Übergewicht: Grüne fordern Werbeverbot für Junkfood im TV

  • Mehr als die Hälfte der Bundesbürger ist leicht bis stark übergewichtig.
  • In Großbritannien ist es ähnlich schlimm, weshalb dort nun ein weitgehendes Werbeverbot für Süßes und Fettiges im TV kommt.
  • Grünen-Gesundheitsexpertin Kirsten Kappert-Gonther fordert denselben Schritt auch für Deutschland.
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Berlin. Der britische Premier Boris Johnson geht mit seinem Übergewicht ziemlich offen um – ebenso wie mit seiner Corona-Erkrankung, die ihn im April fast das Leben gekostet hätte. Viele Untersuchungen zeigen inzwischen, dass das Gewicht erheblichen Einfluss auf die Schwere des Krankheitsverlaufs haben kann. In Großbritannien gelten fast zwei Drittel der Bevölkerung als zu dick. Deshalb hat Johnson in der vorigen Woche ein Programm ausgerufen, das die Briten dazu bringen soll, abzunehmen.

Ein zentraler Punkt: ein teilweises Werbeverbot für Junkfood, also kalorienreiche Nahrung mit einem ungesund hohen Anteil von salzhaltigen, zuckerhaltigen oder fetthaltigen Inhaltsstoffen mit geringem Nährwert. Entsprechende Produkte dürfen in Großbritannien im Fernsehen künftig erst nach 21 Uhr beworben werden. Die Idee dahinter: Dann sitzen weniger Kinder vor den TV-Geräten und Erwachsene können bei geschlossenen Supermärkten durch Werbung unmittelbar ausgelösten Gelüsten auf Süßes oder Fettiges schwerer nachgehen.

Bald 1,3 Millionen Kinder mit schwerem Übergewicht?

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Deutschland ist zwar von weniger Corona-Fällen gebeutelt als Großbritannien. Aber Übergewicht, das meistens durch eine Kombination von falscher Ernährung und Bewegungsmangel entsteht, ist auch hierzulande ein großes Problem. Laut Statistischem Bundesamt waren 2017 bereits 52,7 Prozent der Erwachsenen übergewichtig, 15 Prozent sogar adipös. Unter den Kindern und Jugendlichen zwischen drei und 17 Jahren liegt der Anteil an Übergewichtigen laut Bundesgesundheitsministerium aktuell bei 8,7 Prozent, der der Adipösen bei 6,3 Prozent. Alle Zahlen steigen seit Jahren. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft rechnet bis 2030 mit 1,3 Millionen therapiebedürftigen Kindern und Jugendlichen mit Übergewicht.

Muss die Politik also auch bei uns stärker gegensteuern? “Werbung für stark zuckerhaltige Produkte und ungesunde Lebensmittel muss reguliert werden”, sagt Kirsten Kappert-Gonther, Sprecherin für Gesundheitsförderung der Grünen im Bundestag, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). “Die steigende Rate von krankhaftem Übergewicht und anderen Zivilisationskrankheiten unterstreicht einen dringenden Handlungsbedarf. Gerade Kinder und Jugendliche sind besonders empfänglich für Werbung. Sie müssen besser vor Produkten geschützt werden, die nicht den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation für ausgewogene Ernährung entsprechen”, so die gelernte Medizinerin.

Erwin Rüddel (CDU): “Wäre bereit, über Werbeverbote zu reden”

Die Politikerin fordert eine Deklarierung von Zucker, Salz und Fett in Fertiglebensmitteln, verbindliche Reduktionsziele und steuerliche Anreize zur Verringerung dieser Inhaltsstoffe. Kappert-Gonther: “Eine freiwillige Selbstverpflichtung der Industrie reicht nicht, es braucht klare gesetzliche Vorgaben. Diese Maßnahmen müssen in eine umfassende Strategie zur Gesundheitsförderung eingebettet werden. Die Verantwortung für gute und gesunde Ernährung darf nicht ausschließlich den Einzelnen überlassen werden. Das befördert nämlich auch die Diskriminierung und Stigmatisierung hochgewichtiger Menschen. Gesundheit entwickelt sich im Alltag. Die Bundesregierung steht in der Verantwortung, endlich gesundheitsförderliche Lebensverhältnisse für alle zu schaffen.”

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Erwin Rüddel (CDU), Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Bundestag, bezeichnet das zunehmende Übergewicht als “großes gesellschaftliches Problem”. Er verweißt unter anderem auf Präventionsprogramme der Krankenkassen oder die “Lebensmittelampel” (Nutri-Score). “Sollten auch diese Maßnahmen keinen Einfluss auf die Gewichtszunahme der Bevölkerung haben, wäre ich durchaus bereit, auch über weitergehende Maßnahmen wie beispielsweise ein Werbeverbot wie in Großbritannien zu diskutieren. Interessant wird auf jeden Fall sein, ob diese Strategie Einfluss auf die Ernährung der Briten haben wird”, sagte er dem RND. Und weiter: “Ich möchte aber auch die Eltern nicht komplett aus der Verantwortung entlassen. Kinder und Jugendliche werden nachweislich seltener übergewichtig, wenn in den Familien eine gesunde Ernährung gelebt wird. Dazu gehört es meines Erachtens auch, Mahlzeiten selbst zuzubereiten und dann gemeinsam einzunehmen.”

Übergewicht kann Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sogar Krebs begünstigen. Studien über Folgekosten aus Übergewicht gehen von einem jährlichen Betrag von mindestens 11 Milliarden Euro aus. Andere Untersuchungen kommen sogar auf 20 Milliarden. Bei Alkohol liegen die Folgekosten demnach bei 10 Milliarden, bei Tabak bei 8 Milliarden Euro.

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