Trump-Herausforderer Joe Biden: Auf leisen Sohlen zur Mehrheit

  • Die US-Demokraten setzen im Wahlkampf auf Microtargeting.
  • Während Donald Trump tönend vor die Massen tritt, beeinflussen Joe Bidens Leute kleine und kleinste Gruppen: persönlich, telefonisch und digital.
  • Alles läuft lautlos – und mit chirurgischer Präzision.
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Ein Anruf aus der Heimat – wie schön! Bei den aus Puerto Rica stammenden amerikanischen Wählern in Florida öffneten sich schon die Herzen, als sie nur die Vorwahl sahen von dem Unbekannten, der sich da auf ihrem Handy meldete: 787 steht für Puerto Rico.

In diesen Tagen allerdings meldeten sich am anderen Ende überraschend Mitarbeiter der Joe-Biden-Kampagne. Man wolle mal kurz über die bevorstehende Wahl reden, hieß es dann. Ob der Anruf denn nicht aus Puerto Rico komme, lautete die erste misstrauische Gegenfrage. Doch, doch, genau, kam es zurück. Man sitze hier gerade mit vielen Freunden und freiwilligen Helfern zusammen und rufe Leute überall in Florida an mit der herzlichen Bitte, Biden zu wählen – „nachdem Donald Trump uns alle im Jahr 2017 auf so miese Art hat hängen lassen“.

Die Quittung fürs Küchenkrepp

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2017: Die Erwähnung dieses Jahres läutet eine Glocke, auch emotional. Denn damals fegte der Hurrikan Maria über Puerto Rico hinweg, ruinierte unzählige Familien und ließ 3000 Tote zurück. Was Trump damals an Hilfe bot für das karibische Außengebiet der USA, war nach dem Urteil der Puerto Ricaner zu spät und zu wenig. Unvergessen ist, wie Trump bei einem Besuch im Krisengebiet eine Rolle Küchenkrepp in eine Menschenmenge warf – für viele wirkte es, als mache der Milliardär sich auch noch lustig über das Schicksal der Betroffenen.

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Das US-Wahlsystem und seine Tücken
2:33 min
Am 3. November wird der nächste US-Präsident gewählt – aber das Wahlsystem bringt einige Schlupflöcher mit sich.  © RND

Nach Ansicht von Joe Biden bietet sich mit der Präsidentschaftswahl am 3. November für die Puerto Ricaner eine gute Gelegenheit, Trump eine Quittung auszustellen. 1,2 Millionen Amerikaner mit puertoricanischen Wurzeln leben allein in Florida – viele von ihnen sind in den letzten Jahren erst zugezogen, oft zu Familienangehörigen. Ihr Einfluss könnte ausreichen, den Swing State Florida diesmal in Richtung Biden zu kippen. Der Clou: Dazu muss theoretisch noch nicht mal ein einziger alteingesessener Floridianer seine politische Meinung ändern. Schon wenn die Demokraten genügend Neubürger aus Puerto Rico zum Registrieren und Wählen bewegen, haben sie Florida gewonnen – und damit nach Stand der Dinge auch das Weiße Haus.

Schon immer ergaben in Florida das große politische Gewicht des Staates und die hauchdünnen politischen Mehrheiten eine makabre Mixtur. Mitunter genügte eine Wählergruppe, die nur so groß war wie 20 Schulklassen, um am Ende die komplette Nation auf diesen oder jenen Weg zu schicken – und damit auch den Rest der Welt.

Hat sie noch eine Verbindung?

Im Jahr 2000 lagen die Republikaner in Florida nur um 537 Stimmen vor den Demokraten – definierten damit aber den weiteren Lauf der Weltgeschichte. Statt Klimaschutz mit Al Gore erlebte die Menschheit Kriege mit George W. Bush. Auch in diesen Tagen hat auf Floridas Wahlkampfbühnen wieder jeder Schritt und jeder Tritt große Bedeutung. Jüngst sollte Bidens Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris beim Besuch eines Radiosenders in Südflorida mal erzählen, was ihr jamaikanisches Lieblingsessen ist, schließlich stamme ja ihr Vater aus Jamaika. Gespannt hörten Leute mit jamaikanischen Wurzeln zu: Hat die Karrierejuristin aus Kalifornien überhaupt noch irgendeine Verbindung zu Jamaika? „Ochsenschwanzeintopf“, sagte Harris – aber bitte mit den speziellen Scotch Bonnet Peppers für die richtige Würze. Das war, emotional gesehen, wohl die genau richtige Antwort. Seither jedenfalls jubeln floridianische Wähler mit jamaikanischem Hintergrund in sozialen Netzwerken über „Kamala, unsere jamaikanische Schwester“.

Dafür, dass sich in solchen Fällen die frohe Botschaft in der betreffenden Community rasch von Mobiltelefon zu Mobiltelefon verbreitet, sorgt eine spezielle Software – die sehr selbstständig vorgeht und gegebenenfalls sogar Kontaktlisten abgreift. Großrechner fügen dann politische Gemeinschaften zusammen, wo eben noch gar keine erkennbar waren. „Heute muss niemand mehr an eine Tür klopfen“, erläuterte Dan Patterson von der Medienwebsite Cnet dieser Tage im US-Fernsehsender CBS. „Den Wahlkampf übernehmen Programme auf dem Chip unseres Telefons.“

Ein knallharter Kampf

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Geht die Biden/Harris-Kampagne inzwischen zu weit mit ihren Anbiederungen an diverse ethnische Gruppen? Definieren die Demokraten am Ende gar ethnische Trennlinien, die im Alltag eigentlich kaum noch eine Rolle spielen? Keiner aus dem Team Biden sagt es laut – aber im Augenblick geht es nicht um Zusatzpunkte fürs Ethnische. Es geht jetzt um Mehrheiten. Ungerührt veranlasste zum Beispiel Karine Jean-Pierre, Stabschefin von Kamala Harris, die Übersetzung der jüngsten Reden ihrer Chefin ins Kreolische. Jean-Pierre selbst hat haitianische Wurzeln. Und die Biden-Kampagne hat auch die Haitianer im Blick. One man, one vote: Es ist ein knallharter Kampf, der da jetzt läuft, nicht nur in Florida.

In vielen Staaten lag ein zentraler Schritt für die Demokraten in den letzten Wochen darin, viele Wahlberechtigte erstmals mit dem Wählen vertraut zu machen. Junge Einwanderer aus Mexiko zum Beispiel wurden bei den „Texas Voter Registration Weeks“ gebeten, sich auf jeden Fall schon mal registrieren zu lassen für die Wahl – und dann bitte so früh wie möglich für Biden zu stimmen.

In Staaten wie Arizona und Texas, seit Jahrzehnten von den Republikanern dominiert, bemühen sich Bidens Leute gar nicht erst, die alteingesessenen Eliten auf ihre Seite zu ziehen. Stattdessen sprechen die Demokraten hier Gruppen an, die es etwa vor 20 Jahren noch gar nicht gab: Latinos, die in den letzten Jahren eingebürgert wurden, weiße Binnenzuwanderer aus Kalifornien, denen die dortigen Vorstädte schlicht zu teuer geworden sind, und die wachsende liberale und kreative Szene rund um Städte wie Austin, Houston oder Phoenix. Die Addition dieser Gruppen kann auf ein ganz neues Texas hinauslaufen und ein neues Arizona. Das wissen auch die Republikaner.

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Microtargeting der Demokraten

Die Demografie, die Veränderung der Bevölkerung, soziokulturelle Neuerungen: All dies bläst Amerikas Konservativen ins Gesicht. Eine „Kalifornisierung“ könnte sich breitmachen in Arizona und Texas, und dann könnte es dort sogar auf Dauer vorbei sein mit der Dominanz der Republikaner. Schon warnen Nachdenklichere in der Partei vor der Gefahr, abzurutschen zu einer okkulten Gruppe, die am Ende nur noch in abgehängten Kleinstaaten wie Alabama etwas zu sagen hat.

Die Demokraten kauen unterdessen an ihren ganz eigenen Problemen: Wie sollen sie die extrem unterschiedlichen Gruppen, von denen sie jetzt gleichzeitig gewählt werden wollen, langfristig unter einen Hut bekommen? Vorläufig zumindest, für den Wahlkampf, haben die Demokraten ein für sie passendes Instrument gefunden: Microtargeting. Ihre sehr diversen Wählergruppen, und seien sie noch so klein, bekommen auch sehr diverse Botschaften, auf Facebook, per Mail oder wie auch immer. Ob diese Botschaften am Ende noch problemlos zusammenpassen, weiß niemand so genau. Es gilt das Motto: Ich sehe was, was du nicht siehst.

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Biden wirft Trump in TV-Duell Umgang mit Corona-Pandemie vor
2:39 min
Ein letztes Mal vor der Wahl sind US-Präsident Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden aufeinandergetroffen.  © Reuters

Während sich Donald Trump jeden Tag an jubelnden, einheitlichen Menschenmengen auf Rollfeldern berauscht, setzen die Demokraten auf etwas viel Komplexeres: Lautlos bedienen sie eine Vielzahl unsichtbar zusammengezogener Gruppen. Die Stabschefin von Kamala Harris zum Beispiel bat am Freitag zum Liveevent auf Instagram mit der südafrikanischen Schauspielerin Lesley Ann-Brandt, die gerade immer populärer wird. Thema: Schwarz sein in den USA. Auf anderen Kanälen der Demokraten wählten sich konservative weiße Rentner ein und äußerten die Sorge, sich eine Behandlung wegen Covid-19 vielleicht nicht leisten zu können. Das Verbindende liegt im identischen Hashtag #TeamJoeTalks.

Eine Hightech-Veräppelung?

Was ist da noch die lobenswerte moderne Volkspartei? Und wo beginnt die Hightech-Veräppelung? Biden selbst zieht gerade die katholische Karte und präsentiert sich in Werbespots als Mann des tiefen Glaubens – bei Internetnutzern im Süden Pennsylvanias, wo viele Katholiken wohnen. Die weitgehende Abwesenheit von Datenschutz in den USA erleichtert das Microtargeting. Längst lässt sich aus einer Fülle von Daten – Konsumverhalten, Kommunikationsverhalten, kirchliche Eintragungen – verblüffend verlässlich die politische Grundhaltung jedes Wählers ableiten. Spezialfirmen bieten schon eine Art politisches Streetview an: Hier wohnt ein Demokrat, dort ein Republikaner. Lernende Maschinen ziehen aus den Datenbergen ganz eigene Schlüsse. Um Menschen, die einen Pick-up fahren, irgendwann ein Gewehr gekauft haben und nachts ständig Horrorfilme streamen, machen Bidens Leute einen Bogen: Die Typen gehören zur Kundschaft der anderen Seite – man verschwendet mit ihnen nur Zeit und Geld.

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In Florida sind mittlerweile die auf Spanisch laufenden Biden-Kampagnen mehrfach aufgeteilt worden. Kubaner etwa, oft konservativ und antikommunistisch, werden auf entsprechende Art angesprochen, mit ihnen hat Biden Probleme. Leichter ist es da mit den Puerto Ricanern – den „Abandonados“, wie sie in neuen Biden-Spots heißen, weil sie von Trump aufgegeben (abandoned) wurden.

Neuerdings melden sich mit der Vorwahl 787 in Florida übrigens tatsächlich echte Puerto Ricaner: Bidens Leute haben vor Ort Einheimische gebeten, in ihrem Sinne bei Verwandten anzurufen. So nämlich, lautet das Argument, wirkte das alles viel glaubwürdiger.

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