Große Studie mit 11.000 Befragten

Große Mehrheit ukrainischer Geflüchteter fühlt sich in Deutschland willkommen

Kramatorsk: Ein Kind verabschiedet sich kurz vor der Abfahrt des Zuges in Richtung Westukraine von einem Verwandten. Seit Kriegsbeginn im Februar sind Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer aus ihrem Land geflohen.

Kramatorsk: Ein Kind verabschiedet sich kurz vor der Abfahrt des Zuges in Richtung Westukraine von einem Verwandten. Seit Kriegsbeginn im Februar sind Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer aus ihrem Land geflohen.

Berlin. Der für seine kantige Art berühmt gewordene ehemalige Botschafter der Ukraine in Deutschland, Andrij Melnyk, hatte im Juni bei „Bild-Talk“ gesagt, dass viele ukrainische Geflüchtete Deutschland wieder den Rücken kehren, weil sie sich hier nicht willkommen fühlen. „Die meisten Ukrainer kehren zurück“, sagte er. „Es sind mehr Menschen, die abreisen aus diesem Land, als zu Ihnen kommen.“ Man sollte sich Gedanken darüber machen, wieso viele Ukrainer „keine Lust haben, hier zu bleiben“.

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+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

Eine am Donnerstag in Berlin vorgestellte Studie, für die zwischen August und Oktober über 11.000 nach Deutschland geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer von vier großen deutschen Institutionen online und analog befragt wurden, kommt zu einem anderen Ergebnis. Danach sagen 76 Prozent, dass sie sich bei ihrer Ankunft in Deutschland willkommen gefühlt haben, wie Nina Rother vom Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge erläuterte.

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Bleiben oder zurückkehren: drei Gruppen unter den Ukraine-Geflüchteten

44 Prozent gaben an, dass sie inzwischen häufig Kontakte zu Deutschen hätten, und viele Geflüchtete lobten die Zugangsmöglichkeiten zu Sprach- und Integrationskursen. Allerdings, so Rother, erreicht die allgemeine Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 1 bis 10 nur einen Mittelwert von 5,8. Das sei jedoch nicht verwunderlich, wenn man in Betracht zieht, dass Kriegs- und Fluchterfahrungen bei den Menschen tiefe Spuren hinterlassen hätten.

Befragt nach ihren Bleibeabsichten bildeten sich drei große Gruppen heraus, wie Prof. Katharina Spieß, Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, erklärte. Demnach wollen 37 Prozent für immer oder für mehrere Jahre in Deutschland bleiben. 34 Prozent wollen nach Kriegsende in die Ukraine zurückkehren und 27 Prozent sind noch unentschlossen, können dazu noch keine Aussage treffen.

Mehrheit ukrainischer Geflüchteter fühlt sich in Deutschland willkommen
ARCHIV - 18.03.2022, Baden-Württemberg, Ellwangen: Drei aus der Ukraine stammende Frauen gehen in der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge (LEA) zu ihrem Quartier. Mehr als jeder dritte Kriegsflüchtling aus der Ukraine möchte entweder für immer oder zumindest für mehrere Jahre in Deutschland bleiben. (zu dpa «Ukrainische Flüchtlinge fühlen sich in Deutschland meist willkommen») Foto: Stefan Puchner/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Die Lebenszufriedenheit der Geflüchteten ist laut Studie allerdings relativ niedrig. Im Hinblick auf die Bleibeabsichten ergebe sich ein gemischtes Bild.

Von den über eine Million geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainern in Deutschland leben 74 Prozent in privaten Unterkünften, entweder bei Bekannten oder in eigenen Wohnungen, 17 Prozent in Hotels oder Pensionen und 9 Prozent in Gemeinschaftsunterkünften. Die Hälfte besucht einen Sprachkurs oder hat ihn abgeschlossen, 36 Prozent nutzten einen Integrationskurs. 80 Prozent der erwachsenen Geflüchteten sind Frauen, von denen wiederum knapp die Hälfte mit minderjährigen Kindern lebt.

Weltweit mehr als 100 Millionen Menschen auf der Flucht

Besonders problematisch ist die Lage in Ländern wie dem Tschad, Südsudan oder Uganda. Der Klimawandel und Dürreperioden befördern Flucht und Vertreibung zusätzlich. Das Flüchtlingshilfswerk der UN spricht sich für den Schutz aller Menschen aus, egal, woher sie kommen.

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Der niedrige Anteil an Männern ergibt sich aus der Tatsache, dass in der Ukraine seit Kriegsbeginn eine allgemeine Mobilmachung gilt, wonach es männlichen Staatsangehörigen im wehrfähigen Alter von 18 bis 60 Jahren verboten ist, das Land zu verlassen. Wie Katharina Spieß erläuterte, handelt es sich bei den männlichen Geflüchteten in Deutschland häufig um Großväter, die mit ihren Ehe- oder Lebenspartnerinnen oder ihren erwachsenen Töchtern gekommen sind.

Außerdem gibt es Ausnahmen für das Ausreiseverbot, etwa für Familienväter, die drei oder mehr minderjährige Kinder zu versorgen haben. Auch alleinstehende Väter minderjähriger oder behinderter Kinder dürfen die Ukraine verlassen oder Männer mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen.

Etwa zwei Drittel der Befragten stammen aus Herkunftsregionen, die vom Krieg besonders betroffen sind, berichtete Katharina Spieß. So komme die Mehrheit der Geflüchteten aus der Ost- und der Südukraine sowie aus der Umgebung um Kiew. Als Hauptmotiv für die Flucht nach Deutschland gaben 60 Prozent an, dass hier bereits Verwandte oder Bekannte ansässig sind.

76 Prozent der ukrainischen Geflüchteten besitzen eine zunächst bis März 2024 befristete Aufenthaltserlaubnis, die es ermöglicht, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen oder auch Leistungen vom Jobcenter oder vom Sozialamt zu beziehen. Wie Prof. Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sagte, bringen die Geflüchteten ein überdurchschnittliches Bildungsniveau mit. So verfügen 72 Prozent über Hochschul- oder vergleichbare Abschlüsse.

Fakten zur Studie

In einer gemeinsamen Aktion haben das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, das Bundesamt für Migration sowie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung erstmals eine repräsentative Studie zur Lebenssituation nach Deutschland geflüchteter Ukrainerinnen und Ukrainer vorgelegt. Dazu wurden zwischen August und Oktober 11 225 Menschen im Alter von 18 bis 70 Jahre online (85 Prozent) oder mittels Papierfragebögen (15 Prozent) befragt. 66 Prozent nahmen an der Befragung auf Ukrainisch teil, 34 Prozent auf Russisch. Die Studie wird im Januar fortgesetzt.

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Damit sei das Niveau höher als in der Ukraine selbst und auch höher als in Deutschland, sagte Brücker, schränkte allerdings ein, dass nicht alle Abschlüsse exakt vergleichbar seien wegen der unterschiedlichen Bildungsstandards in beiden Ländern. Die Tatsache, dass bereits 17 Prozent der Geflüchteten erwerbstätig sind, sei „relativ hoch zu bewerten“, wenn man die relativ kurze Aufenthaltsdauer in Rechnung stellt.

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