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90 Minuten TV-Schlacht ums Weiße Haus

  • Heute Nacht, beim ersten großen TV-Duell, hat Joe Biden die Chance, Donald Trump vor einem Millionenpublikum politisch zu zerlegen.
  • Aber schafft er das tatsächlich? Im Fernsehen siegt oft das Situative über den Inhalt – und beide Kandidaten gehen mit gewissen Handicaps ins Rennen. Biden ist kein großer Redner, er verhaspelt sich oft.
  • Trump wiederum tritt oft zu breitbeinig auf – und sagt dann Dinge, die er später bereut.
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Heute Nacht ist es so weit: Um 21 Uhr Ostküstenzeit treffen Donald Trump und Joe Biden zum ersten TV-Duell live aufeinander. In Deutschland berichtet das ZDF live, die Sendung beginnt um 2.45 Uhr.

Lohnt es sich, wach zu bleiben? Sich zumindest irgendwann die Aufzeichnung zeitversetzt anzusehen, ist zu empfehlen: Es ist die wohl wichtigste Fernsehsendung seit Jahrzehnten.

Der Schlagabtausch könnte so oder so in die Geschichte eingehen.

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  • Entweder schafft es Biden, den Präsidenten vor den Augen der Nation eindrucksvoll entzaubern – dann markieren diese 90 Sendeminuten den Anfang vom Ende der Ära Trump.
  • Oder Biden blamiert sich selbst – dann wird die Welt Zeuge einer jämmerlich verpassten historischen Chance.
Video
Video-Blog zur US-Wahl: Trumps heikle Finanzlage
5:30 min
Beim Wahlkampf in den USA überschattet ein Ereignis das nächste. Nun sind fragwürdige Steuereklärungen von Donald Trump an die Öffentlichkeit geraten.  © RND

Optik schlägt Inhalt – schon seit 1960

Über Sieg oder Niederlage entscheidet bei Fernsehdebatten nicht zwingend der Inhalt dessen, was da gesagt wurde. Es geht auch um das Wie – und nicht zuletzt um die Optik.

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In den USA unvergessen ist ein Duell zwischen Richard Nixon und John F. Kennedy vom 26. September 1960. Viele Zuhörer, die es nur am Radio verfolgten, lobten anschließend Nixon; der habe sehr überzeugend argumentiert. Die Fernsehzuschauer hingegen sahen Kennedy als Gewinner.

JFK sah einfach besser aus: Fernsehduell zwischen Richard Nixon (rechts, sitzend) und John F. Kennedy (links, stehend) im September 1960. © Quelle: picture alliance / Everett Colle
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Tatsächlich sah JFK in der Sendung einfach besser aus. Der damalige Senator aus Massachusetts erschien entspannt und gebräunt im Studio, ein Make-up für die Kameras lehnte er vor der Sendung ab. Nixon hörte das und wollte prompt ebenfalls keines. Er war aber blass nach einer vorangegangenen Knieoperation, zudem war sein grauer Anzug schlecht gewählt. Nixon schien sich insgesamt nicht wohl zu fühlen und zu schwitzen, oft guckte er nervös hin und her: Fehler über Fehler.

Seither wird bei solchen Debatten nichts mehr dem Zufall überlassen. George Bush senior zum Beispiel schüttelte 1988 in einem TV-Duell Mike Dukakis auffällig lange lächelnd die Hand – offenbar um deutlich zu machen, dass Dukakis deutlich kleiner ist als er.

Kein Händeschütteln mit Biden und Trump

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Biden und Trump werden einander heute nicht die Hand geben – die Corona-Regeln stehen dagegen. Auch wird nicht viel Studiopublikum zu sehen sein in der Case Western Reserve University in Cleveland, nur um die 70 Personen sind zugelassen; bei früheren Anlässen dieser Art waren es um die 1000.

Moderator der ersten Trump-Biden-Debatte ist Chris Wallace vom Sender Fox News. Der 72-Jährige arbeitet zwar bei Trumps Lieblingssender, ging aber stets distanziert mit dem Präsidenten um und genießt lagerübergreifend Anerkennung. © Quelle: Gary He/EPA/dpa

Der Ablauf ist steif – bietet aber dennoch Gelegenheit zu Attacke und Konter. Es gibt kurze Eröffnungsstatements, später sollen sich die Kandidaten bei ihren Antworten stets auf zwei Minuten beschränken. Zu den Hauptthemen zählen die Corona-Krise, die Wirtschaft sowie Rassismus und Gewalt in den Städten. Moderator Chris Wallace will außerdem Fragen zur Supreme-Court-Besetzung stellen und zu der von Trump angezweifelten Sicherheit der Briefwahl.

Biden wird, notfalls ungefragt, zur Sprache bringen, dass Trump jahrelang nur 750 Dollar Steuern zahlte – weniger als ein Durchschnittsverdiener.

Trump will in der Sendung einmal mehr vor allem als “tough” rüberkommen – im Gegensatz zu Biden, den er seit Monaten als “Sleepy Joe” verhöhnt. Als Ass im Ärmel sieht Trump die konservative Katholikin Amy Coney Barrett, die er soeben für den Obersten Gerichtshof nominiert hat. Zudem könnte Trump beim Thema “law and order” punkten: Umfragen zeigen, dass die Leute bei Unruhen in den Großstädten nicht so sehr nach den genauen Ursachen fragen, sondern vor allem an einem robusten Auftreten der Polizei interessiert sind. Trump wird Biden vorwerfen, der Polizei finanzielle Mittel entziehen zu wollen und ihr zu misstrauen.

Die größte Gefahr für Trump liegt in seiner Tendenz zu übertriebener Großspurigkeit. Sein Team hat ihn schon davor gewarnt, Biden zu unterschätzen; der 77-Jährige sei mit allen Wassern gewaschen und werde dies in der Debatte beweisen. Dennoch lehnte Trump ausufernde Übungsdebatten mit seinem eigens angeheuerten Sparringspartner Chris Christie ab; am Wochenende sah man Trump wie gewohnt auf seinem Golfplatz in Virginia.

Hässliche “mind games” kurz vor der Debatte

Biden kommt nach allem, was man hört, besser vorbereitet in die Runde. Der frühere Vizepräsident von Barack Obama hat Übung darin, sich auf einige wichtige Dinge zu konzentrieren wie ein Laserstrahl. Biden ist fest entschlossen, Trump in der Sendung eine sowohl fachliche wie auch charakterliche Unfähigkeit nachzuweisen – und zwar nicht irgendwie, sondern mit plastischen Beispielen in einer für jedermann nachvollziehbaren Sprache.

Doch auch im Biden-Camp sorgt man sich um den eigenen Mann: Was, wenn er sich irgendwann heillos verhaspelt oder in umständliche Betrachtungen abgleitet, in denen er am Ende den Faden verliert? Es wäre nicht das erste Mal.

Trump hofft, dass Biden, der einst als Kind gestottert hat, erneut sprachlich irgendwann festhängt. In jüngster Zeit mokierte sich Trump, man müsse eigentlich mal prüfen, ob Biden nicht “leistungsfördernde Mittel” einnehme, bevor er im Fernsehen auftrete: Im Grunde sei ein Drogentest vor der Debatte das Gebot der Stunde.

“Joe Biden nimmt vor Fernsehauftritten leistungssteigernde Drogen”: Diese unbewiesene Behauptung ließ US-Präsident Donald Trump in eines seiner jüngsten Fernsehinterviews einfließen. © Quelle: imago images/ZUMA Wire

Es sind hässliche “mind games”, die da laufen: Psychospielchen mit dem Ziel, dem anderen gleichsam unter die Haut zu fassen.

Das Biden-Lager reagierte am Montag mit dem Hinweis, in der Nacht zu Mittwoch werde es um Worte gehen, “nicht um Urin”. Trump werde sich, auch wenn es ihm offenbar außerordentlich schwer falle, auf eine inhaltliche Debatte einstellen müssen – unter anderem über die 200.000 amerikanischen Todesopfer in der Corona-Krise.

Das Ende ist offen, Spannung ist garantiert.

“Staat, Sex, Amen”
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