Trump lädt zum G-7-Gipfel: Und nie war Absagen leichter

  • US-Präsident Donald Trump ist mitten im Corona-Debakel jedes Mittel recht, um gegenüber seinen Wählern den Anschein von Normalität zu erwecken.
  • Selbst vor der Instrumentalisierung der mächtigsten Staatenlenker schreckt er nicht zurück.
  • Merkel, Macron und Co. sollten sich nicht für Trumps Corona-ist-vorbei-Show einspannen lassen, kommentiert Marina Kormbaki.
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Donald Trump ersehnt also Normalität. Ausgerechnet er, der schrillste und spalterischste Präsident der US-Geschichte, will sein Land trotz Corona-Pandemie zum gewohnten Lauf der Dinge zurückführen. Ein offensichtlicher Widerspruch, der sich nur so erklären lässt: Trump will keine Normalität. Er will den Anschein von Normalität.

Die USA stehen kurz davor, die ungeheuerliche Marke von 100.000 Corona-Toten zu überschreiten. Fast 40 Millionen Amerikaner sind arbeitslos. Diese Verheerungen sind nicht “normal”. Sie sind das Resultat einer zutiefst ungerechten Gesellschaftsordnung, die von einer leugnerischen Krisenpolitik verschärft wird. In einem Wahljahr kostet so viel Leid in der Bevölkerung den Mann im Weißen Haus Punkte.

Umso größer müssen also die Anstrengungen für Trumps Normalitätsshow ausfallen, und da kam dem Präsidenten jetzt eine Idee: Warum nicht die mächtigsten Staatenlenker der Welt als Statisten engagieren? Wer will dem Präsidenten noch sein nationales Krisenmanagement um die Ohren hauen, wenn sich selbst Merkel, Macron und Trudeau in die USA trauen und sich an Trumps Seite ablichten lassen?

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Trump erwägt, den aufgrund der Pandemie zur Videoschalte gestutzten G-7-Gipfel Mitte Juni nun doch physisch abzuhalten, bei sich in Camp David. Als “großartiges Zeichen der Normalisierung”. Eine aberwitzige Idee ist das – nicht nur aufgrund geltender Einreiseverbote und des auch für Diplomaten eingestellten Flugverkehrs.

G-7-Gipfel sind einerseits Großveranstaltungen: Die Delegationen der einzelnen Staaten bestehen aus Dutzenden, mitunter Hunderten Beamten, Sicherheits- und Serviceleuten. Es sind jedoch Großveranstaltungen in intimer Atmosphäre: Das vertrauliche Gespräch in ländlicher Abgeschiedenheit gilt als entscheidender Erfolgsfaktor. Beides – Größe und Intimität – ist unter pandemischen Umständen unmöglich.

Zudem bedarf ein G-7-Gipfel der monatelangen peniblen Vorbereitung, wenn er erfolgreich ausgehen soll, mit verbindlichen Zusagen für Verbesserungen in Wirtschafts- und Sozialbelangen. Dazu kamen die Regierungen nicht, sie sind im Corona-Modus. Ohnehin hat Trump bisher keinerlei Interesse am Gelingen des Formats gezeigt – im Gegenteil. Er war es, der vor zwei Jahren mit seinem Wutausbruch den G-7-Gipfel in Kanada zum Scheitern brachte. Internationale Abstimmung ist Trump zuwider; er sieht darin eine Bedrohung amerikanischer Macht.

Anzeige
Video
Trump: “Pelosi ist eine kranke Frau.”
1:38 min
Der US-Präsident ist weiterhin davon überzeugt, dass das Malariamedikament Hydroxychloroquin gegen das Coronavirus hilft.  © Marina Kormbaki/Reuters

Trumps vergiftete Einladung setzt die Kanzlerin und ihre Amtskollegen unter Druck. Keiner der angesprochenen Staats- und Regierungschefs hat Trumps Angebot offen ausgeschlagen. Die Zurückhaltung ist nachvollziehbar: Gewiss darf jetzt, angesichts der weltweit zunehmenden Dramatik der Pandemie, keine Gelegenheit zur Bündelung der Kräfte im Kampf gegen Corona ungenutzt verstreichen. Die derzeitige Videodiplomatie gelangt schnell an ihre Grenzen. Mit ihr lässt sich die Erosion der Weltordnung nicht aufhalten. Eine rasche Rückkehr zur physischen Begegnung ist wünschenswert – so sie denn gesundheitlich verantwortbar ist. Ein internationales Gipfeltreffen erfüllt diese Bedingung nicht.

Trump ist G-7 so egal wie eh und je. Ihm geht es nur um sein Image und seine Wiederwahl. Die Spitzen Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Großbritanniens, Kanadas und Japans sollten sich vom US-Präsidenten nicht zu Maskottchen seines tödlichen Krisenmanagements machen lassen. Ihre Teilnahme an einem physischen Treffen wäre falsch – in politischer, aber auch in epidemiologischer Hinsicht. Selten fiel es so leicht wie jetzt, unerwünschte Treffen abzusagen.

RND

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen