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Warum die Waldbrände in der Türkei Erdogan politisch gefährlich werden können

  • Die Türkei wird von den verheerendsten Feuerstürmen seit Menschengedenken heimgesucht.
  • Regierung und Behörden wirken in der Krise völlig überfordert.
  • Für Staatschef Recep Tayyip Erdogan könnte die Brandkatastrophe zu einem politischen Desaster werden.
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Athen. Als die Flammen das Dorf Cökertme an der türkischen Ägäisküste erreichten und die Wasserversorgung zusammenbrach, griff Gülseli Karaduman zu einem Feuerlöscher, um ihren Olivenhain zu verteidigen. „Unser Land brennt, aber wir bekommen keine Hilfe”, klagte die Bäuerin.

Seit acht Tagen lodern die Brände in den Wälder in der Türkei, von der Ägäisküste im Westen bis zur türkischen Riviera im Süden. Einwohner und Einwohnerinnen und Touristen und Touristinnen sind auf der Flucht vor den Flammen. Wasserbomber sind bei großen Waldbränden die einzige Hoffnung. Aber die Menschen warteten vergeblich auf Hilfe aus der Luft. Die Türkei besitzt kein einziges einsatzfähiges Löschflugzeug.

#HelpTurkey, dieser Hashtag ging um die Welt, während die Wälder brannten. Nicht allen gefiel der Hilferuf. Das sei eine „aus dem Ausland gesteuerte Kampagne”, die die Türkei herabwürdigen und schwach aussehen lassen solle, kritisierte Erdogans Kommunikationsdirektor Fahrettin Altun.

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Türkei: Tote bei Waldbränden in Urlaubsregion
1:55 min
Hitze und starke Winde hatten das Feuer in der Umgebung der an der Küste gelegenen Stadt Manavgat angefacht, rund 75 Kilometer von Antalya.  © Reuters

Er hielt mit dem Slogan #StrongTürkiye dagegen. Zu dieser nationalistischen Kraftmeierei passt, dass die türkische Regierung Hilfsangebote aus westlichen Ländern zunächst abgelehnt haben soll, weil „alles unter Kontrolle” sei.

Experten und Expertinnen sehen die Ursache der verheerenden Feuerstürme im Klimawandel, aber auch in völlig unzureichendem Brandschutz. Erdogan sucht die Schuldingen woanders: Er vermutet „Sabotage” und wähnt „Verräter” am Werk, „die unser Land in Brand stecken”. Regierungstreue Medien griffen die Verschwörungserzählung begeistert auf. Die Brände werden zum Politikum.

Erdogan habe eine Regierungsflotte von 13 Flugzeugen, rechnet ein Oppositionsabgeordneter vor, aber eigene Löschflugzeuge besitze das Land nicht. Der von seinen Kritikern als „Sultan” verspottete Staatschef habe sich einen Sommerpalast mit 300 Zimmern bauen lassen, aber für den Brandschutz fehle das Geld, klagt ein anderer Parlamentarier. Er spielte damit auf einen 62 Millionen Euro teuren neo-osmanischen Prunkbau an, den sich Erdogan an der Ägäisküste errichten ließ.

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Der Vorfall mit den Teepaketen

Die Region Marmaris, in der sich der Palast befindet, gehört zu den vom Feuer besonders heftig heimgesuchten Landstrichen. Viele Bewohner der Gegend haben alles verloren. Am vergangenen Samstag besuchte Erdogan mit seinem Wahlkampfbus Marmaris. Der Staatschef versprach den Menschen Entschädigung.

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Aber er beließ es nicht bei Worten. Die Brände loderten noch, als Erdogan bei der Abfahrt aus der geöffneten Tür seines Busses den am Straßenrand stehenden Menschen kleine Teepakete vor die Füße warf. Ein inzwischen fast fünf Millionen Mal angesehenes Video auf Twitter dokumentiert die denkwürdige Szene.

„Surreal” fand das ein Twitter-Nutzer und zog einen Vergleich: „Man stelle sich vor, Angela Merkel wäre nach der Flut durch das Ahrtal gefahren und hätte den Menschen aus einem Bus Kleenex-Tücher zugeworfen.”

Viele fragen sich seit Langem, ob Erdogan den Kontakt zur Realität verloren hat. Seine Protzpaläste und Prestigeprojekte wie der ökologisch gefährliche und ökonomisch unsinnige „Kanal Istanbul”, das chaotische Corona-Krisenmanagement und nun das flammende Inferno in den türkischen Wäldern: Das Land treibt immer tiefer in den Strudel einer chronischen politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Krise.

Am Dienstag meldete die Statistikbehörde Türkstat einen Anstieg der Inflationsrate auf fast 19 Prozent. Die schlechte Wirtschaftslage spiegelt sich in den Meinungsumfragen. Da liegt Erdogans regierende AKP nur noch bei 30 Prozent – gegenüber 43 Prozent bei der letzten Wahl.

Viele Türken und Türkinnen erinnern sich an die Erdbebenkatastrophe bei Istanbul vom August 1999. Das Totalversagen der damaligen Regierung leitete einen politischen Umbruch ein, der Ende 2002 zum ersten triumphalen Wahlsieg der AKP führte. Erdogan war damals für viele Menschen in der Türkei ein Hoffnungsträger. Jetzt könnte die Brandkatastrophe für ihn zu einer Feuerprobe werden, die über sein politisches Schicksal entscheidet.

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