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  • TV-Duell zwischen Trump und Biden: So lief der letzte Schlagabtausch vor der US-Wahl

US-Wahl: Vertauschte Rollen im TV-Duell

  • Bei der zweiten TV-Debatte verkauft sich US-Präsident Donald Trump als Außenseiter und seinen Herausforderer als „korrupten Politiker“.
  • Dank einer präzisen Moderation geht es dieses Mal gesittet zu.
  • Nach einem schwachen Auftakt kann Joe Biden in der zweiten Hälfte punkten und legt ein präsidiales Finale hin.
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Washington. Die Antworten auf die kluge letzte Frage waren entlarvend. Was sie nach einem Wahlsieg den Bürgern sagen würden, die nicht für sie gestimmt hätten, wollte Moderatorin Kristen Welker nach einer unerwartet disziplinierten anderthalbstündigen Debatte von den beiden Bewerbern um das Weiße Haus wissen. Es war der Moment für einen staatsmännischen Auftritt.

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Biden wirft Trump in TV-Duell Umgang mit Corona-Pandemie vor
2:39 min
Ein letztes Mal vor der Wahl sind US-Präsident Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden aufeinander getroffen.  © Reuters

„Wir werden unser Land wieder so groß machen wie vor der Plage“, setzte Donald Trump an, um dann zurück in seinen Wahlkampf­modus zu fallen: „Ich habe die Steuern gesenkt. Er will sie erhöhen. Wenn er gewinnt, gibt es eine Depression.“ Der Mann am anderen Pult schlug einen deutlich anderen Ton an: „Ich bin ein amerikanischer Präsident“, antwortete Joe Biden. „Ich vertrete Sie alle, gleich, ob Sie für mich gestimmt haben. Ich setze auf Anstand, Ehre und Charakter.“

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Kein Plan für zweite Amtszeit Donald Trumps

Stärker hätte der Kontrast kaum sein können. Das zweite TV-Duell der beiden Anwärter für die amerikanische Präsidentschaft unterschied sich in Ton und Stil dramatisch von der chaotischen ersten verbalen Wirtshaus­schlägerei.

Offensichtlich hatten Trumps Berater dem Republikaner dringend empfohlen, auf Rüpeleien und dauerndes Dazwischenreden zu verzichten, ohne dass die Regie ihre neue Stummtaste einsetzen musste. Doch die Rolle des Präsidenten wollte Trump trotzdem nicht spielen. Weder bemühte sich der Amtsinhaber, unentschlossene Wähler mit Argumenten zu überzeugen, noch legte er irgendeinen Plan für seine zweite Amtszeit vor.

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Plötzlich verspricht Trump eine „nagelneue Kranken­versicherung“

Stattdessen spielte Trump die Rolle, die er am liebsten einnimmt: die des Außenseiters. „Das ist der Einwurf eines typischen Politikers“, kommentierte er gleich zu Beginn eine Äußerung von Biden. Wiederholt warf er seinem Herausforderer vor, seit 47 Jahren in der Politik zu sein und nichts bewegt zu haben.

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„Warum haben Sie das nicht längst gemacht?“, fragte der Mann, der seit vier Jahren im Weißen Haus residiert und nun plötzlich eine „wunderbare nagelneue Kranken­versicherung“ ankündigt, den Kontrahenten, der sich um seinen Job bewirbt. Biden, so ätzte er, mache viele Worte und tue nichts. Außerdem sei er „ein korrupter Politiker“.

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Es war, als hätte Trump kurzerhand das Drehbuch vertauscht, und Joe Biden fand nicht gleich eine souveräne Antwort. In der ersten Hälfte des Duells wirkte der 77-Jährige angespannt, er redete zu schnell und begann zwischendurch zu stammeln.

Möglicherweise war das auch der Anspannung geschuldet. Denn der ehemalige Vizepräsident wusste, dass Trump mit voller Wucht eine auf diffuser Faktenlage beruhende Anklage gegen ihn vorbringen würde – dass er sein damaliges Amt missbraucht habe, um Geschäfts­aktivitäten seines Sohnes in der Ukraine und in China zu unterstützen und davon zu profitieren.

Biden kontert Trump mit dessen China-Geschäften

Die Beweislage ist extrem dünn, der zwielichtige Trump-Anwalt Rudy Giuliani streut seit Tagen E‑Mails aus einem ominösen Laptop, die niemand überprüfen kann, die Republikaner im Senat fanden bei einer Untersuchung im September keinerlei Belege. Trotzdem nutzte Trump früh in der Debatte die Gelegenheit, Biden persönlich anzugreifen. „Die E‑Mails sind furchtbar“, sagte er und behauptete, sein Kontrahent habe Unmengen von Geld erhalten, von dem er sich Häuser überall im Land gekauft habe.

Das ist eine bemerkenswerte Offensive für einen Milliardär, der seine Steuer­erklärungen entgegen der Gepflogenheit nicht offenlegt und mit seinen Hotels und Golfplätzen nachweislich von seinem Amt profitiert. Aber Trump ging es nicht um Konsistenz, sondern darum, Biden durch Anwürfe gegen dessen Problemsohn Hunter aus dem Konzept zu bringen.

Das aber gelang ihm nicht. „Ich habe mein Leben lang keinen Penny von einem anderen Land erhalten“, konterte Biden fest und verwies darauf, dass es Trump sei, der in China aufgrund geschäftlicher Aktivitäten 180.000 Dollar Steuern gezahlt habe.

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Trump und Biden: deutliche Gegensätze bei Migration

Nach diesem Schlagabtausch wirkte Biden plötzlich deutlich sicherer und angriffs­lustiger. „Wir hatten auch gute Beziehungen mit Hitler, bevor er Europa überfallen hat“, konterte er Trumps Prahlen mit seinen guten Beziehungen zum nord­koreanischen Diktator Kim Jong Un.

Als der Präsident kurz darauf behauptete, Biden wolle den Sozialismus im Gesundheits­wesen einführen, erwiderte dieser: „Er glaubt, er tritt gegen jemand anders an.“ Tatsächlich habe er sich bei den innerparteilichen Vorwahlen gegen linkere Kandidaten durchgesetzt, „weil ich mit ihnen nicht übereinstimme“.

Deutlich waren die Gegensätze auch beim Disput über die Einwanderungs­politik. In den USA sorgen derzeit Berichte für Empörung, denen zufolge die Regierung 500 Kinder bei der illegalen Einreise von ihren Eltern getrennt hat und nun nicht mehr weiß, wo die Familien abgeblieben sind. Menschenhändler und „böse Leute“ hätten die Minderjährigen über die Grenze geschmuggelt, behauptete Trump: „Wir kümmern uns sehr gut um sie.“

Biden reagierte empört: „Das spiegelt nicht uns als Nation wider. Das ist kriminell.“ Offen räumte er dann ein Versäumnis seiner gemeinsamen Regierungszeit mit Barack Obama ein: Man müsse für Migranten einen klaren Weg zur Staats­bürgerschaft eröffnen. Das wolle er in den ersten 100 Tagen seiner Präsidentschaft angehen.

Fazit zum TV-Duell: Die Zuschauer können den Argumenten folgen

Am Ende stand es unentschieden. Viel Neues in der Sache erfuhren die Zuschauer auch bei dieser Begegnung nicht. Doch dank der extrem präzisen Gesprächs­führung der bestens präparierten Moderatorin hielten sich Trumps Ausbrüche in Grenzen.

Die beiden Kontrahenten redeten nicht zur gleichen Zeit, und die Zuschauer konnten die Argumente verfolgen – jedenfalls so lange, wie sich Trump nicht in finstersten rechten Verschwörungs­andeutungen verfing und Biden seine Umweltpolitik nicht mit einem wilden Zahlensalat von Ladestationen, Fördermitteln und Arbeitsplätzen zu verkaufen versuchte.

„Ich würde die Subventionen für die Ölindustrie stoppen“, sagte Biden irgendwann bemerkenswert klar. Das war eine Aussage nach dem Geschmack vieler Umweltschützer – und des Präsidenten. Trump zog eine Grimasse, als sei er Wladimir Putin in der Sauna begegnet, und rief dann aus: „Wähler in Texas, erinnert euch daran!“

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