TV-Debatte: Wie Trump und Biden punkten wollten

  • Die erste TV-Debatte zwischen US-Präsident Donald Trump und seinem Herausforderer Joe Biden geht unter in Chaos.
  • Bei genauerer Betrachtung lassen sich aber immerhin Spuren jener Strategien entdecken, mit denen die Kandidaten das Duell für sich entscheiden wollten.
  • Während Trump auf Aggression setzte, vertraute Biden auf Emotion.
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Berlin. Für beide US-Präsidentschaftskandidaten stand im ersten TV-Duell viel auf dem Spiel. US-Präsident Donald Trump muss seinen seit Monaten stabilen Rückstand in den Umfragen aufholen, wenn er im Weißen Haus verbleiben will. Herausforderer Joe Biden will das Zerrbild vom senilen Tattergreis widerlegen, das Trump von ihm zeichnet. Also versuchten die Kandidaten zu punkten – im Auftritt und in den Inhalten.

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Schlüsselpassage war Trumps Hinweis an die extreme Rechte
8:11 min
Constanze Stelzenmüller, Außenpolitikrxpertin in Washington, analysiert im Gespräch mit RND-Korrespondentin Marina Kormbaki das TV-Duell Trump gegen Biden.
  • Aggression versus Emotion: Von der ersten Minute an bläst Trump zum Angriff. Immer wieder beleidigt er Biden und fällt ihm rüde ins Wort. Seine Basis dürfte dieses Verhalten als Ausdruck von Frische und Vitalität begrüßen. Ob Trump damit aber die hart umkämpften unentschlossenen Wähler für sich gewinnen kann, ist fraglich. Eher bestätigt sein aggressives Gebaren das Bild eines in die Enge getriebenen Präsidenten. Biden hingegen schlägt einen präsidialen Ton an und spricht oft direkt in die Kamera, zum Publikum. Der US-Demokrat will angesichts der Pandemie und hoher Arbeitslosigkeit als mitfühlender Landesvater auftreten – wird aber immer wieder von Trumps Pöbeleien unterbrochen.
  • Trump präsentiert sich als Garant von “Law and Order”: Seit Wochen schon versucht der Präsident, die Wahl zum Referendum über die Gewalt im Zuge rassistischer Polizeiübergriffe in den Städten zu machen. Trump wirft Biden vor, die Sicherheitsbehörden zu verraten, um es sich nicht mit dem “linksradikalen” Flügel seiner Partei zu verscherzen. “Die haben dich so sehr um den Finger gewickelt, dass du nichts über Recht und Ordnung sagen kannst”, so Trump. Biden steckt im Dilemma: Stellt er sich vorbehaltlos hinter die Polizei, verliert er den Zuspruch der Afroamerikaner. Übt er laute Kritik an den Beamten, verprellt er weiße Wähler aus der Mitte. Also bemüht er sich um Differenzierung: “Die meisten Polizisten sind gute, ehrbare, ehrliche Leute.” Doch Differenzierungen gehen an diesem Abend im Getöse unter.
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Chaotisches TV-Duell zwischen Trump und Biden
3:40 min
Die etwa 90-minütige Debatte war geprägt von gegenseitigen Beleidigungen und persönlichen Angriffen, streckenweise verlief sie regelrecht chaotisch.  © Reuters
  • Trump baut einer Wahlniederlage vor: Der Präsident wiederholt seine nicht näher belegten Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Wahlergebnisses. Anlass dazu gibt ihm die in diesem Jahr verstärkt zum Einsatz kommende Briefwahl. “Es ist eine manipulierte Wahl”, sagt Trump, noch ehe die Wahl so richtig begonnen hat. Dabei sagen Experten immer wieder, dass es keinerlei Anzeichen systematischen Betrugs gebe. Selbst Trumps FBI-Direktor Chris Wray sagte kürzlich bei einer Kongressanhörung, dass das FBI in der Vergangenheit keinerlei “koordinierte nationale Bemühungen um Wahlbetrug bei einer größeren Wahl erlebt hat, weder bei Briefwahlen noch auf anderem Wege”.
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Biden: TV-Duell war “nationale Peinlichkeit”
1:51 min
Biden forderte die Amerikaner auf, für ihn zu stimmen, um jede Möglichkeit auszuschließen, dass Trump im Falle einer Wahlniederlage im Weißen Haus bleibt.  © Reuters
  • Biden prangert immer wieder das Corona-Missmanagement an: Ein ums andere Mal macht Herausforderer Biden Trump persönlich für die hohen Opfer- und Arbeitslosenzahlen im Zuge der Corona-Pandemie verantwortlich. Ein Thema, über das Trump an diesem Abend nicht reden will. Der Präsident meidet das Thema Pandemie. Und selbst die Wirtschaft – das Feld, in dem er in Umfragen die höchsten Kompetenzwerte genießt – spart er aus. Biden hingegen zeigt Handlungsbereitschaft an: “Würden wir von jetzt an bis Januar Masken tragen und Abstand halten, könnten wir wahrscheinlich bis zu 100.000 Leben retten.” Damit zitiert er Berechnungen der Universität Washington.
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  • Biden punktet mit Emotion: Biden, der inzwischen offen über die Trauer nach dem Tod seiner ersten Ehefrau und dem Verlust von zwei Kindern spricht, genießt wegen seines freimütigen Umgangs mit Emotionen viele Sympathien. Als empathischer Politiker tritt er auch in der TV-Debatte in Erscheinung. Die Vehemenz, mit der er seinen an Krebs gestorbenen Sohn Beau, einen Irak-Veteranen, verteidigt, ist der emotionale Höhepunkt des Abends. “Mein verstorbener Sohn war ein Soldat, und er war kein Loser”, sagte Biden – Trump soll tote US-Soldaten in vertraulichen Runden als “Loser” und “Versager” bezeichnet haben. Der Präsident bemüht sich gar nicht erst um Anteilnahme. Trump setzt seine Attacken auf Bidens anderen Sohn, Hunter, fort.
“Staat, Sex, Amen”
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