Kampfmoral enorm, macht Gressel deutlich, wenn die Oberbefehlshaber sich bemühen, dass man nicht erfriert.

Die Russen haben in der Ukraine aber oft nur wenige Möglichkeiten, um sich aufzuwärmen. Es mangelt an warmem Essen und Tee, an Schlafsäcken und Heizmaterial. Warme Unterstände oder beheizte Schützengräben gibt es in vielen Frontabschnitten kaum. Wenn die Ukraine den russischen Streitkräften keine Chance gibt, sich zwischendurch aufzuwärmen, führt dies zu einer „hohen Todesrate durch Unterkühlung und Krankheiten“, erklärt Jack Watling vom britischen Militär-Thinktank Royal United Services Institute (Rusi).

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Die Situation der ukrainischen Soldaten sei auch hier wesentlich besser. Ukrainische Kampfstellungen sind Watling zufolge meist gepflegt, trocken und warm. Außerdem profitieren die ukrainischen Streitkräfte vom Rückhalt in der Bevölkerung. In Dörfern nahe der Front, wo Einwohnerinnen und Einwohner noch nicht evakuiert wurden, können sich die ukrainischen Soldaten aufwärmen. Die Ukrainer haben die Chance, glaubt Experte Watling, den Winter zu ihrem Vorteil zu nutzen.

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