Trump hat Corona: Das Virus passt nicht in sein Drehbuch

  • Donald Trump hat in den letzten Tagen alles getan, um vom Thema Corona abzulenken.
  • Er redete über Gewalt in den Städten, über linke “Terroristen” – und über Gouverneure, die dummerweise Geschäfte schließen.
  • Jetzt aber zwingt das Virus Trump in Quarantäne – und macht aus dem starken Mann einen schwachen. Ein Kommentar von Matthias Koch.
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Das Virus der allgemeinen Überdrehtheit hat auch die Gegner Donald Trumps befallen. Als der Präsident am Freitagmorgen twitterte, er und die First Lady seien positiv auf das Coronavirus getestet worden, fragten viele prompt: Was ist das nun wieder für ein Trick?

Der misstrauische Reflex ist verständlich. Der 45. Präsident der USA hat nachweislich schon eine solche Fülle von Unwahrheiten verbreitet, dass Skepsis tatsächlich geboten ist.

Doch ein Trick sieht anders aus. Die Infektion passt überhaupt nicht ins Drehbuch des obersten Wahlkämpfers der USA.

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Wochenlang hat Trump alles getan, um die Öffentlichkeit abzulenken von Corona. Er sprach über Gewalttaten in amerikanischen Großstädten. Er verlangte ein hartes Vorgehen gegen linke “Terroristen”. Und er pochte immer wieder auf Geschäftsöffnungen und ein rasches Zurück zur Normalität: Es müsse Schluss sein mit den Beschränkungen des Geschäftslebens, die sich diverse Gouverneure und Bürgermeister aus den Reihen den Demokraten ausgedacht hätten.

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1. Oktober: Am Abend vor dem positiven Corona-Test ekhrt Donald Trump mit dem hauseigenen Helikopter aus Bedminster in New Jersey zurück. Dort befindet sich sein Golf-Club.  @ Quelle: imago images/MediaPunch

Das Thema Corona kehrt zurück, mit Macht

Nun aber kehrt mit ungeheurer Macht eben jenes Thema auf die Mitte der Bühne zurück, das er nach Kräften hatte verdrängen wollen: Corona. Es ist, als sei der Mahler-Hammer niedergefahren im klassischen Konzert: “Wie ein Axthieb” müsse das klingen, hatte Gustav Mahler in seinen Spielanweisungen zur 6. Sinfonie verfügt – die danach düster endet.

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Alle Scheinwerfer, die eben noch im US-Wahlkampf wild hin und her schaukelten, drehen sich jetzt erneut aufs Virus: Wie sollen Land und Leute auf die Pandemie reagieren?

Diese Fokussierung könnte Trump in den kommenden Tagen und Wochen politisch das Genick brechen – auch dann, wenn er die Infektion ohne medizinischen Schaden übersteht.

Will Trump aus dem Isoliertrakt twittern?

Bei den Themen innere Sicherheit und Wirtschaft sahen Demoskopen ihn und Biden meist Kopf an Kopf, was die Kompetenzvermutungen der Wähler angeht. Beim Thema Corona aber lag Biden stets vorn. Sogar in Trumps stärksten Bastionen, unter weißen Arbeitnehmern ohne Collegeabschluss, wuchs in letzter Zeit der Eindruck, Biden könne zumindest mit dieser Sache vielleicht besser umgehen.

Nun wird die wahre Schwäche des vermeintlich starken Mannes im Weißen Haus auch noch physisch sichtbar. Für Freitagabend wurde bereits ein Wahlkampftermin Trumps in Florida abgesagt. Am gleichen Tag zieht der vier Jahre ältere Joe Biden wie geplant seine Bahn, im ebenfalls wichtigen Swing State Michigan.

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Wie will Trump kontern? Mit Tweets aus dem Isoliertrakt an der Pennsylvania Avenue 1600? Kontrastreiche Szenen wie die, die sich jetzt abzeichnen, sinken ein ins kollektive Bewusstsein. Das Duell geht in eine neue Phase – und einer von beiden kann gerade nicht mehr.

Hart, aber fair - ohne Schadenfreude

Die Demokraten müssen sich hüten vor Häme und Schadenfreude. Es kann Mitleidseffekte geben wie bei Boris Johnson, der nach der Rückkehr von der Intensivstation zumindest zeitweise auf gestiegene Sympathiewerte blicken durfte.

Zulässig und notwendig ist aber eine Auseinandersetzung mit dem Kurs Trumps in der Corona-Krise. Es ist hart, aber fair, wenn man festhält: Der US-Präsident hat durch Übertreibungen die Fallhöhen selbst geschaffen. Allzu sehr hat er den starken Mann markiert, mit schnaufendem Machtanspruch und einer scheinbar unbändigen Stärke. Allzu sehr auch hat er monatelang die Gefahr durch das Virus heruntergespielt.

Eben noch erschien vielen Amerikanern Trump vielleicht nicht als der Klügere von beiden, aber doch irgendwie als der Stärkere. Jetzt aber blicken auch Trumps Hardcorefans anstatt auf einen starken auf einen schwachen Mann: Ihr Idol grüßt aus der Isolierstation.

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Damit könnte, wenn nicht noch weitere Überraschungen in diesem Oktober folgen, ein historischer Wendepunkt erreicht sein. Ein amerikanischer Präsident, der einen Monat vor der Wahl einem wachsenden Teil seiner Landsleute weder klüger noch stärker erscheint als der Herausforderer, muss sich auf seinen Abschied aus dem Weißen Haus einrichten.

RND




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