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Kampfdrohnen: Erdogans tödlicher Exportschlager

Recep Tayyip Erdogan, der Präsident der Türkei, während einer Pressekonferenz.

Athen. Das Fluggerät kann vier Raketen tragen und 27 Stunden ununterbrochen in der Luft bleiben. Es ist kampfstark, kostet aber nur rund 5 Millionen Dollar. Damit ist die türkische Kampfdrohne Bayraktar TB2 ein Schnäppchen. Kein Wunder, dass immer mehr Länder zugreifen. Nach Angaben der staatlichen Rüstungsbehörde SSB wurden bisher Lieferverträge mit 16 Ländern unterschrieben.

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Hersteller der Drohne ist das türkische Rüstungsunternehmen Baykar. Geführt wird die Firma von dem 43-jährigen Haluk Bayraktar. Sein ein Jahr jüngerer Bruder Selcuk fungiert als Technikchef des Unternehmens. Der in den USA ausgebildete Ingenieur ist mit Sümeyye Erdogan verheiratet, einer Tochter des türkischen Präsidenten.

Nicht nur deshalb findet der Staatschef Gefallen an den Kampfdrohnen der Gebrüder Bayraktar. Die TB2 demonstriert, zu welchen Leistungen die von Erdogan seit Jahren geförderte türkische Rüstungsindustrie fähig ist. Die Waffenexporte bringen nicht nur Devisen ein. Sie sind auch ein wichtiges außenpolitisches Instrument. Erdogan unterstreicht damit den Führungsanspruch seines Landes in der islamischen Welt.

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Neun ausländische Staaten besitzen die TB2 bereits, darunter Libyen, Aserbaidschan und Äthiopien. Unter anderem der Irak, die Republik Niger und Polen haben sie bestellt. Neun Länder gelten als mögliche Interessenten. „Wo ich auch hinkomme, alle wollen unsere Drohnen“, freute sich Erdogan im vergangenen Herbst bei einer Afrikareise.

Wer die TB2 ordert, weiß, was er bekommt. Die Drohnen haben sich bereits auf mehreren Kriegsschauplätzen für jene bewährt, die sie einsetzen. Im libyschen Bürgerkrieg brachten sie im April 2020 eine überraschende Wende: Mit den TB2 konnte die Zentralregierung den Vormarsch des Feldmarschalls Khalifa Haftar auf Tripoli stoppen und seine Truppen in die Flucht schlagen. Auch im Bürgerkrieg in Syrien, im Machtkampf der äthiopischen Regierung mit der Volksbefreiungsfront von Tigray und im Krieg um Berg-Karabach spielten die TB2 eine entscheidende Rolle.

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Türkei setzt Drohnen vor allem in Syrien und im Nordirak ein

Jetzt könnten sie im Konflikt zwischen der Ukraine und Russland zum Einsatz kommen: Die Türkei hat der Regierung in Kiew bereits rund ein Dutzend Exemplare geliefert und weitere versprochen. Ihre tödliche Wirkung bewiesen die Drohnen bereits bei Einsätzen gegen prorussische Separatisten im Donbass, was Russlands Präsident Wladimir Putin zu einer telefonischen Beschwerde bei Erdogan veranlasste.

Die Türkei selbst setzt die Drohnen vor allem in Syrien gegen die Kurdenmiliz YPG und gegen Stellungen der kurdischen Terrororganisation PKK im Nordirak sowie in Ost- und Südostanatolien ein. Erdogan lobt die Schlagkraft der Waffen bei „Anti-Terror-Operationen innerhalb unserer Grenzen und bei grenzüberschreitenden Friedensoperationen“.

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Völkerrechtlich sind die türkischen Militäroperationen in Syrien, Libyen und im Irak allerdings umstritten. Das wirft Fragen für die Bundesregierung auf. Denn eine wesentliche Komponente vieler Bayraktar-Drohnen kommt von einem deutschen Unternehmen: Die Zielerfassungselektronik vom Typ „Argos II“, quasi das Auge der Drohne, stammt von der Hensoldt AG. Ein Sprecher der Firma bestätigte auf Anfrage, dass die Tochterfirma Hensoldt South Africa „Sensoren an Baykar liefert, die das Unternehmen in Bayraktar-Systeme einbaut“.

Die Sensoren werden bei der Tochterfirma Hensoldt Optronics Pty im südafrikanischen Pretoria produziert. „Bei diesen Produkten sind keine exportkontrollierten Komponenten aus deutscher Herstellung verbaut“, unterstreicht der Unternehmenssprecher. Im Umkehrschluss kann man daraus folgern, dass Hensoldt mit der Fertigung in Südafrika deutsche Waffenexportkontrollen umgeht.

Auch Turkmenistan besitzt die Bayraktar-Drohnen

Pikant ist das nicht zuletzt, weil die Bundesrepublik Deutschland an der Hensoldt AG eine Sperrminorität von 25,1 Prozent hält. Die Einsätze der TB2 in Syrien, Libyen und im Nordirak gelten als völkerrechtswidrig. So griffen türkische Kampfdrohnen im August vergangenen Jahres ein Krankenhaus im Nordirak an. Acht Menschen starben, vier wurden verletzt.

Zu den Staaten, die Bayraktar-Drohnen besitzen, gehört auch Turkmenistan, eine der repressivsten Diktaturen der Welt. Im vergangenen September führte das Regime die TB2 bei einer Militärparade in Aschgabat vor. Fotos zeigen nach Aussage von Militärexperten, dass auch die turkmenischen Waffensysteme mit der Zieloptik von Hensoldt ausgerüstet sind.

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Die türkischen Drohnen stoßen auch dem Nato-Partner Griechenland sauer auf. Athen und Ankara streiten seit Jahrzehnten um die Hoheitsrechte in der Ägäis. Um ihre Gebietsansprüche zu unterstreichen, schickt die Türkei regelmäßig Kampfjets in den griechischen Luftraum. Nach Angaben des griechischen Generalstabs haben seit Jahresbeginn türkische Flugzeuge bereits 18-mal griechisches Territorium überflogen, darunter bewohnte Inseln. Für diese Überflüge setzt die Türkei immer häufiger unbemannte Drohnen ein.

Andere Zulieferer reagierten inzwischen. Früher lieferte auch die kanadische Wescam Komponenten für die Zielführung der Drohne an Baykar. Nachdem bekannt wurde, dass Aserbaidschan die von der Türkei gelieferten TB2 im Berg-Karabach-Konflikt gegen Armenien einsetzte, verhängte die kanadische Regierung einen Lieferstopp. Außenminister Marc Garneau erklärte, mit dem Export der Drohnen an Aserbaidschan habe die Türkei gegen die Vorschriften zur Endverbleibskontrolle verstoßen. Als Reaktion auf die Einsätze in Berg-Karabach stellte auch der britische Hersteller Andair die Lieferungen an Baykar ein. Bis dahin hatte das Unternehmen Teile des Treibstoffsystems und Ventile für die TB2-Drohne zugeliefert.

Inzwischen ist die Türkei für die Produktion der TB2 nicht mehr auf Importe angewiesen. Vor einer Woche meldete die staatliche Rüstungsbehörde SSB die Auslieferung der ersten TB2-Drohne mit einer Zielführungselektronik aus eigener Entwicklung. Das CATS genannte System stammt vom staatlichen türkischen Rüstungskonzern Aselsan.

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