Von Geld, Tod und Enttäuschungen

Warum nepalesische Söldner tausendfach für Putin in den Kampf ziehen

Mitglieder eines Gurkha-Bataillons der britischen Streitkräfte während einer Demonstration ihres Könnens. Nepalesische Söldner sind seit Jahrhunderten in verschiedenen Armeen aktiv.

Mitglieder eines Gurkha-Bataillons der britischen Streitkräfte während einer Demonstration ihres Könnens. Nepalesische Söldner sind seit Jahrhunderten in verschiedenen Armeen aktiv.

Vor allem für zwei Dinge ist Nepal, das kleine Binnenland im Himalaya, bekannt: Für seine hohen Berge – allein acht der 14 höchsten Berge der Welt befinden sich in Nepal. Und für seine Kämpfer, vor allem die Gurkhas, die einst im Dienste der britischen Armee, heute aber auch in den indischen Streitkräften stehen und mit ihren Krummdolchen beeindrucken.

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Jetzt berichten US-Medien, dass bis zu 15.000 nepalesische Söldner in Wladimir Putins Aggressionsarmee dienen. Tatsächlich sorgte bereits kurze Zeit nach Russlands Überfall auf die Ukraine ein junger Mann aus dem Himalaya für Schlagzeilen. Pratap Basnet bekannte damals, an der Seite ukrainischer Soldaten gegen Russland zu kämpfen. In seiner Heimat wurde daraufhin debattiert, ob das nicht dem Neutralitätsgebot widerspreche, dem Nepal verpflichtet sei – auch wenn sich die Regierung in Kathmandu in den zwei UN-Abstimmungen klar gegen Russlands Aggression ausgesprochen hatte.

Tatsächlich sind nepalesische Söldner ein „Exportschlager“ des Landes. Die Finanztransfers der Arbeitsmigranten machen etwa ein Viertel des nepalesischen Bruttoinlandsprodukts aus – eine Spitzenposition nahm Nepal stets bei der Bereitstellung für das Personal von UN-Blauhelmsoldaten ein.

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Junge Leute in fremde Armeen zu entsenden hat in Nepal eine lange Tradition. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg fielen jeweils 20.000 nepalesische Soldaten in den Reihen der britischen Armee, wo Gurkha-Regimenter seit 200 Jahren ein fester Bestandteil der royalen Streitkräfte sind. Mit dem Victoria-Kreuz ausgezeichnet wurde beispielsweise der Lachhiman Gurung, der 1945 seine Stellung gegen 200 angreifende Japaner verteidigte und nur noch mit seiner intakten linken Hand 31 Japaner außer Gefecht setzte.

Ob es solche Erzählungen waren, die Wladimir Putin dazu bewogen, vor allem im Himalaya um willige Vollstrecker für seine Expansionspläne zu werben? Auf CNN berichtet Ramchandra Khadka, was ihn bewogen hat, in der Ukraine zu kämpfen: „Ich bin nicht aus Vergnügen zum russischen Militär gegangen. Ich hatte in Nepal keine Jobmöglichkeiten. Aber im Nachhinein war es nicht die richtige Entscheidung“, so der 37-Jährige, der für Nepals maoistische Rebellen kämpfte. „Wir wussten nicht, dass wir so schnell an die Front geschickt werden würden und wie schrecklich die Situation sein würde“, berichtet Khadka.

Er wurde Zeuge schrecklicher Szenen

Erst kürzlich kehrte er nach Nepal zurück, nachdem er sich in der Ukraine schwere Verletzungen zuzog. Er sagt dem US-Sender, er sei Zeuge schrecklicher Szenen geworden und bedauere seine Entscheidung, als ausländischer Söldner in der Armee des Kremls gedient zu haben. Es war nicht seine erster Job als Söldner: Von einem privaten Militärunternehmen angeheuert, um die dortigen Nato-Streitkräfte zu unterstützen, hatte er in Afghanistan gekämpft. Mit den dort gemachten Erfahrungen hielt er sich für gewappnet, im September 2023 in Moskau einen Vertrag zu unterschreiben.

Erst vergangenes Jahr hatte die russische Regierung ein lukratives Paket für ausländische Kämpfer geschnürt: mindestens 2000 US-Dollar Gehalt pro Monat, dazu ein beschleunigter Prozess zur Ausstellung eines russischen Passes. Für Menschen aus Nepal, mit einem Bruttoinlandsprodukt von 1336 US-Dollar pro Einwohner einer der ärmsten Staaten der Welt, eine große Verlockung. Die Jugendarbeitslosigkeit im Himalaya-Staat beträgt gut 20 Prozent.

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Nepalesisches Militär marschiert am Unabhängigkeitstag.

Nepalesisches Militär marschiert am Unabhängigkeitstag.

Doch die Ernüchterung folgte auf dem Fuß: Bereits nach einer nur zweiwöchigen Ausbildung wurde Ramchandra Khadka mit einer Waffe und einer Grundausrüstung an die Front in Bachmut geschickt – einer Stadt in der Ostukraine, in der im vergangenen Jahr schwerste Kämpfe zwischen beiden Armeen tobten. „Es gibt keinen Zentimeter Land in Bachmut, der nicht von Granaten umgepflügt wurde. Alle Bäume, Sträucher, all das Grün ist dort verschwunden. Die meisten Häuser wurden zerstört. Die Situation dort ist so grausam, dass man am liebsten weinen würde“, erinnert er sich.

Khadka wurde zweimal nach Bachmut abkommandiert, hielt sich dort insgesamt einen Monat auf. Bei seinem zweiten Einsatz wurde er von einem Geschoss in der Hüfte getroffen. Nachdem er gerettet und einige Hundert Meter von der Frontlinie zurückgebracht worden war, trafen ihn auch noch die Splitter einer Streubombe. „Ich bekomme noch heute Kopfschmerzen, denke ich an die schrecklichen Szenen, die ich im Kriegsgebiet gesehen habe“, sagt er.

Heute, am Ende einer langen Karriere als Söldner im Dienst verschiedener Armeen, zweifelt er grundsätzlich an seinem Lebensentwurf: „Es ist nicht richtig, in ein anderes Land einzumarschieren. Jeder hat das Recht zu leben. Alle Länder sollten die Souveränität eines anderen Landes respektieren. Es ist nicht richtig, dass Menschen eines Landes auf solch abscheuliche Weise getötet werden. Es ist nicht richtig, dass Zehntausende Menschen für die Interessen einiger weniger sterben“, so Khadka gegenüber CNN.

Kathmandu weiß nur von 200 Nepalesen in Russland

Die Regierung in Katmandu weiß offiziell nur von 200 Einheimischen, die in der russischen Armee kämpfen, mindestens 13 Nepalesen sind laut offiziellen Quellen bereits gefallen. Menschenrechtsaktivisten in Nepal halten das für maßlos untertrieben, aber selbst die russische Seite räumt ihrerseits bislang nur wenige Gefallene ein. Nach Angaben des nepalesischen Außenministeriums werden derzeit vier nepalesische Kämpfer von der Ukraine als Kriegsgefangene festgehalten.

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Im nepalesischen Parlament wird derweil über das Thema offen gestritten. „Die russische Regierung muss über Daten verfügen, wie viele ausländische Kämpfer sich der russischen Armee angeschlossen haben und wie viele Nepalesen für Russland kämpfen“, so die prominente nepalesische Oppositionsabgeordnete und Ex-Außenministerin, Bimala Rai Paudyal, Anfang Februar vor dem Oberhaus. Von Moskau fordert sie Auskunft. Sie geht davon aus, dass zwischen 14.000 und 15.000 Nepalesen an der Front kämpfen und beruft sich dabei auf Aussagen von Männern, die aus dem Kriegsgebiet zurückgekehrt sind.

Anhand der Tiktok-Profile von zehn nepalesischen Männern, die nach Russland gereist waren, um sich der Armee anzuschließen, konnte CNN Satellitenbilder auswerten und lokalisierte die Gesuchten im „Avangard-Trainingszentrum“, einer Militärakademie außerhalb Moskaus. Diese Jugendmilitärakademie, auch als Zentrum „patriotischer Bildung“ beschrieben, bildet schwerpunktmäßig ausländische Söldner aus. Auch Ramchandra Khadka erhielt hier seine seine kurze Einweisung.

„Hier bringt man einem bei, wie man Waffen zusammenbaut und abfeuert“, erklärte Shishir Bishwokarma, ein nepalesischer Soldat, der seinen Kriegsdienst in Russland auf Youtube dokumentiert hat.

Ein anderer nepalesischer Soldat in Russland, der aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden möchte, äußerte gegenüber CNN, er sei während seines Aufenthalts in Avangard an Raketenwerfern, Bomben, Maschinengewehren, Drohnen und Panzern trainiert worden. Seine Kadettenkollegen stammten wohl alle aus Ländern des globalen Südens. Er zählt afghanische, indische, kongolesische und ägyptische Kameraden auf. In den sozialen Medien veröffentlichte Gruppenfotos von Avangard zeigen Dutzende scheinbar südasiatischer Söldner zusammen mit russischen Ausbildern.

Einreise über Emirate oder Indien

Nepalesische Männer, die der russischen Armee beitreten wollen, reisen in der Regel mit einem Touristenvisum nach Russland, oft über die Vereinigten Arabischen Emirate oder Indien. Nach ihrer Landung in Moskau führt sie der Weg zu einem Rekrutierungszentrum, wo eine körperliche Untersuchung durchgeführt wird.

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ARCHIV - 10.02.2022, Großbritannien, Fairford: Ein B-52-Bomber der US Air Force (USAF) landet auf dem Luftwaffenstützpunkt RAF Fairford. Die Nato beginnt am Montag ihre jährlichen Manöver zur Verteidigung des europäischen Bündnisgebiets mit Atomwaffen. An der Übung «Steadfast Noon» sind in den kommenden eineinhalb Wochen etwa 60 Flugzeuge beteiligt - darunter moderne Kampfjets, aber auch Überwachungs- und Tankflugzeuge sowie Langstreckenbomber vom Typ B-52. (zu dpa: «Nato beginnt Verteidigungsübung mit Atomwaffen») Foto: Ben Birchall/PA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Europäische Atomwaffen: „Das sind absurde Gedankenspiele“

Angesichts jüngster Drohungen Donald Trumps, die USA könnten sich künftig im Nato-Bündnisfall zurückhalten, schmieden EU-Politiker in Gedanken bereits europäische Atomwaffen. Der frühere Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik hält ihnen Ahnungslosigkeit vor. Aber wer könnte überhaupt in der EU über den Einsatz von Atomwaffen entscheiden?

„Die Rekrutierer freuen sich sehr, wenn Nepalesen auftauchen“, so ein ehemaliger Kämpfer auf CNN. Sind sie fit, wird ein Einjahresvertrag unterzeichnet. Die Männer erhalten ein russisches Bankkonto, auf dem mindestens 2000 Dollar Monatsgehalt eingezahlt werden. Viele Kämpfer sagen, dass auch Boni gewährt werden – je länger sie an der Front bleiben, desto mehr Boni erhalten sie. Einige sagen, sie hätten bis zu 4000 Dollar im Monat verdient.

Kaum einer der Nepalesen spricht Russisch, die kurze Ausbildung in Avangard erfolgt deshalb in einem holprigen Englisch. Diese Sprachbarriere sei auch der Grund dafür, dass überdurchschnittlich viele Nepalesen im Kampfgebiet sterben, sagt Khadka. „Manchmal weiß man nicht einmal, wohin man gehen soll oder wie man dorthin kommt“, fügt er hinzu.

Es sind die Nepalesen und andere ausländische Kämpfer, die tatsächlich an der Front kämpfen. Die Russen positionieren sich derweil ein paar Hundert Meter zurück.

Suman Tamang,

nepalesischer Söldner

Khadka sagt, er habe zeitweise mit russischen Offizieren über eine Sprachübersetzungs-App kommuniziert – doch oft auch nur per Handzeichen. Mehrere zurückgekehrte nepalesische Kämpfer, die mit CNN sprachen, beschuldigten Russland, sie als Kanonenfutter im Krieg zu verheizen. Es gebe Erfahrungen mit einem slawophilen Rassismus in Russlands Streitkräften, den auch andere ethnische Minderheiten wie Baschkiren oder Kasachen im Land erfahren mussten.

„Es sind die Nepalesen und andere ausländische Kämpfer, die tatsächlich an der Front von Kriegsgebieten kämpfen. Die Russen positionieren sich derweil ein paar Hundert Meter zurück, angeblich zur Unterstützung“, sagte Suman Tamang, der erst jüngst aus Russland zurückgekehrt war. „Einige meiner Freunde wurden vom russischen Kommandanten misshandelt, als sie versuchten, Kritik zu äußern“, erinnert sich Tamang.

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Vielen bleibt nur die Flucht

Sharma, ein pensionierter nepalesischer Polizist, der seinen wahren Namen nicht verraten möchte, arbeitete als Sicherheitsbeamter in einem Hotel in Dubai, als ihn ein nepalesischer Agent in Kathmandu kontaktierte, um ihn für den russischen Militärdienst zu werben. Sharma verdiente in Dubai rund 450 Dollar im Monat und war sofort von dem Angebot begeistert. Doch bereits nach drei Monaten floh er wieder aus dem Militärlager.

„Nach meiner Flucht aus dem Militärlager brauchte ich drei Tage, um nach Moskau zu gelangen. Ich hatte Angst, dass ich erwischt werden könnte, wenn ich zur Bank gehe, um das Geld abzuheben“, sagte er. „Ich kann über mein Handy auf mein Bankkonto zugreifen, weiß aber nicht, ob es möglich ist, das Geld ins Ausland zu überweisen.“ Wer flieht oder stirbt, verliert sein Geld.

Auch Sharma weiß wie viele andere aus Russland geflohene Nepalesen nicht, was jetzt aus seinem Geld wird. „Nachdem ich die grausamen Bilder an der Front gesehen habe, auch, wie Freunde neben einem sterben, ist mir klargeworden, dass die Überlebenschancen sehr gering sind (…) Dann realisiert man, dass es das Geld nicht wert ist. Deshalb bin ich geflohen“, sagte er.

Nepal verbietet Bürgern Arbeitsverträge in Russland

Inzwischen hat die nepalesische Regierung ihren Bürgern verboten, für Arbeitsverträge nach Russland zu reisen. Gleichzeitig wurden strengere Anforderungen für Personen eingeführt, die mit einem Besuchsvisum in Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate einreisen möchten.

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„Wir sind sehr besorgt darüber, dass Russland unsere Bürger rekrutiert und sie in gefährdete Kriegsgebiete geschickt hat“, sagte der nepalesische Außenminister Narayan Prakash Saud gegenüber CNN in einem Interview. „Wir haben mit einigen Ländern einen traditionellen Vertrag über die Rekrutierung unserer Bürger für das Militär dieser Länder“, erklärte er. „Aber wir haben keinen solchen Vertrag mit Russland für eine solche Art von Militär- oder Sicherheitsrekrutierung.“ Bereits im Dezember forderte das nepalesische Außenministerium daher Russland dringend auf, die Rekrutierung nepalesischer Staatsbürger einzustellen und die Überreste der im Krieg Getöteten nach Hause zu schicken.