Donald Trump – Der Kuss des Superspreaders

  • Nach seiner Corona-Erkrankung hält sich US-Präsident Donald Trump auch politisch für unverwundbar.
  • Jeden Tag bis zur Wahl will der 74-Jährige nun eine Kundgebung veranstalten – natürlich ohne Abstand und Masken.
  • Nicht nur sein Experte Anthony Fauci geht auf Distanz.
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Washington. Eigentlich ist die Veranstaltung vorbei. Die ersten Fans mit roten Kappen statt Masken drängen zum Ausgang des Flugzeughangars in einem Vorort von Orlando. Doch Donald Trump will die Bühne nicht verlassen. Noch nicht. In bester Laune tanzt der 74-Jährige zum abgenudelten Village-People-Song „YMCA“, der nach jeder seiner Kundgebungen gespielt wird.

Er rudert mit den Armen, wippt in den Knien und schwingt mit seinen Hüften. „Ich bin in so toller Form. Ich fühle mich so stark“, hat er zuvor seinen Zuhörern zugerufen: „Ich werde jeden in diesem Publikum küssen. Ich werde die Kerle und die schönen Frauen küssen – jeden.“

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Elf Tage ist es her, dass der Präsident seine Covid-19-Infektion bekannt gegeben hat. Es folgte ein Krankenhausaufenthalt und eine medikamentöse Hammertherapie, doch nun liegen nach Angaben des Leibarztes zwei negative Schnelltests vor, und Trump ist entschlossen, mit voller Kraft in den Wahlkampf zurückzukehren.

Am liebsten, so scheint es, würde er die verlorene Zeit durch noch mehr Kundgebungen wettmachen: Florida, Pennsylvania, Iowa, nochmals Florida, Ohio und Wisconsin – das sind die Ziele allein bis zum Wochenende. So soll es weitergehen, jeden Tag, bis zur Wahl.

Trump: „Ich bin immun“

Trumps Stimme mag ein bisschen rau klingen, sein ohnehin nicht kleines Ego hat durch die mutmaßliche Gesundung und die aufputschende Wirkung der Steroide noch einen gewaltigen Schub erhalten. Es genießt das Bad in der Menge, die abwechselnd „We love you“ (Wir lieben dich) und „Four more years“ (Noch mal vier Jahre) skandiert.

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„Ich bin immun“, brüstet sich der Redner und meint offenbar nicht nur das Virus, das in den USA 215.000 Menschenleben gefordert und das Weiße Haus durchseucht hat. Nein, er meint auch die Umfragen, die ihn deutlich hinter seinem Herausforderer Joe Biden sehen. Alles Fake! „Das hier sind die echten Umfragen!“, behauptet er und deutet auf die Menge.

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Schwerer Vorwurf an Biden

Wer geglaubt hatte, die persönliche Begegnung mit dem Covid-Virus würde Trump verändern, hat auf paradoxe Weise recht behalten. Bloß läuft die Veränderung in die andere Richtung. Für Trump, den windigen Immobilienmogul aus Queens, ist das Leben ein einziger Boxkampf. Und diese Runde hat er gewonnen.

Das macht Menschen, die für verantwortliche Corona-Schutzmaßnahmen plädieren, in seinen Augen zu Feiglingen und Schwächlingen: Er macht sich lustig über die Maske, die Biden trägt, und wirft seinem Kontrahenten ernsthaft vor, die Pandemie aus politischen Gründen absichtlich zu verlängern.

Der Gouverneur von Florida klatscht Hände ab

Für den Präsidenten ist Corona kein Thema mehr. „Kein Land der Welt hat sich so schnell erholt“, behauptet er trotz der täglichen 50.000 Neuinfektionen. Es gebe großartige Medikamente, natürlich für jeden kostenlos, und bald auch eine Impfung, fantasiert er wahrheitswidrig: „Wenn ihr mich wählt, werde ich euch das normale Leben wiedergeben.“

Seine Anhänger hören es gerne. Dicht an dicht stehen sie in dem Hangar beisammen. Kaum jemand trägt einen Mund-Nasen-Schutz. Ron DeSantis, der republikanische Gouverneur von Florida, klatscht beim Hereinkommen Dutzende Hände ab.

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Reporter bleiben Kundgebungen fern

In der geschlossenen Fanblase wird Trump für das einstündige Potpourri seiner wildesten Parolen vom drohenden Sieg des Marxismus über die Zerstörung der Vorstädte durch „Bidens kriminelle Horden“ bis zur angestrebten Festnahme von Ex-Präsident Barack Obama und Ex-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton gefeiert.

Doch viele Beobachter bezweifeln, dass er mit seinen Hardcore-Auftritten und der demonstrativen Leugnung der Corona-Gefahr neue Wähler hinzugewinnt. „Sein rücksichtsloses Verhalten seit seiner Diagnose war skrupellos“, argumentiert Herausforderer Biden.

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Die führenden Tageszeitungen der USA von der „New York Times“ bis zum „Wall Street Journal“ schicken derzeit keine Reporter mehr aus Washington zu den Kundgebungen, weil in der Präsidentenmaschine keinerlei Schutzregeln eingehalten werden.

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Fauci geht auf Distanz zu Trump

Und auch die Ansammlung seiner Anhänger ohne Masken auf engem Raum stößt auf massive Kritik. „Wir wissen, dass das zu Problemen führt“, warnt Trumps eigener Chefimmunologe Anthony Fauci.

Mit einem Werbespot, der Fauci als Kronzeugen für die angeblich erfolgreiche Corona-Politik des Präsidenten darstellt, will der renommierte Wissenschaftler nichts zu tun haben: „Sie tun das gegen meinen Willen.“

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