Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

„Putin muss abwägen“: Sicherheitsexperte Brose erklärt Russlands Ukraine-Risiko

Ein Konvoi gepanzerter russischer Fahrzeuge bewegt sich über eine Autobahn auf der Krim. Russland hat schätzungsweise 100.000 Truppen mit Panzern und anderen schweren Waffen in der Nähe der Ukraine zusammengezogen, was nach Ansicht des Westens der Auftakt zu einer Invasion sein könnte.

Im Ukraine-Konflikt ist weiterhin keine Einigung in Sicht, die Drohungen aus Russland nehmen weiter zu. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erklärt der Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, Botschafter Ekkehard Brose, wie die Chancen um eine diplomatische Lösung stehen und welche Risiken Russland bei einem Angriff mit einberechnen muss. Brose war zuvor an den deutschen Botschaften in Washington, D.C. und Moskau sowie im Büro des Nato-Generalsekretärs und als Gesandter der Ständigen Vertretung Deutschlands bei der Nato in Brüssel tätig.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Herr Brose, lässt sich der Ukraine-Konflikt überhaupt noch diplomatisch lösen?

Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine spitzt sich weiter zu und wir müssen ihn sehr ernst nehmen. Das bedeutet nicht, dass der Konflikt zwangsläufig militärisch ausgetragen wird. Ich sehe noch immer die Chance einer Lösung am Verhandlungstisch. Am Mittwoch fanden etwa in Paris Gespräche im sogenannten Normandie-Format, also mit Russland, Ukraine, Frankreich und Deutschland, statt. Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass Verhandlungen mit der russischen Pistole an der Schläfe zu einem guten Ende führen. Wir brauchen Deeskalation, aber die ist im Augenblick noch nicht erkennbar.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wie realistisch ist ein Angriff Russlands gegen die Ukraine aus Ihrer Sicht?

Für mich, wie gewiss für die meisten Menschen, ist ein Angriff Russlands mitten in Europa vollkommen aus der Zeit gefallen. Das erscheint so surreal, dass man es sich gar nicht vorstellen kann. Aber wir müssen uns vor Augen halten: Russland hat in den vergangenen Jahren immer wieder bewaffnete Konflikte ausgetragen – auf der Krim 2014 oder auch in Syrien. Dies könnte sich wiederholen – wir müssen mit der Möglichkeit eines militärischen Eingreifens Russlands rechnen.

Die Annexion der Krim dauerte nur wenige Stunden. Hat es Putin jetzt wieder so leicht?

Die Lage ist heute anders: Die Annexion der Krim hat damals die ganze Welt unvorbereitet getroffen. Russland setzte auf die „Grünen Männchen“ ohne Hoheitsabzeichen. Durch sein aggressives Vorgehen hat Putin dieses Mal den gesamten Westen entsetzt und gegen sich aufgebracht. Niemand kann nachvollziehen, warum Putin diesen Konflikt jetzt heraufbeschwört. Es gibt keinen objektiv nachvollziehbaren Grund für einen Angriff auf die Ukraine. Russland befindet sich nicht in einer Bedrohungssituation – es wäre lächerlich, dies zu behaupten. Der Westen ist zusammengerückt, unterstützt die Ukraine und wird sich Putins Versuch nicht beugen, die Nachkriegsordnung in Europa über den Haufen zu werfen.

Hat die Ukraine eine Chance, sich militärisch gegen Russland zu behaupten?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die Ukraine ist Russland eindeutig militärisch unterlegen. Aber sie kann Putin bei einem Angriff einiges entgegensetzen. Die Ukraine hat 200.000 Soldaten und 100.000 Nationalgardisten, viele Reservisten und ist krisenerprobt. Sie verfügt auch über Waffen, allerdings keine, mit denen sie Russland auf Abstand halten kann. Ein Angriff birgt für Russland in jedem Fall ein Risiko und schreckt Putin womöglich ab. Am Ende wäre es zudem ein Bruderkrieg, in dem Russen auf Ukrainer und Ukrainer auf Russen schießen müssten. Putin muss auch abwägen, ob seine kriegsmüde Bevölkerung ihm das danken wird.

„Putin stellt den Status quo in Europa infrage. Das ist die eigentliche Bedeutung des Ukraine-Konflikts.“

Ekkehard Brose,

Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik

Russland hat rund 100.000 Soldaten an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen. Auch Berichte über russische Spezialeinheiten in der Ukraine gibt es. Ist ein Plan erkennbar?

Niemand weiß genau, was Putin vorhat. Das ist geradezu Teil der Strategie Russlands. Ich kann mir ganz und gar nicht vorstellen, dass Putin am Ende seine Truppen wieder zurückzieht und sagt, außer etwas Aufregung sei doch gar nichts gewesen. So ein Verhalten passt nicht zu ihm. Dahinter steckt mehr.

Botschafter Ekkehard Brose ist seit Oktober 2019 Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik.

Botschafter Ekkehard Brose ist seit Oktober 2019 Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik.

Was bedeutet denn dieser Konflikt für Europa?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Putin stellt den Status quo in Europa infrage. Das ist die eigentliche Bedeutung des Ukraine-Konflikts. Es geht ihm nicht nur um die Ukraine, es geht ihm um grundlegende Fragen von Macht und Ordnung in Europa. Dem müssen die Überlegungen des Westens Rechnung tragen. Wir müssen den Status quo in Europa schützen – mit allem, was dafür notwendig ist. Das schließt alle denkbaren Maßnahmen ein, von Verhandlungen über wirtschaftliche Sanktionen bis hin zu militärischen Planungen der NATO.

Die Ukraine ist kein EU- oder Nato-Mitglied. Warum geht den Westen der Konflikt trotzdem etwas an?

Es geht um die Prinzipien von Sicherheit und Ordnung, die sich Europa nach dem Ende des Kalten Krieges mit der Stimme der damaligen Sowjetunion gegeben hat – die Prinzipien der Charta von Paris. Jeder Staat ist souverän, kann seine Sicherheitsentscheidungen selbst treffen. Rücksichtnahme ja, aber ein Diktat der russischen Seite, wie es um Russland herum auszusehen hat, ist da nicht vorgesehen. Es ist inakzeptabel.

Ukraine-Konflikt: US-Präsident Biden fürchtet größte Invasion seit Weltkrieg

US-Präsident Joe Biden warnt mit einem drastischen Vergleich vor einer russischen Invasion in der Ukraine.

Sorgt die Eskalation dafür, dass sich die Fronten zwischen Ost und West weiter verhärten und warum überhaupt gerade jetzt?

Die Fronten haben sich leider schon jetzt verhärtet. Dies zeigen die Reaktionen von Schweden und Finnland. Die Lage in Europa spannt sich weiter an. Warum das gerade jetzt passiert? Ich vermute, dass Putin jetzt ein kurzes Fenster der Gelegenheit sieht. Einerseits steht Russland verglichen mit den 1990er Jahren militärisch, politisch und wirtschaftlich wieder stärker da. Andererseits scheint der Westen nach dem Afghanistan-Debakel und innenpolitischen Spannungen in den USA geschwächt. Putin könnte daraus ableiten, dass der Westen nicht reaktions- und durchsetzungsfähig ist. Die letzten Tage haben aber gezeigt, dass diese Einschätzung nicht stimmt. Der Westen zeigt in Nato, EU, G7 und in einer Vielzahl bilateraler Kontakte klare Kante gegenüber Putin.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Am Verhalten Deutschlands gab es zuletzt aber auch viel Kritik, weil Deutschland keine Waffen an die Ukraine liefert und abhängig von russischem Gas sei. Halten Sie die Kritik für berechtigt?

Das Verhalten Deutschlands ist eng abgestimmt mit unseren Partnern. Dabei muss und kann nicht jeder Staat dieselben Maßnahmen ergreifen. Kanzler Scholz hat deutlich gemacht, dass etwa auch Nord Stream 2 bei einem aggressiven Vorgehen Russlands zur Disposition stünde. Abschreckung ist dann effektiv, wenn der Westen Geschlossenheit zeigt. Deutschland ist erkennbar Teil dieser westlichen Front.

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.