Trumps neue Strategie: Ich, der Corona-Held

  • Mit atemberaubendem Tempo hat die Trump-Kampagne die peinlichen und chaotischen letzten Tage umgebogen zu einer Heldengeschichte.
  • Die Wahl am 3. November wird damit zur Entscheidung zwischen Realität und Superman-Fantasien.
  • Trumps letzte Chance liegt in der Flucht ins Irreale, kommentiert Matthias Koch.
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Washington. Er hat es wirklich getan. Er hat das Kinn nach vorn geschoben und die Faust geballt, als er aus dem Krankenhaus kam. Es ist die gleiche Geste, mit der man den Präsidenten in diesen Wochen auf Plakaten sieht und in Werbespots im Internet: Donald Trump als grimmiger, entschlossener und am Ende auch unbezwingbarer Kämpfer.

Diesmal war es das Virus, dem er es mal richtig gezeigt hat.

Als US-Präsident Donald Trump das Walter-Reed-Krankenhaus verlässt, ballt er demonstrativ die Faust. Es ist genau die Geste, mit der er auf Wahlplakaten zu sehen ist. © Quelle: imago images/MediaPunch/dpa/RND Montage Behrens
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Vier Wochen sind es noch bis zur Wahl, und deshalb hielt es den Kämpfer nicht mehr im Krankenhaus. Wer soll ihn wohl auch aufhalten? Seine Ärzte im Walter-Reed-Krankenhaus, sämtlich Militärs, sind seine Untergebenen. Sie mussten ihm dienen, vom ersten Tag an, wie Statisten in einem Hollywoodfilm.

Wie einst John Wayne

Mit atemberaubendem Tempo hat die Trump-Kampagne die peinlichen und chaotischen letzten Tage umgebogen zu einer Heldengeschichte – die schon als Werbefilm läuft. Trump, der Held, der Menschen trifft, ohne Maske, auch in schwierigen Zeiten. “Ich bin rausgegangen”, heißt es da. Das sei ein Führer schließlich seiner Nation schuldig. “Ich wusste, dass es gefährlich ist, aber ich habe es trotzdem getan.” John Wayne lässt grüßen: Manchmal muss ein Mann tun, was er tun muss.

Hat da jemand gewagt zu sagen, Trumps Infektion sei das Ergebnis einer Mischung aus Überheblichkeit und Leichtsinn?

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Mit aller Macht walzt das Weiße Haus jetzt solche Deutungen nieder. Nein, die Infektion ist im Gegenteil der Beweis für den Mut eines Mannes, der einfach alles gibt für seine Nation.

Historische Chance verpasst

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In Wirklichkeit ist der einzige Mut, der den Präsidenten derzeit treibt, der Mut der Verzweiflung. Sämtliche Umfragen weisen abwärts, sein TV-Duell gegen Joe Biden hat ihm nichts gebracht, in Florida und Pennsylvania liegt Biden vorn, und sogar in lange Zeit konservativen Staaten wie Arizona wachsen neuerdings messbar die Vorbehalte gegenüber Trump.

Vor allem aber ist Trumps Versuch, das Thema Corona so gut es geht herauszuhalten aus dem Wahlkampf, durch seine eigene Erkrankung krachend gescheitert. Nun bleibt ihm nichts anderes, als in einer letzten großen Kraftanstrengung vor der Wahl die Hörner zu senken zu einem irrwitzigen Endkampf: Jetzt soll auch der Umgang mit dem Virus zum Streitthema gemacht werden – wie alles andere in Amerika.

Eben noch glaubten viele, Trump werde geläutert aus der Klinik zurückkehren und nach einem nationalen Konsens in der Virusabwehr suchen. Es wäre eine historische Chance gewesen: für die USA, für die Republikaner, auch für den Präsidenten.

Flucht ins Irreale

Doch was macht der? Wie ein wütender Pokerspieler, der in ein für ihn schlechtes Blatt blickt, wirft er den Tisch um – und spielt nun absurderweise die Corona-Gefahren sogar noch stärker runter als zuvor: “Lasst euch nicht davon dominieren. Habt keine Angst davor.”

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Es genügt diesem Präsidenten nicht, bei Themen wie Rassismus und Polizeigewalt die Menschen in seinem Land auseinanderzutreiben. Er will Polarisierung pur, und er will sie überall, jetzt auch beim Thema Virusabwehr. Ihn beflügelt, dass seine Anhänger sich jenseits der früher maßgebenden Medien ihre eigene Welt geschaffen haben. Auf Facebook führen allenfalls schwere Rechtsverstöße zur Löschung. Ob etwas aber wahr ist oder eine Erfindung, ist völlig egal.

In der Flucht ins Irreale sieht Trump nun seine letzte Chance. Die Wahl am 3. November wird keine Entscheidung zwischen rechts und links. Die Amerikaner stehen vor einer Entscheidung zwischen Realität und Superman-Fantasien.

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