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Trump-Rauswurf bei Twitter: Der Narr hat seine Schuldigkeit getan

  • Die Entscheidung, dem scheidenden US-Präsidenten Donald Trump dauerhaft den Twitter-Zugang zu sperren, ist zwar richtig.
  • Applaus kann das Silicon-Valley-Unternehmen dafür aber nicht erwarten.
  • Denn im Grunde ist es jahrelang genauso skrupellos mit der Hass-und-Lügen-Schleuder umgegangen wie die Republikanische Partei, kommentiert Steven Geyer.
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Das ist also die rote Linie des einflussreichen, weltbekannten, börsennotierten US-Unternehmens Twitter: Wer als Präsident zum Sturm aufs Herz der altehrwürdigsten Demokratie der Welt aufruft, fliegt raus. So geschah es nun immerhin dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump – und das ist ohne Zweifel die richtige Entscheidung.

Trump hat seit seiner Wahlniederlage immer tiefer in Wahn und Lüge getwittert, die Anstachelung zum Angriff aufs Kapitol hätte durch weitere Aufrufe zur Gewalt übertroffen werden können. Schließlich zeigt der Abgewählte alle Züge eines narzisstischen Kaisers Nero, der sein Reich abfackeln lässt, wenn er seinen Willen nicht bekommt.

Mit Twitter gelang Trump der Aufstieg

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Doch genau darin besteht die Heuchelei von Twitter: Trump ist abgewählt, sein Verhalten imageschädigend auch für seine Lieblings­propaganda­plattform. Dass Twitter erst jetzt, keine zwei Wochen vor Amtsantritt des Nachfolger Joe Biden, die Notbremse zieht, ist so recht wie billig.

Jahrelang hatte man im Silicon Valley kein Problem damit, das Machtwerkzeug des Egomanen Trump zu sein. Im Gegenteil: Dank Twitter konnte er ohne klassische Nachrichtenmedien vom Realitiy-TV-Star zum politischen Akteur aufsteigen – nicht zuletzt durch diverse rassistische Ausfälle. Dank Twitter wurde er zum interessantesten, weil unterhaltsamsten Bewerber um die republikanische Präsidentschafts­kandidatur.

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Twitter sperrt Account von US-Präsident Donald Trump
1:17 min
Der Kurznachrichtendienst Twitter hat die Konten des abgewählten US-Präsidenten Donald Trump permanent gesperrt.  © Reuters

Twitter war für Trump im Wahlkampf so unverzichtbar, wie es während seiner Amtszeit verhinderte, dass seine bedachteren politischen Berater die schlimmsten Affronts vermeiden konnten. Erst nach seiner Niederlage wurden seine Lügen über die angeblich manipulierte Wahl durch Twitter gekennzeichnet.

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Das bedeutet natürlich nicht, dass Trump seinen Aufstieg und sein Unheil nicht auch ohne den Nachrichtendienst vollbracht hätte, in den er seine Politrülpser eigenhändig eintippen und ohne Filter direkt an fast 90 Millionen Follower schicken konnte. Und auch das Argument von Twitter, man könne ja Äußerungen eines amtierenden Präsidenten nicht der Öffentlichkeit vorenthalten, ist nicht falsch.

In der vorigen Woche wurden bereits drei Tweets des US-Präsidenten wegen Verstößen gegen die Twitter-Richtlinien entfernt. Zuvor markierte Twitter Falschaussagen Trumps als „umstritten“ und verlinkte zu neutralen Informationsquellen. © Quelle: imago images/R��diger W��lk
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Nur: Was sind die Benimmregeln des Portals, die Trump unzählige Male gezielt verletzt hat, wert, wenn sie nicht für jeden gelten? Was der Anspruch der Silicon-Valley-Gemeinschaft, die Welt voranzubringen?

Für den wahren Grund hinter der jahrelangen Duldung der Hass-Twitterei des Donald Trump gibt es ebenfalls einen römischen Ausspruch: Geld stinkt nicht. Trump hat Twitter täglich in die Schlagzeilen gebracht, die Bedeutung des Dienstes massiv gesteigert – und damit wohl auch die Werbeeinnahmen. 2 Milliarden Dollar könnte es Twitter kosten, wenn Trump wegbliebe, schätzten Analysten schon vor gut drei Jahren: ein Fünftel des Unternehmenswertes.

Kein Wunder, dass die Firma bis heute so agiert wie die Republikanische Partei: Jahrelang haben sie Trumps Eskapaden skrupellos ignoriert, geduldet und davon profitiert – erst jetzt, da er ihnen mehr schadet als nutzt, wird er fallen gelassen. Der Narr hat seine Schuldigkeit getan, der Narr kann gehen.

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Das mag kurzfristig rational sein – auf lange Sicht wird man sich von dem Image, Erfüllungsgehilfe dieses Demagogen gewesen zu sein, hoffentlich nicht so schnell erholen.

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