Trump und seine Dolchstoßlegende

  • Erst wurde im Weißen Haus Corona geleugnet, jetzt das Wahlergebnis.
  • Wie lange noch wollen die US-Republikaner dieser Rebellion gegen die Realität tatenlos zusehen?
  • Amerika braucht Science statt Fiction, und zwar schnell, meint RND-Chefautor Matthias Koch.
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Die vier Trump-Jahre im Weißen Haus enden, wie sie begonnen haben, mit sprachlos machenden Verdrehungen der Wirklichkeit.

„Mehr als eine Million Marschierende“, schreibt die Sprecherin des Weißen Hauses, Kayleigh McEnany, auf Twitter, hätten in Washington für Donald Trump demonstriert, das sei „toll“.

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Nichts ist toll. Nicht mal in Russland würden Regierungsangestellte sich heutzutage noch trauen, die Zahl der Teilnehmer eines dem Staatsoberhaupt genehmen Aufmarsches kurzerhand mit 100 zu multiplizieren.

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Trump wehrt sich weiterhin gegen Wahlniederlage: „Ich gestehe gar nichts ein!“
1:03 min
Bisher hat Donald Trump seine Wahlniederlage nicht eingestanden. Auf Twitter schrieb er am Sonntag nun erstmals, dass Joe Biden gewonnen habe.  © dpa

Schlimm ist aber vor allem, dass der Präsident der USA überhaupt einen Protestzug gut findet, der sich gegen das Ergebnis einer freien und fairen Wahl in seinem eigenen Land richtet.

Liebe Grüße an die Verfassungsfeinde

Da reckten ganze Gruppen den rechten Arm und grölten, nun müssten „die Weißen zusammenstehen“. Verschwörungsideologen hielten lange Reden, Teilnehmer mit Bart und Nickelbrille gaben Reportern zu Protokoll, wenn Joe Biden am Ende Präsident werde, habe es keinen Sinn, überhaupt noch Wahlen abzuhalten.

Dass solche Leute sich versammeln, kommt in den besten Ländern vor. In Deutschland gibt es ein bürokratisches, aber treffendes Wort dafür: Verfassungsfeinde.

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Trump-Anhänger: Es ist alles eine Lüge!
2:00 min
Tausende versammelten sich am Samstag in Washington, D. C., um ihre Zweifel über den Wahlausgang zu untermauern.  © Reuters

Das eigentlich Unfassbare liegt darin, dass der Präsident sich diesem Aufmarsch näherte, politisch und auch physisch. Trump ließ seine Wagenkolonne im Schritttempo mitfahren, er grüßte und winkte.

Das alles kann zu verhängnisvollen Fernwirkungen führen, sogar dann, wenn Trump pünktlich am 20. Januar das Weiße Haus an Joe Biden übergibt. Große Teile der Trump-Wähler glauben inzwischen tatsächlich, der Machtwechsel beruhe auf einer Verschwörung. Wenn es dabei bleibt, wird die Legitimität der Biden-Präsidentschaft vom ersten Tag an psychologisch unterhöhlt.

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Wenn Lügen die Demokratie gefährden

Von einer neuen Dolchstoßlegende spricht der Yale-Historiker Timothy Snyder in einem Aufsatz in der Zeitung „Boston Globe“ – und verweist auf den mehr als unheilvollen Effekt der damaligen Verschwörungstheorie auf die Stabilität der Demokratie der Weimarer Republik. „In einer großen Lüge“, schreibt Snyder, „kann die Demokratie beerdigt werden.“

Wollen die US-Republikaner das riskieren? Zwei republikanische Senatoren, die in Georgia am 5. Januar in die Stichwahl müssen, fürchten offenbar, unschöne Tweets von Trump oder mangelnde Unterstützung von Qanon könnten ihnen die Wiederwahl vermasseln. Ist die Angst vor der „Bewegung“, wie das Sammelsurium von Eiferern und Querköpfen immer häufiger raunend genannt wird, wirklich schon so groß?

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Ein Ruck muss jetzt durch die Reihen der Republikaner gehen. Sie müssen den Wahlsieg Bidens anerkennen, nicht irgendwann, sondern sofort. Darin liegt nicht allein ein Gebot der Fairness, es geht auch um die Zukunft der Demokratie in den USA.

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Vernunft wird jetzt zur Überlebensfrage

Die von Trump angeführte Rebellion gegen die Realität hat schon genug Schaden angerichtet, in den USA und in der Welt. Erst wurde im Weißen Haus Corona geleugnet, dann das Resultat der Wahl: Eine solche Abkehr von der Wirklichkeit haben die USA noch nie erlebt.

Die Folgen sind dramatisch. Die heillos hochschießenden Infektionszahlen etwa sprechen eine ganz eigene Sprache. Seit Monaten, so wurde es am Wochenende berichtet, hat der amerikanische Präsident an keinem Meeting der Corona-Taskforce mehr teilgenommen. Öffentlich sagte er auf den Wahlkampfbühnen voraus, dass das Thema Corona ohnehin „am 4. November aus den Medien verschwinden wird“, am Tag nach der Wahl. Denn es gehe ja nur darum, ihm zu schaden.

Inzwischen zählen die US-Behörden jeden Tag mehr als 1000 Corona-Tote, ein Anstieg um 50 Prozent im Laufe der letzten vier Wochen.

Es wird Zeit, die narzisstische Blase dieses Präsidenten endlich aufzustechen. Amerika braucht einen überparteilichen Konsens der Vernünftigen, das Land braucht Science statt Fiction – und zwar schnell.

“Staat, Sex, Amen”
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