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Türkische Krise: Ganze Familien gehen aus Verzweiflung in den Tod

  • Eine Serie von Selbstmorden, verübt aus finanzieller Not, schockiert die Türkei.
  • Doch von verfehlter Wirtschaftspolitik will die Regierung nichts wissen.
  • Lieber will sie offenbar kritische Berichte über die Wirtschaftslage unter Strafe stellen.
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Istanbul. Es war ein verzweifelter Abschiedsbrief, den Selim Simsek hinterließ: „Ich bitte alle um Verzeihung, aber ich weiß keinen Ausweg mehr. Wir beenden unser Leben.“ Der 36-jährige Familienvater schrieb über neun Monate Arbeitslosigkeit, über seine Schulden und wachsende finanzielle Not. Die Polizei fand den Brief vor zehn Tagen bei den Leichen der vierköpfigen Familie. Selim Simsek, seine 38 Jahre alte Frau Sultan und die beiden Kinder, fünf und neun Jahre alt, starben durch die Einnahme von Cyanid.

Der kollektive Selbstmord in Konyaalti, einem Vorort der türkischen Touristenmetropole Antalya, ist kein Einzelfall. Wenige Tage zuvor hatten sich im Istanbuler Stadtteil Fatih vier Geschwister im Alter zwischen 48 und 60 Jahren das Leben genommen. „Vorsicht, Cyanid! Nicht betreten! Ruft die Polizei!“ stand auf einem Zettel an der verschlossenen Wohnungstür. Der Kontakt mit Cyanid kann bei Wiederbelebungsversuchen von Giftopfern für die Sanitäter tödlich sein. Die beiden Brüder und ihre zwei Schwestern lebten seit Jahren gemeinsam in der Wohnung. Eine der beiden Frauen arbeitete als Musiklehrerin. Das war das einzige Einkommen der Geschwister. Als es wegen Schulden gepfändet wurde, gingen die vier gemeinsam in den Tod.

Vergangenen Freitag gab es den dritten Fall, wieder in Istanbul. Sanitäter fanden in einer Wohnung im Stadtteil Bakirköy ein Ehepaar und ihr sechsjähriges Kind. Auch sie starben an Cyanidvergiftung. Der Bürgermeister von Bakirköy, Bülent Kerimoglu, berichtete, der Familienvater, ein Juwelier, sei in finanziellen Schwierigkeiten gewesen. Nachdem er zunächst seiner Frau und seinem Kind das Gift verabreicht hatte, nahm er es selbst.

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Opposition greift Erdogans Regierung hart an

Die Selbstmorde lösten in der Türkei heftige politische Kontroversen aus. Oppositionspolitiker werfen der Regierung vor, sie treibe mit ihrer verfehlten Wirtschaftspolitik die Menschen in die Verzweiflung. „Wir sehen Frauen, die in den Mülltonnen nach Essensresten suchen“, sagt Kemal Kilicdaroglu, der Vorsitzende der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP). „Das ist die Türkei des 21. Jahrhunderts“, klagt der Politiker. Er wirft Staatschef Recep Tayyip Erdogan vor, das Land wirtschaftlich zu ruinieren.

Die Wirtschaft – sie war einmal Erdogans Trumpfkarte. Angetreten war er 2002 als Hoffnungsträger vieler Türken. Damals war das Land gerade durch eine schwere Banken- und Finanzkrise gegangen. In den folgenden zehn Jahren verdreifachte sich das statistische Pro-Kopf-Einkommen. Beim Wachstum lag die Türkei zeitweilig mit China an der Weltspitze. Immer neue Wolkenkratzer wuchsen im Istanbuler Finanzviertel in den Himmel und dokumentierten Erdogans Wirtschaftswunder.

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Der Wachstumsmotor stottert

Aber bereits seit einigen Jahren stottert der Wachstumsmotor. Anleger schichten Gelder aus den Schwellenmärkten in den Dollar-Raum um. Das trifft die Türkei, die in hohem Maß auf ausländisches Kapital angewiesen ist, besonders hart. Überdies hat Erdogan jahrelang Strukturreformen vernachlässigt. Das Bildungssystem ist veraltet, die Wertschöpfung gering, den meisten Unternehmen fehlt es an Innovationskraft. Politische Sorgen kommen hinzu: Der Putschversuch vom Juli 2016, Erdogans zunehmend autoritärer Kurs und seine Bestrebungen, die Notenbank zu gängeln, verunsichern Investoren. Erdogans Konfrontationskurs gegenüber den USA ließ vergangenes Jahr die Lira um 30 Prozent abstürzen und trieb die Inflation zeitweilig auf mehr als 25 Prozent.

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Die Teuerung fiel zwar im September erstmals seit zwei Jahren wieder unter die 10-Prozent-Marke. Aber dafür steigt die Arbeitslosigkeit. Vergangene Woche meldete das staatliche türkische Statistikamt für September einen Anstieg der Quote auf 14 Prozent. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt sogar 27,4 Prozent. Mitte 2018 rutschte die Türkei in eine Rezession. In diesem Jahr dürfte die türkische Wirtschaft, wenn überhaupt, nur marginal wachsen. Während große Firmen staatliche Hilfen wie Steuererleichterungen bekommen, geht immer mehr Familien das Geld aus. In den vergangenen sechs Wochen hat das Finanzministerium die Bankkonten von fast vier Millionen Bürgern gesperrt, um Steuerschulden einzutreiben.

Regierung will offenbar noch stärker gegen Medien vorgehen

Die Regierung weist jeden Gedanken zurück, die jüngste Suizidserie könnte krisenbedingt sein. Vizepräsident Fuat Oktay erklärte, es gebe keinen Hinweis darauf, dass die Selbstmorde etwas mit Armut zu tun hätten. Wer so etwas behaupte, ermuntere nur Nachahmer. Aber das Thema scheint der Regierung unangenehm zu sein. Regierungsnahe Zeitungen berichten von Überlegungen, künftig kritische Kommentare zur Wirtschaftslage in den Medien und sozialen Netzwerken mit Haftstrafen zwischen sechs Monaten und fünf Jahren zu ahnden.

Schon jetzt müssen Journalisten, die über wirtschaftliche Schwierigkeiten der Türkei schreiben, mit Strafverfolgung rechnen. Ein Gericht in Istanbul verhandelt seit September gegen zwei Reporter der Nachrichtenagentur Bloomberg. Der Vorwurf: Sie hätten mit einem Bericht über die Währungskrise die wirtschaftliche Stabilität der Türkei untergraben. Der Prozess wird im Januar fortgesetzt. Den angeklagten Journalisten drohen fünf Jahre Gefängnis.

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Finanzminister und Erdogan-Schwiegersohn Berat Albayrak will noch weiter gehen. Er sagte Anfang November, Ökonomen und Professoren, die „negative Ansichten über die Türkei“ verbreiteten, seien „wie Terroristen“. Darauf steht lebenslange Haft.