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Welchen Meldungen kann man trauen?

Friedensexperte über den Informationskrieg: Der Kreml arbeitet „seit Jahren schamlos mit Lügen“

Eine ukrainische Soldatin schaut auf ihr Smartphone. (Symbolbild)

Eine ukrainische Soldatin schaut auf ihr Smartphone. (Symbolbild)

Seit fast drei Monaten tobt der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Täglich tauchen in den sozialen Medien neue Meldungen, Fotos und Videos auf, die neben Triumphen und Nieder­lagen vor allem auch Zerstörung, Leid und Tod zeigen – von beiden Seiten. Der Militärexperte Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer macht deutlich: „Seit Beginn ist der Krieg auch ein Informationskrieg.“

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Dies geschehe aus einem einfachen Grund, wie er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sagt: Russland als auch die Ukraine würden durch gezielte Kommunikation versuchen, einen strategischen Vorteil zu erzielen. Mittels neuartiger Informationsgewinnung wie Satelliten­bildern, Flugdaten oder Videoschnipseln werden umfangreiche Eindrücke erzeugt.

Der Westen höre dabei vor allem auf die Informationen aus Kiew. „Dem Westen signalisiert die Ukraine, dass sie dringend auf Waffenlieferungen angewiesen ist“, so Reisner. „Der eigenen Bevölkerung vermittelt die ukrainische Führung, dass sie große Erfolge vorweisen kann.“ Ein Widerspruch?

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Zweifel an Zahlen russischer Truppenverluste

Reisner äußert Zweifel, wenn es um die ukrainischen Zahlen über russische Truppenverluste geht. „Die ukrainischen Zahlen über russische Truppenverluste sind mit etwa 28.900 (20. Mai) getöteten Soldaten sehr hoch“, so der Militärexperte. „Wenn man die Verwundeten noch hinzurechnen würde, dann dürfte die russische Armee aus militärischer Sicht gar nicht mehr zu Angriffen fähig sein.“ Dennoch führe Russland im Donbass weiter Angriffe durch. Reisner versucht sich an einer Schätzung: „Realistisch sind mindestens 10.000 Soldaten auf russischer Seite gefallen, vielleicht sogar 15.000, oder gar mehr.“

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Das Problem bei den Angaben: Es sei unmöglich, alle gefallenen und verletzten Soldaten exakt zu zählen. „Wenn ein Gebiet erobert wurde, kann die siegreiche Kriegspartei ihre Toten und Verletzten bergen und zählen. Die Verlierer wissen nur, wie viele ihrer Soldaten vermisst sind“, sagt Reisner.

Hinzu komme, dass eine Kriegspartei durch das Darstellen von Verlusten zeigen will, wie erfolgreich sie selbst ist. Im Schnitt seien unter den Verlusten ungefähr ein Drittel gefallene und zwei Drittel verwundete Soldaten. Auch bei der Menge der zerstörten Panzer gebe es Unklarheit. Und je länger der Krieg dauert, desto irrealer seien diese Zahlen, die direkt von der Front kommen.

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„Ein wirklich realistisches Lagebild ist sehr schwierig“, so Reisner. Immer häufiger würden sich nach Angaben des Militärexperten Verbände und Soldaten im Donbass ergeben, weil sie das Bombardement nicht mehr aushielten und kaum Waffen und Munition mehr hätten. Aus Großbritannien sei dagegen seit der zweiten Kriegswoche zu hören, dass die russische Armee kurz vor dem Ende stehen würde. Fest stehe, dass die russische Seite als angreifende Partei hohe Verluste erlitten habe. Reisner: „Für politische Entscheidungen ist ein gutes Lagebild aber sehr wichtig.“

Friedensforscher: Ukraine bestimmt das Narrativ des Kriegs „bisher exzellent“

Dass die politischen Vorteile deutlich auf ukrainischer Seite liegen, erklärt Ulrich Kühn vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik im Gespräch mit dem RND. Die ukrainische Seite bestimme durch die Informationsdimension das Narrativ des Kriegs „bisher exzellent“. Auch Kühn weist darauf hin, dass ein in Gänze umfassendes Bild des Kriegs nicht möglich sei. „Russland hat ja nicht nur den Informationskrieg verloren“, so der Friedens­forscher. „Russische Medien, Politiker und Experten haben sich auch bewusst auf spezielle Plattformen, wie Telegram zurückgezogen, um scheinbar ‚unter sich‘ zu bleiben.“

Das Bild im Westen sei von der Unfreiheit des autoritären russischen Systems geprägt. Kühn: „Die russische Führung hat seit Jahren bewusst und schamlos mit Lügen gearbeitet.“ Wer einmal lügt, verliere an Glaubwürdigkeit. Zudem hätten nur sehr wenige in Deutschland ein realistisches Bild über die innenpolitische Situation in der Ukraine vor dem Krieg.

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Welchen Anteil hat der mediale Druck an deutschen Waffenlieferungen?

Auch die deutschen Leitmedien würden nach Ansicht des Wissenschaftlers bei weit­reichenden politischen Entscheidungen wie etwa Beschlüssen über Finanzpakete oder Waffenlieferungen Einfluss haben. „Der Einfluss der Leitmedien, die gerade in Deutschland in der Frage der Waffenlieferungen fast keinerlei Unterscheidbarkeit mehr aufweisen, ist nicht zu unterschätzen“, so Kühn. „Ihrer Verantwortung – auch für Deutschlands Sicherheit – sollten sie sich dabei aber stets gewahr sein.“

Scholz‘ Entscheidung, nun doch sogenannte schwere Waffen zu liefern, gehe auch auf den medialen Druck zurück. Als „führungsschwach“ wolle schließlich kein Politiker bezeichnet werden.

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„Wir fühlen uns mit der Ukraine in einem Boot“

Der Kommunikationswissenschaftler Thomas Hanitzsch betont dabei die Bedeutung, mit einer wirkungsvollen Rhetorik Überzeugungsarbeit zu leisten. „Deutschland musste sich im Ukraine-Krieg klar positionieren“, sagt der Professor von der Ludwig-Maximilians-Universität München dem RND.

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Die Lieferung von Kriegsmaterial, insbesondere von „schweren Waffen“, sei in der Bevölkerung umstritten. „Von Deutschland wird jedoch erwartet, sich einer Positionierung nicht zu verweigern und möglicherweise sogar eine Führungsrolle zu übernehmen.“ Dafür müsse es eine „hinreichende demokratische Legitimation“ geben. Und das erfordere umfassende Erklärungen.

Dass in Deutschland eher die ukrainische Seite als Informationsquelle dient, liege auch an Russlands Rhetorik, indem es dem Westen droht. Die Verletzung des Völkerrechts durch die Russen habe bei einem Großteil der deutschen Bevölkerung zu einer Verbundenheit mit der Ukraine geführt. Hanitzsch: „Wir fühlen uns mit der Ukraine in einem Boot und ebenso angegriffen.“

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