Rede von Trump: Warum hält der US-Präsident eine Bibel in der Hand?

  • Auftritt mit dem Buch der Bücher: Donald Trump zeigt sich nach seiner Rede im Rosengarten vor der Kirche St. Johns in Washington.
  • Dabei hält er eine Bibel in der Hand. Was will er damit sagen?
  • Es ist im Wahljahr ein Zeichen an seine treuen Wähler. Und ein weiteres Beispiel dafür, welch wichtige Rolle die Religion in den USA spielt.
|
Anzeige
Anzeige

Donald Trump schaut die Bibel in seinen Händen an. Wie ein Fremdling scheint das Buch der Bücher für ihn zu sein. Er dreht es, kippt es. Die Auslöser der Fotografen klackern. Dann hebt er es mit der rechten Hand hoch, fast wie einen Pokal. Trump sieht mit der Bibel in der Hand leicht unbeholfen aus.

Für seinen Auftritt hatte der US-Präsident Demonstranten mit Tränengas vertreiben lassen, um sich vor die St-John’s-Kirche stellen zu können. Kurz zuvor hatte er im Rosengarten des Weißen Hauses angekündigt, die landesweiten Proteste und Ausschreitungen nach dem gewaltsamen Tod des Schwarzen George Floyd in Minneapolis vor einer Woche notfalls mit dem Militär aufzulösen. Er sei ein “Präsident für Recht und Ordnung”. Es war eine Kampfansage an die Protestierer.

Trump hält die Bibel nur in der Hand, er betet nicht und liest nicht daraus vor

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Jetzt steht er nur wenige Schritte vom Weißen Haus entfernt vor St. Johns, die auch die Präsidentenkirche genannt wird. Viele seiner Vorgänger haben in dem Gotteshaus gebetet. Trump aber geht nicht in die Kirche, er betet auch nicht vor der Tür, er liest nicht aus der Bibel vor. Wichtig für ihn ist das Zeichen: Er hält das Heft des Handelns in der Hand, und er hält dabei die Bibel in Händen. Es ist ein Zeichen an seine treuen Wähler. Die Analyse seiner Wahl vor vier Jahren zeigte, dass Trump in allen christlichen Glaubensgemeinschaften die Mehrheit der Stimmen holen konnte. “Schaut her, Gott ist mit mir”, scheint er sagen zu wollen.

Anzeige

Die Bibel ist eine Schrift, in ihr regiert das Wort. “Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden”, heißt es im Evangelium des Johannes, also des Evangelisten, vor dessen Kirche Trump steht. Doch Trump zitiert nicht aus der Bibel, er hat nicht einmal ein Mikrofon dabei. Ihm geht es nicht um das Wort, ihm geht es um das Bild. Es ist wichtig, zumal im Wahljahr, sich als gläubiger Mensch zu geben. Auch wenn es ihm nicht immer überzeugend gelingt: Im lauten Konzert der Fotografen und deren klickender Kameras, ist er kaum zu verstehen. “Ist das Ihre Bibel?”, fragt eine Reporterin. “Es ist eine Bibel”, antwortet Trump ausweichend.

Trump legte seinen Eid auf zwei Bibeln ab

Anzeige

Die Religion spielt in der Politik der USA eine wichtige Rolle. Aus der Verfassung leitet sich zwar die Trennung von Staat und Kirche ab, aber Gott und Glaube sind im politischen Alltag der Vereinigten Staaten allgegenwärtig. Der Präsident wird im Beisein eines Geistlichen inauguriert (bei Trump waren vor vier Jahren so viele Priester anwesend wie nie zuvor beim Beginn einer Präsidentschaft). Der Präsident schwört seinen Eid mit der Hand auf der Bibel. Bei Trump waren es (wie bei Barack Obama auch) sogar zwei, die Bibel Abraham Lincolns und die Bibel seiner Mutter. Mit Letzteren wollte er wohl seine persönliche Frömmigkeit ausdrücken.

Kaum eine Rede eines amerikanischen Präsidenten endet ohne den obligatorischen Satz “God bless America”. Der Spruch “In God we trust” - Wir vertrauen in Gott - steht seit 1957 nicht nur auf Münzen, sondern auch auf Geldscheinen. Gläubige Amerikaner nennen die USA gern auch “God’s own country”, also Gottes eigenes Land. Und Trump hat sich während seiner Amtszeit schon mehrfach als der “Auserwählte” bezeichnet, eine zutiefst religiöse Bezeichnung.

Radikale Christen gehen mit der politischen Rechten Hand in Hand

Anzeige

Seit den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts hat sich die Religion immer mehr zu einem wichtigen politischen Faktor entwickelt. Damals begann in Opposition zur Moderne der Aufschwung evangelikaler Christen, die den Ideen neokonservativer Denker und Denkerinnen folgten. Radikale Christen gehen heute oft mit der politischen Rechten Hand in Hand. Beide einen Forderungen wie ein striktes Abtreibungsverbot und das Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe. Zwei klassische Forderungen, denen auch Trump folgt.

Auch die Rhetorik der Politiker orientiert sich an der Religion. Führten die USA in den Fünfzigerjahren noch einen “Kreuzzug gegen die Kommunisten", nannte George W. Busch nach 9/11 den Kampf gegen den internationalen Terrorismus ebenfalls einen “Kreuzzug”. Eine Äußerung, die in der muslimischen Welt, die noch die Kreuzzüge gegen den Islam aus dem Mittelalter im Kopf haben, zu heftiger Kritik führte. Der Soziologe Robert N. Bellah hat für den großen Einfluss des Glaubens und radikaler Gläubiger auf die US-amerikanische Politik den Begriff “Zivilreligion” geprägt.

Video
Trump droht mit Einsatz des Militärs
1:23 min
Bürgermeistern und Gouverneuren riet der US-Präsident, die Polizeieinsätze massiv auszuweiten, um die Unruhen niederzuschlagen.  © Kristian Teetz/Reuters

Trump selbst hat bei seiner Inauguration schon das vorweggenommen, was er am Montag im Rosengarten und vor St. Johns sagte und ausdrückte. Zum einen bezog sich Trump in seiner Rede auf die Religion: “Die Bibel sagt uns, wie gut und angenehm es ist, wenn die Völker Gottes zusammen in Einheit leben. Wir müssen unsere Gedanken offen aussprechen, unsere Meinungsverschiedenheiten offen diskutieren, aber immer Solidarität anstreben. Wenn Amerika geeint ist, dann ist Amerika absolut unaufhaltsam.” Auch hier also der Bezug auf die Bibel und auf Gott. Aber dann sagte er auch folgende Sätze: “Wir sind beschützt von den großartigen Männern und Frauen unseres Militärs und der Sicherheitskräfte. Und, was am wichtigsten ist: Wir werden von Gott beschützt.” Trumps Ankündigungen und seine Symbolsprache von Montag sind letztlich das, was er vor gut drei Jahren angekündigt hat.

Doch die Einheit Amerikas, das steht nicht erst seit den Protesten gegen George Floyds Tod fest, befördert Trump momentan nicht. Er nutzt die Bibel nicht als Symbol der Einheit, sondern befördert mit der Heiligen Schrift in der Hand durch sein politisches Handeln das Trennende.

Religionsvertreter wehren sich gegen die Vereinnahmung von Trump

Anzeige

Aber es gibt auch andere Stimmen von Religionsvertretern. So distanzierte sich die Bischöfin der Episkopalkirche von Washington, zu der St. John’s gehört, vom Auftritt Trumps. Er habe nicht im Namen von St. John’s gesprochen, sagte die Bischöfin Mariann Edgar Budde dem US-Sender CNN. Er habe mit keinem Wort das Leiden des Landes erwähnt, geschweige denn das der afroamerikanischen Mitbürger. Die Erzdiözese distanziere sich von den “aufwiegelnden Worten dieses Präsidenten”.

Und während der Inauguration 2017 las der katholische Kardinal Timothy Dolan Donald Trump das neunte Kapitel aus dem Buch der Weisheit vor. Dort bittet König Salomo um Beistand für seine kommende Amtszeit: “Gib mir die Weisheit”, denn sie wisse “alles und versteht’s. Und sie wird mich mit Besonnenheit leiten bei meinen Werken.” Die Bibel ist kein Symbol der Trennung und der Gewalt, sie könnte Trump in dieser aufgeladenen und gewaltbereiten Zeit helfen, das Land zu einigen. Er müsste sie nur aufschlagen.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen