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Für Fans von Trump und der AfD

Der rechte Hype um das soziale Netzwerk Gettr

Der Twitter-Klon Gettr wird bei deutschen Rechten immer beliebter.

Der Twitter-Klon Gettr wird bei deutschen Rechten immer beliebter.

Berlin. Der frühere Verfassungsschutzchef hat einen Account, die AfD seit Kurzem auch, eine ganze Reihe rechter Journalisten, Aktivistinnen und prominenter „Querdenker“ ohnehin: Der Twitter-Klon Gettr wird auch in Deutschland in einigen Kreisen zunehmend populär. Wer ist dort aktiv und wer steckt hinter dem neuen Netzwerk?

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Vom Trump-Sprecher zum Social-Media-Chef

Auf den ersten Blick unterscheidet sich Gettr kaum von seinem Vorbild Twitter. Vor allem die Farbgebung springt ins Auge: Statt dem einprägsamen Twitter-Hellblau setzt der rechte Klon auf ein tiefes Rot. Eine Fackel ziert das Logo des Netzwerks. Der wichtigste technische Unterschied: Im Gegensatz zu den knappen 280 Zeichen, die für eine Kurznachricht auf Twitter zur Verfügung stehen, sind es bei Gettr bis zu 777 Zeichen.

Gettr wurde im vergangenen Sommer von Jason Miller gegründet, der zuvor als Pressesprecher und Kommunikationsstratege für Donald Trump gearbeitet hatte. Miller, ein Mittvierziger mit Vollbart und zurückgegelten Haaren, blickt auf eine lange Karriere in der Republikanischen Partei zurück. Er verließ das Trump-Team, um eine „unzensierte“ Social-Media-Plattform zu starten – ohne „Cancel Culture“ und mit freier Rede für die Nutzerinnen und Nutzer. So beschreibt sich Gettr zumindest selbst.

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Beim Start der Plattform war auch der chinesische Exilmilliardär und rechte Politaktivist Guo Wengui involviert. Das US-Onlinemedium „The Daily Beast“ berichtete im vergangenen Jahr, dass Gettr auf einem früheren von Guo entwickelten sozialen Netzwerk Namens Getome basiert.

Guo, dem in seiner chinesischen Heimat unter anderem Korruption vorgeworfen wird, ist eng mit der US-Rechten verbunden. Nachdem im August 2020 ein Haftbefehl gegen den ehemaligen Trump-Berater und Chef der Rechtsaußenseite „Breitbart News“, Steve Bannon, wegen Verschwörung zu Betrug und Geldwäsche ausgestellt wurde, nahmen US-Ermittler ihn bei einer Razzia auf Guos Luxusjacht fest.

Bannon gehört heute auch zu den Gettr-Accounts, die neuen Nutzerinnen und Nutzern nach ihrer Anmeldung zum Folgen vorgeschlagen werden – neben anderen Größen der US-Rechten, insbesondere aus der Republikanischen Partei.

Das Versprechen der „Zensurfreiheit“

Mit ihrem Versprechen der „Zensurfreiheit“ richtet sich die Plattform weltweit vor allem an breites Spektrum rechter Nutzerinnen und Nutzer – von Rechtskonservativen bis hin zu Rechtsextremen – die fürchten, auf den etablierten sozialen Netzwerken wie Twitter, Facebook und Youtube gesperrt zu werden.

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Seit Jahren gehen diese Plattformen stärker gegen Hassrede, aber auch gegen medizinische Falschinformationen in der Corona-Krise und gegen die Verbreitung mancher Verschwörungserzählungen vor. Rechtsextreme Inhalte und auch die Accounts einiger rechter und rechtsextremer Gruppen und Einzelpersonen wurden gerade in Deutschland zunehmend gesperrt und gelöscht.

Teilweise kommen die Plattformen damit den gesetzlichen Anforderungen etwa durch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz nach, teilweise setzen sie ihre darüberhinausgehenden eigenen Communityrichtlinien um. So verbannte der Facebook-Konzern in den vergangenen Jahren etwa die rechtsextreme Identitäre Bewegung und die Organisation „Querdenken“ von seinen Plattformen.

Diese Löschungen und Sperrungen haben einen spürbaren Effekt: Vielfach verzichten Verschwörungsideologinnen und rechte Publizisten mittlerweile von vornherein darauf, bestimmte Inhalte auf den etablierten Social-Media-Plattformen zu verbreiten. Inhalte etwa, in denen die Gefahren des Coronavirus heruntergespielt oder Falschinformationen über Impfungen verbreitet werden. Die Sperren und die vorauseilende Selbstbeschränkung bedeuten teils deutlich geringere Reichweiten, die sich mitunter auch in finanziellen Einbußen niederschlagen.

Das Ende einer Liebe: Wie Youtube gegen Verschwörungsideologen vorgeht

Die Videoplattform Youtube hat den Account der Stuttgarter „Querdenken“-Bewegung gelöscht. Es ist nicht der erste Fall dieser Art.

Längst sind Rechte und Verschwörungsideologen deshalb auf der Suche nach alternativen Plattformen. In dem Messenger und sozialen Netzwerk Telegram haben sie eine solche Alternative gefunden. Dort erreichen die Größen der Szene teilweise bereits mehrere Hunderttausend Menschen.

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In diesem Markt versucht auch Gettr Fuß zu fassen. Mehr als vier Millionen Nutzerinnen und Nutzer hat die Plattform laut eigenen Angaben weltweit, davon mehr als 250.000 in Deutschland. Zum schnellen Wachstum in Deutschland trug vor allem eine Reihe prominenter Nutzer und Nutzerinnen bei. Von einem „Reitschuster-Effekt“ sprach Gettr im Dezember in einer Pressemitteilung. Durch die Werbung des ehemaligen „Focus“-Korrespondenten und heutigen „Querdenker“-nahen Journalisten und rechten Medienaktivisten Boris Reitschuster habe das Netzwerk zahlreiche neue Nutzerinnen und Nutzer gewonnen.

Auch der frühere Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen, der seit Dezember Gettr-Nutzer ist, trug enorm zur Bekanntheit des Netzwerks bei: Er verbreitete dort kurz vor dem Jahreswechsel ein Video des zuvor durch antisemitische Aussagen aufgefallenen Mikrobiologen und Impfgegners Sucharit Bhakdi und befürwortete ein „Impfverbot“. Die Äußerung Maaßens sorgte für breite Kritik und führte zu erneuten Forderungen nach seinem Ausschluss aus der CDU.

Promo für Maaßen und vom Verfassungsschutz beobachtete Rechtsextreme

Zwei Wochen zuvor hatte Gettr-Gründer Jason Miller Maaßen in einem Post als neuen Nutzer der Plattform begrüßt. Maaßen antwortete Miller, er „finde es toll, dass Sie dieses neue Medium aufgebaut haben, das vielen Menschen Hoffnung gibt, ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wahrzunehmen“. Da „Regierungen und Massenmedien oft eher links und sozialistisch eingestellt“ seien, brauche es Meinungsfreiheit für Menschen, die sich dem Kampf gegen den Sozialismus verschrieben hätten.

Eine persönliche Begrüßung oder Promotion durch den Gettr-Gründer erhielt nicht nur Maaßen. Miller verbreitete und bewarb in den vergangenen Monaten auch Beiträge der Pegida-Chefs Lutz Bachmann und Siegfried Däbritz. Außerdem verbreitete er Beiträge des Podcasts „Honigwabe“, der unter anderem von einem Rechtsextremisten betrieben wird, der sich „Shlomo Finkelstein“ nennt. In den vergangenen Jahren erlangte der Mann etwa durch ein Video Bekanntheit, in dem er einen Koran zuerst verbrennt, um anschließend auf die Überreste zu urinieren und hetzte seine Followerschaft aus der Anonymität heraus immer wieder auf ihm verhasste Einzelpersonen.

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Auch der offizielle Account von Gettr Deutschland bewarb in den vergangenen Wochen mehrere rechtsextreme Medien und Einzelpersonen. So etwa den vorbestraften rechten Rocker Tim Kellner oder die vom Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften und beobachteten Medien „Compact-Magazin“ und „PI-News“.

Die Antwort der Gettr-Betreibenden auf eine Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND), warum das Netzwerk diese Medien bewirbt, gibt weiteren Einblick in die Zusammenarbeit zwischen Gettr und deutschen Rechtsextremen:

Gettr antwortete dem RND, es sei eine Plattform für freie Rede und heiße alle Nutzer willkommen, die die Gesetze und die Gettr-Geschäftsbedingungen achten. Dazu gehörten auch Medien wie „PI-News“ und „Compact“.

Fast zeitgleich mit der Antwort der Gettr-Pressestelle erschien auch ein Artikel bei „PI-News“, in dem es heißt, das RND habe „PI-News“ bei Gettr „angeschwärzt“. Das RND und der Autor dieses Artikels werden in dem Text verunglimpft und es wird aus der RND-Anfrage und der Antwort von Gettr zitiert, die Gettr dem rechtsextremen Blog offenbar frühzeitig zur Verfügung gestellt hat. „PI-News“ und Gettr arbeiten offenbar zusammen – so bezeichnet der Blog das soziale Netzwerk in seinem Text auch als „Medienpartner“.

Die AfD bei der rechten Twitter-Alternative

Auch die AfD unterhält seit dem 10. Januar einen offiziellen Gettr-Account, verschiedene Parteigliederungen und AfD-Politikerinnen und -Politiker sind bereits länger auf Gettr vertreten. Einen besonders engen Draht zu Gettr und seinem Chef Jason Miller hat die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch. Miller besuchte von Storch im Oktober 2020 im Deutschen Bundestag.

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Fotos zeigen die beiden gemeinsam mit einem früheren Autor der rechten US-Seite Breitbart unter anderem auf der Dachterrasse des Reichstagsgebäudes. Beide seien sich einig, „dass die konservativen Kräfte weltweit sich besser vernetzen“ müssten, hieß es anschließend auf der von Beatrix von Storchs Ehemann Sven von Storch verantworteten Website „Freie Welt“.

Wie das Nachrichtenportal T-Online berichtete, traf Miller bei seiner Werbetour durch Europa auch Pegida-Chef Bachmann, den britischen Islamhasser Stephen Yaxley-Lennon alias Tommy Robinson und den französischen Rassisten und Rechtsaußen-Präsidentschaftskandidaten Éric Zemmour. International vernetzt ist Gettr auch mit der brasilianischen Rechten – auch Präsident Jair Bolsonaro nutzt die Plattform.

In seiner Selbstdarstellung gibt sich Gettr als unvoreingenommener „Marktplatz der Ideen“ – der Twitter-Klon wirkt stattdessen jedoch vielmehr als Echokammer der globalen Rechten, von Corona-Maßnahmen- und Impfgegnern und Impfgegnerinnen. Dort bleibt man größtenteils unter sich und ist nicht nur vor Löschungen und Sperrungen sicher – sondern auch vor allzuviel störender Gegenrede. In Deutschland und international scheint Gettr derzeit weiterhin im Wachstum begriffen. Anzeichen, dass sich Gettr hierzulande abseits der bisherigen Zielgruppen etabliert, sind jedoch nicht zu erkennen.

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