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  • Ukraine: Botschafter Andrij Melnyk vor Steinmeier-Besuch erneut mit Kritik an deutsche Erinnerungspolitik

Vor Steinmeier-Besuch: Ukrainischer Botschafter kritisiert deutsche Erinnerungspolitik

  • Die ukrainischen Opfer der Nazi-Verbrechen würden immer noch übersehen, sagt Andrij Melnyk vor dem Besuch von Bundespräsident Steinmeier in Kiew.
  • Der ukrainische Botschafter beschreibt die Aussöhnung zwischen der Ukraine und Deutschland als „sehr langen Weg“.
  • Er fordert die Integration seines Landes in die EU und in die Nato.
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Berlin. Unmittelbar vor der Teilnahme von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an der Gedenkveranstaltung für die ermordeten Juden von Babyn Jar am Mittwoch in Kiew hat der ukrainische Botschafter in Berlin, Andrij Melnyk, seine Kritik an der deutschen Erinnerungspolitik erneuert.

„Dass der Bundespräsident mit seinem Besuch die Opfer von Babyn Jar in Kiew sowie die mindestens acht Millionen ukrainischen Kriegstoten in Korjukiwka würdigt, ist eine gute Geste. Sie ist allerdings nur ein erster Schritte auf dem sehr langen Weg zur historischen Aussöhnung zwischen der Ukraine und Deutschland“, sagte Melnyk dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Die Ukraine zähle zu den am meisten betroffenen Nationen der schlimmsten Nazi-Verbrechen mit über fünf Millionen ermordeten Zivilisten, darunter 1,5 Millionen ukrainische Holocaust-Opfer, sagte Melnyk. Der Botschafter kritisierte, sein Land sei nach wie vor fast komplett abwesend in der Topografie der deutschen Erinnerung: „Unsere enormen Opfer werden immer noch von der deutschen Politik und Öffentlichkeit übersehen.“

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Von daher sei es kein Wunder, dass in der ukrainischen Gesellschaft ein starkes Gefühl von Ungerechtigkeit wachse, das der heutigen gespaltenen Gedenkpolitik der Bundesrepublik entspringe.

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Melnyk verwies auf eine aktuelle repräsentative Umfrage, wonach 61 Prozent der Ukrainer dafür plädierten, von Deutschland Reparationen für die Kriegsverbrechen zu verlangen. „Von der deutschen Politik“, so Melnyk, „erwartet man in Kiew zu Recht, dass man endlich richtige Schlüsse aus diesen dunklen Seiten der Vergangenheit zieht und die Ukraine sowohl in die EU als auch in die Nato integriert“.

In dem Städtchen Korjukiwka unweit der ukrainisch-belarussischen Grenze hatten im März 1943 SS-Sondereinheiten 6700 ukrainische Männer, Frauen und Kinder erschossen. Das Blutbad war als „Strafaktion“ gegen in den Wäldern operierende Partisanen deklariert worden.

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Steinmeier wird am Mittwochvormittag zunächst Korjukiwka besuchen und dann am Abend an der zentralen Gedenkfeier von Babyn Jar in Kiew teilnehmen, wo am 29. und 30. September 1941 fast 34.000 ukrainische Juden Opfer von Massenerschießungen deutscher Spezialkommandos wurden. Die Leichen wurden in der Altweiberschlucht (ukrainisch Babyn Jar) am Stadtrand von Kiew verscharrt.

Melnyk hatte wiederholt kritisiert, dass die ukrainischen Opfer im Zweiten Weltkrieg unter den Opfern der Sowjetunion subsumiert würden. Bei der zentralen Gedenkfeier anlässlich des 80. Jahrestages des deutschen Überfalls auf die UdSSR vom 22. Juni 1941 sagte Melnyk mit Blick auf das Deutsch-Russische Museum in Berlin als Ort der Gedenkfeier seine Teilnahme ab.

Er begründete dies damit, dass der Bitte der Ukraine, das Museum umzubenennen, bis heute nicht nachgekommen wurde. Die Bezeichnung sei völlig irreführend. „Auf diese Weise wird de facto die UdSSR mit Russland gleichgesetzt, was eine Geschichtsverdrehung darstellt und vehement abzulehnen ist“, sagte Melnik.

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