Trumps messbare Misere in Minnesota

  • In Minnesota können die Leute bereits wählen gehen – und wenn fünf verschiedene Umfragen nicht täuschen, erteilen sie gerade Donald Trump eine klare Abfuhr.
  • Die Republikaner hielten Minnesota für gewinnbar: Im Jahr 2016 fehlten ihnen hier nur 1,5 Prozentpunkte.
  • Doch jetzt bröselt ihr Rückhalt in drei wichtigen Gruppen: weiße Männer ohne Collegeabschluss, ältere Leute – und Frauen. Ein Zeichen für den Rest der Nation?
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Liebe Leserinnen und Leser,

erst in sechs Wochen, so heißt es immer, werde in den USA gewählt. Doch so ganz stimmt das schon nicht mehr.

In Minnesota zum Beispiel, dem “North Star State” an der Grenze zu Kanada, stimmen die Leute schon seit Freitag ab.

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Man kann dort per Brief wählen oder auch persönlich, im “Early Voting”-Wahllokal. Mitunter bilden sich sogar Schlangen auf den Gehwegen. Sind es Corona-Ängste, die die Leute schon so früh vor dem 3. November zur Stimmabgabe treiben? Oder ist es etwas Politisches? Wollen sie dringend schon mal etwas loswerden?

Unterwegs in die Kleinstadt: Donald Trump machte sich in der vorigen Woche auf zu einem Besuch in Bemidji, Minnesota. © Quelle: Evan Vucci/AP/dpa

Ein erstaunlich hoher Anteil von Wählern in Minnesota – 45 Prozent – will Umfragen zufolge schon vor dem 3. November abstimmen. Innerhalb dieser Gruppe, die es sehr eilig hat, sagen Demoskopen, ist der Anteil von Trump-Unterstützern offenbar gering. Es scheint, als liege wie bei einem Gewitter eine Spannung in der Luft – die sich nun entlädt.

In gleich fünf Umfragen, die in dem Bundesstaat im September gemacht wurden, baute Joe Biden seinen Vorsprung aus – von sechs Punkten auf nunmehr durchschnittlich neun Punkte. In einer Umfrage für die “Washington Post” und den Sender ABC lag Biden sogar 16 Punkte vor Trump. Vergleichbare Ausschläge der Nadel werden derzeit sehr selten registriert in den USA. Was ist da los?

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Trump strengte sich an, sogar in den Kleinstädten

Minnesota ist eine eher ruhige Gegend. Der Bundesstaat hat ungefähr so viele Einwohner wie Dänemark, etwas mehr als fünfeinhalb Millionen. Im Westen liegt das noch weitaus dünner besiedelte North Dakota, im Osten glitzert der kalte Lake Superior.

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Doch das kleine Minnesota bekam in den vergangenen Wochen große Aufmerksamkeit an allerhöchster Stelle, im Weißen Haus. Trump drang sogar vor bis in die Kleinstädte. Er trat in Mankato auf (41.000 Einwohner) und in Bemidji (13.000 Einwohner), und er schickte seinen Vize Mike Pence nach Duluth (85.000). Zuletzt mischten in Minnesota sogar Präsidentensohn Donald Trump jr. und Lara Trump mit, die Schwiegertochter.

Es half nur alles nichts. Aus fünf verschiedenen Umfragen, die vor wenigen Tagen abgeschlossen wurden, ergibt sich: Das Trump-Lager ist in den letzten vier Wochen in Minnesota nicht etwa stärker geworden, sondern schwächer – und zwar deutlich.

Die Demoskopiewebseite FiveThirtyEight fasst laufend alle seriösen Umfragedaten zusammen, auch für jeden Einzelstaat. Danach hat sich der Vorsprung von Joe Biden in Minnesota im Laufe der letzten vier Wochen deutlich erhöht, von 5,5 am 20. August auf 9,1 Punkte am 20. September. Da in diesem Staat und in diesem Zeitraum beide Kampagnen sehr aktiv waren, gilt das Auseinandergehen der Kurven als schlechtes Zeichen für Trump. © Quelle: FiveThirtyEight

Das Phänomen ist weltweit der Albtraum jedes Kampagnenmanagers: Man bemüht sich, man gibt Geld aus, man wird stärker sichtbar, man konfrontiert die Leute mit den eigenen Ideen und Parolen – und parallel dazu sacken die Umfragedaten ab. Am Ende bleibt in einer solchen Situation nur Verzweiflung, wie bei einem Piloten, der den Hebel bis zum Anschlag nach hinten zieht, um seine Maschine endlich steigen zu sehen – die stattdessen weiter an Höhe verliert.

Die Demoskopen identifizierten jetzt drei Gruppen, in denen der Rückhalt für Trump spürbar nachgelassen hat:

1. Weiße ohne Collegeabschluss: Aus dieser Gruppe kamen im Jahr 2016 in Minnesota Trumps zahlenmäßig wichtigsten Unterstützer. Jetzt gingen seine Anteile hier quer durch alle Umfragen spürbar zurück. Joe Biden liegt bei weißen Akademikern wie üblich deutlich vorn, konnte in Minnesota aber nach den neuen Umfragen auch deutlich mehr weiße Nichtakademiker an sich binden als Hillary Clinton vor vier Jahren. Dieses Phänomen könnte dafür sprechen, dass Trumps Anti-Elite-Rhetorik vor vier Jahren besser funktioniert hat als heute. Von einem großen Dreh, der Biden bei den Weißen gelungen sei, spricht Lee Miringhoff, Chef des Meinungsforschungsinstituts Marist College: “It’s a big, big swing.”

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2. Ältere Leute: In dieser Gruppe, die sich noch 2016 bei Trump gut aufgehoben sah, wachsen offenbar Bedenken gegenüber dem Präsidenten – vor allem mit Blick auf dessen Umgang mit der Pandemie. Gut aufgehoben fühlen sich die Älteren heute auch bei Biden (77). Und auf die Frage, welcher Kandidat besser mit der Pandemie umzugehen vermag, hat Biden in Minnesota sogar bei allen Wählern, quer durch die Altersgruppen, einen Vorsprung von durchschnittlich 15 Punkten.

3. Frauen: Trump hat oft gesagt, er werde durch seine Law-and-Order-Kampagnen, bei denen er die Gewalt in Großstädten anprangerte, bei “der Frau in der Vorstadt" Punkte sammeln. Genau dies geschah nun nicht, jedenfalls nicht in Minnesota – und schon gar nicht bei den Frauen. Gefragt wurde unter anderem, welcher Kandidat am ehesten Gewalt eindämmen könne. In der Post/ABC-Umfrage liegt an dieser Stelle Biden mit 14 Punkten Abstand vorn, unter Frauen wird ihm bei der gleichen Frage sogar ein Abstand von 32 Punkten zu Trump gegeben. Frauen scheinen ein besonderes Gespür dafür zu haben, dass Trump Bilder von nächtlich lodernder Gewalt zu eigenen Zwecken ausnutzen und im Zweifel auch selbst schaffen wollte. Offenbar hat es Trump auch nicht geholfen, dass er Mitglieder gewalttätige weißer Milizen verteidigt hat, die gegen die “Black Lives Matter”-Bewegung mobil gemacht hatten.

Auch die Biden-Kampagne zog im September in Minnesota alle Register. Die Ehefrau des Präsidentschaftskandidaten, die Anglistin Dr. Jill Biden, diskutierte in einer Grundschule in Prior Lake über Unterricht unter Corona-Bedingungen. © Quelle: imago images/ZUMA Wire

Ob Männer oder Frauen: Die Leute im kühlen Norden Amerikas scheinen genau abzuwägen. Übrigens sollte keiner ihnen vorwerfen, sie seien vielleicht einfach nur zu weit ab vom Schuss. In Minnesota hat niemand vergessen, wo am 25. Mai dieses Jahres George Floyd getötet wurde, auf dessen Hals ein Polizist für acht Minuten und 46 Sekunden kniete. Es geschah in Minneapolis, der größten Stadt in Minnesota.

Zahlen vor den Wahlen

Nach dem aktuellen Stand der Dinge (22.09., 12 Uhr MESZ) würde Joe Biden mit einiger Sicherheit zum Präsidenten gewählt werden. Denn er müsste nur die bereits deutlich von den Demokraten dominierten Staaten wirklich gewinnen – keinen einzigen von den noch unentschiedenen.

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Nach den letzten verfügbaren Umfragen liegt Biden derzeit aber auch in vielen unentschiedenen Staaten vorn, wenn auch nur knapp.

Trump dagegen müsste, um zu gewinnen, drei Dinge schaffen: zunächst wirklich alle zu den Republikanern tendierenden roten Staaten holen, dann auch sämtliche grauen Staaten erobern und schließlich, ein kleines Stück weit jedenfalls in das blaue Lager einbrechen. Dies ist nicht unmöglich, aber – jedenfalls nach dem jetzigen Stand aller zusammenfließenden Daten – sehr unwahrscheinlich.

Die “Consensus Map” der Webseite ″270 to win" fasst laufend die wichtigsten Umfragen zusammen und generiert auf transparente Art ein aktuelles Gesamtbild. Die blauen Staaten werden – demoskopisch deutlich messbar – von den Demokraten dominiert, die rot markierten von den Republikanern. Die unentschiedenen sind grau. © Quelle: 270 to win

Präsident wird, wer im 538-köpfigen Wahlleutegremium mindestens 270 Stimmen bekommt. Die Wahlleute werden aus den Einzelstaaten entsandt, ihre Zahl richtet sich nach der Bevölkerungsgröße des Staates. Am meisten Gewicht haben Kalifornien (55 Wahlleute), Texas (38) und Florida (29). Dünn besiedelte Staaten wie Alaska und Montana entsenden jeweils nur drei Wahlleute.

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Zahlen bitte: Johannes Christ bietet einen laufend aktualisierten Überblick zu den jüngsten Umfragen in den USA.

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Ich bin Joe Biden und bestätige diese Aussage.

Joe Biden in einem Werbespot auf Twitter – der ansonsten nur aus dem oben zitierten Trump-Zitat besteht.


What’s next? Termine bis zur Wahl

29. September: Erstes TV-Duell zwischen Trump und Biden.

7. Oktober: TV-Duell zwischen Vizepräsident Mike Pence und der Kandidatin der Demokraten für die Vizepräsidentschaft, Kamala Harris.

Wir begleiten Sie gern weiter durch diese spannenden Zeiten. Das nächste USA-Update bereitet Marina Kormbaki für Sie vor, Sie bekommen den Newsletter am Freitag.

Bis dahin: stay tuned – and stay sharp!

Matthias Koch

PS: Alle Infos zur US-Wahl finden Sie jederzeit auf unserer Themenseite.

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