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Tschechischer Botschafter räumt ein: „Wir hatten das Gefühl, Herr der Corona-Lage zu sein“

  • Tomas Kafka, tschechischer Botschafter in Berlin, räumt einen Zickzackkurs seines Landes im Kampf gegen Corona ein.
  • Tschechien habe lange versucht, humane und wirtschaftliche Interessen in der Balance zu halten.
  • Kafka lobt die Solidarität Deutschlands und hofft, dass nach Ostern 100.000 Menschen pro Tag geimpft werden können.
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Berlin. Mehr als 9000 Corona-Patienten werden derzeit stationär in den Krankenhäusern Tschechiens behandelt. Seit Beginn der Pandemie gab es in dem EU-Mitgliedsstaat mehr als 24.800 Todesfälle. Innerhalb von sieben Tagen stecken sich zurzeit mehr als 600 Menschen je 100.000 Einwohner an. In Deutschland liegt die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz zwischen 80 und 120.

In Tschechien dürfen die Bürger momentan ihre Bezirke, die in etwa den deutschen Landkreisen entsprechen, nur in Ausnahmefällen verlassen. Ursprünglich sollte dies nur bis zum 21. März gelten, wird nun aber wohl bis über Ostern hinaus verlängert. Das Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) sprach dazu mit Tschechiens Botschafter in Berlin, Tomas Kafka.

Herr Kafka, warum ist die Lage in Tschechien so dramatisch?

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Im Frühjahr 2020 waren wir in der Pandemie­bekämpfung erfolgreich und haben uns dann etwas zu lange auf unseren Lorbeeren ausgeruht. Das hat sich dann schon in der zweiten Welle gerächt. Wir hatten das Gefühl, Herr der Pandemie zu sein, und erlebten schon im Herbst 2020 einen Rückschlag. Die Selbst­disziplinierung der Menschen wurde nie unsere Stärke, dann kam noch die britische Mutante hinzu und die Lage hat sich dramatisch verschlechtert.

Hat die Regierung Fehler im Management der Pandemie gemacht?

Wir haben immer versucht, die humanen und die wirtschaftlichen Interessen auszubalancieren. Dadurch haben wir – sicher unfreiwillig – einen Zickzackkurs eingeschlagen, vor dem in Deutschland immer gewarnt wurde. Im Vergleich könnte man ironisch formulieren: tschechisches Chaos trifft auf deutschen Fundamentalismus. Aber leider ist die Sache gar nicht lustig, und das europaweit. Wir müssen damit rechnen, dass die Pandemie sich noch sehr lange hinschleppt, und die Geduld ist nicht endlos. Es passiert immer wieder, dass einige Länder wieder zurückfallen.

Vermisst man in Tschechien europäische Solidarität?

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Nein, wir haben es als sehr solidarisch empfunden, als uns Sachsen, Thüringen und Bayern vor ein paar Wochen 16.000 Impfdosen geschickt haben. Die haben wir in Regionen eingesetzt, wo viele Pendler leben. Es gibt etwa 40.000 Pendler, die normalerweise täglich zur Arbeit nach Deutschland fahren. Sie zu schützen sowie die angrenzenden Regionen ist unser gemeinsames Anliegen, in Deutschland wie in Tschechien. Dazu gehören auch verschärfte Kontrollen, doch ich hoffe, dass diese längerfristig mit Augenmaß durchgeführt werden.

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Stichwort impfen: In Deutschland ist Astrazeneca in Verruf geraten. Wie sieht man das in Tschechien?

Wir sind da eher optimistisch denn wählerisch. Wir sind gern bereit, die in Deutschland überzähligen Impfdosen von Astrazeneca zu übernehmen. Ansonsten richten wir uns nach der Verteilung innerhalb der EU und hoffen, dass wir mit diesen Mengen nach Ostern 100.000 Menschen pro Tag impfen können. Unser Präsident ist deswegen ein großer Verfechter des russischen Impfstoffs Sputnik V, aber wir möchten die Sache nicht politisieren. Deshalb warten wir auf die Zulassung durch die Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA).

Tschechien lag 2020 mit einem Warenverkehr von 83 Milliarden Euro hinter Polen auf Platz zwei der deutschen Handelspartner in Osteuropa. Ist da noch mehr möglich?

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Ich denke, die Zeiten, wo man mit großen staatlichen Anreizen Investoren anlockte, sind vorbei. Der letzte große Deal, bei dem sich unsere Regierung massiv engagiert hat, war vor drei Jahren die Ansiedlung von BMW mit einem Entwicklungs­zentrum für das Auto der Zukunft in Sokolov bei Karlsbad. Das ist eine Investition im dreistelligen Millionenbereich mit mehreren Hundert Arbeitsplätzen. Wir freuen uns, dass wir gemeinsam mit Deutschland das Thema Mobilität ins 21. Jahrhundert bewegen können. Aber jetzt geht es sehr stark um Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Energie der Zukunft, wie zum Beispiel Wasserstoff. Da können wir sicher gut mit Deutschland kooperieren.

Im Gegensatz zu Deutschland hält Tschechien auch an der Kernenergie fest.

Ja, wir wollen und brauchen einen Energiemix, und dazu gehören auch Erdgas und Atomstrom. Wir haben zwei AKW in Temelín und in Dukovany und bauen das auch aus. In dem Werk in Dukovany soll ein fünfter Reaktor entstehen, für das Milliardenprojekt gibt es mehrere Anbieter. Das Auswahlverfahren ist sehr kompliziert, und wir wollen es sehr gewissenhaft angehen. Dazu gehört auch, dass wir sehr transparent gegenüber unseren Nachbarn in Deutschland und Österreich auftreten.

Erdgas erhält Tschechien über das europäische Pipeline-Verbundsystem, in dem auch russisches Gas fließt. Wie sehen Sie das umstrittene Projekt Nord Stream 2?

Pragmatisch. Wir wollen das als Wirtschaftsprojekt und nicht geopolitisch betrachten. Das hängt aber vor allem von Russland ab. Für uns ist ausschlag­gebend, dass alles nach den europäischen Normen und Richtlinien läuft, und die Ukraine darf auch nicht vom Gastransit abgekoppelt wird. Wir wollen kein geopolitisches Drama, russisches Gas kann genau so gut sein wie jedes andere auch, vorausgesetzt, es ist Gas und nicht ein Macht­instrument.

Kritiker sagen aber, spätestens mit der Inhaftierung von Kremlkritiker Alexej Nawalny hätte man Nord Stream 2 stoppen müssen.

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Für uns ist bei der Gestaltung der Politik gegenüber Russland maßgebend die Aufrechterhaltung der Einheitlichkeit innerhalb der EU. Tschechien ist nicht so groß, dass Russland viel Wert auf eine bilaterale Politik legt. Außerdem können wir sehr oft nicht verstehen, was uns Russland wohl sagen will, und ich glaube nicht, dass es unser Fehler ist. Wir kapieren dafür, dass man in Moskau nicht an Ratschlägen von uns interessiert ist. Das gilt auch umgekehrt.

Stichwort Belarus: Wie sieht man in Tschechien als ehemaligem Ostblockland die Entwicklung dort?

Das ist sehr besorgniserregend. Wir sind der Meinung, dass man der Zivil­gesellschaft dort helfen muss. Wir sind dazu bereit, unterstützen die Protest­bewegung und haben Belarussen in Not bei uns aufgenommen. Wir wissen aus eigener Erfahrung mit dem kommunistischen System, wie wichtig es ist, mentale Unterstützung zu erhalten, zu spüren, da ist jemand, der solidarisiert sich mit dir. Manchmal hilft es auch, durch Satire der Diktatur ihre Ernsthaftigkeit zu nehmen, denn Ernsthaftigkeit ist, was die Diktatoren lieben.

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