• Startseite
  • Politik
  • Triage in Zittau: Droht ein Bergamo in Ostsachsen? Die Lage in den Krankenhäusern

Droht ein Bergamo in Ostsachsen? Bericht über Triage in Zittau

  • Bundesweiter Lockdown, ein Höchstwert an Corona-Toten - und im am schlimmsten betroffenen Bundesland Sachsen spitzt sich die Pandemie-Lage weiter zu.
  • Ein Mediziner aus Zittau sprach bereits das Schreckenswort aus: Triage.
  • Können die Krankenhäuser die vielen Corona-Infizierten nicht länger alle behandeln?
Anzeige
Anzeige

Zittau/Berlin. Am Tag, als Deutschland in den zweiten Lockdown geht und einen traurigen Höchstwert von 952 Corona-Toten meldet, wird in Sachsen ein Schreckenswort laut: Triage. Berichten zufolge hat ein Mediziner aus Zittau am Dienstagabend in einem Online-Forum davon gesprochen, dass am Klinikum Oberlausitzer Bergland schon mehrfach triagiert werden musste, weil nicht genügend Beatmungsbetten zur Verfügung stehen. Triage bedeutet, dass Ärzte bei knappen Ressourcen entscheiden müssen, wem sie zuerst helfen.

Dem Nachrichtenportal t-online hatte der Ärztliche Direktor des Klinikum, Mathias Mengel, gesagt: „Wir waren in den vergangenen Tagen schon mehrere Male in der Situation, dass wir entscheiden mussten, wer Sauerstoff bekommt und wer nicht.“ Es werde versucht, die Patienten, für die es keine Versorgung gibt, in eine andere Klinik zu verlegen. „Aber wir sind im Epizentrum, manche Häuser nehmen gar nicht mehr auf.“ Die Entscheidung könne auch bedeuten, dass es für einen nicht verlegungsfähigen Patienten dann keine entsprechende Hilfe mehr gebe.

Der Träger des Klinikums widerspricht den Aussagen auf Nachfrage der “Leipziger Volkszeitung” (LVZ). “Eine Situation, wo wir abwägen mussten, hat es bei uns noch nicht gegeben. Jedem Patient wird die bestmögliche Versorgung zu Teil”, sagte Jana-Cordelia Petzold, Sprecherin des Gesundheitszentrums des Landkreises Görlitz, der Zeitung. Zugleich räumte sie ein, dass die Intensivmedizin im Klinikum “an die Grenzen des Leistbaren” stoße. Die Kapazität der beiden eigens eingerichteten Corona-Infektionsstationen von insgesamt 100 Betten in den beiden Standorten des Klinikums könne nicht ausgeschöpft werden, weil Personal fehle. Auch die Krankenhausleitstelle Ostsachsen teilte am Mittwochabend mit, trotz der zugespitzten Corona-Lage habe bisher noch kein Krankenhaus in Sachsen eine Triage bei Corona-Patienten vornehmen müssen.

Anzeige
Video
Kretschmer: Sächsinnen und Sachsen! Haltet euch an die Regel!
1:29 min
Kretschmer hat in einem leidenschaftlichen Appell die Menschen in Sachsen aufgefordert, die Coronaschutz-Maßnahmen der Landesregierung zu befolgen.  © Reuters

Gesundheitsministerin bezeichnet Bericht als “Weckruf”

Der Landkreis Görlitz, in dem Zittau liegt, ist einer der Corona-Hotspots in Deutschland. Das sächsische Gesundheitsministerium beziffert die Sieben-Tages-Inzidenz, also den Wert an Neuerkrankungen je 100.000 Einwohner binnen einer Woche, am Mittwoch auf 532,6. In ganz Sachsen sind es 407,0, was mehr als doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt ist. Ministerin Petra Köpping (SPD) versteht die Äußerungen des Arztes als Warnruf: Man habe in Zittau einen „Weckruf“ gestartet, die Verantwortlichen wollten zeigen: „Wir wissen bald nicht mehr, wie wir die Patienten versorgen sollen“, erklärt die SPD-Politikerin.

Erinnerungen an Bergamo

Anzeige

Aber Triage in Sachsen? Es werden Erinnerungen an das Frühjahr wach, als im italienischen Bergamo die Kliniken über ihre Belastungsgrenzen gerieten und Corona-Patienten nicht mehr helfen konnten. Auch Sachsen nahm damals Patienten aus Italien auf, um das Land zu unterstützen.

In Deutschland ist die Triage umstritten. „Das liegt vor allem daran, dass sie gesetzlich nicht geregelt ist“, sagt Medizinethiker Dieter Birnbacher. Seiner Meinung nach sollten Triage-Entscheidungen auf zwei Kriterien beruhen: „Erstens muss ein gleicher Zugang für alle gelten, unabhängig vom Alter. Aber auch die klinische Erfolgsaussicht einer Behandlung muss berücksichtigt werden“. Patienten, deren Erfolgsaussichten gering seien, würden also benachteiligt behandelt.

Triage - die schwerste Entscheidung überhaupt

Kritikern, die die Triage als Straftat erachten, entgegnet Birnbacher, dass es sich nicht um aktive Tötung handle. „Hier findet ja lediglich der Verzicht auf eine Behandlung statt. Und zwar nicht aus dem Grunde, dass man konkret Andere schützen will. „Es geht darum, knappe Ressourcen so einzusetzen, dass ein Maximum an Lebenszeit dadurch gerettet wird“, so der Experte.

Eine Triage-Entscheidung sei oft hoch emotional und müsse „in kürzester Zeit“ getroffen werden, weiß auch der Leiter der Geschäftsstelle der Akademie für Ethik in der Medizin, Alfred Simon. Daher müssten solche Entscheidungen im Team getroffen werden. „Keine Einzelentscheidungen“, fordert er. In vielen Kliniken gebe es dafür ein Priorisierungskomitee - unter anderem in der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). „Das Priorisierungskomitee ist hier interdisziplinär zusammengesetzt und besteht aus etwa acht Leuten – darunter Intensivärzte aus verschiedenen Bereichen wie Neurologie, Kardiologie und auch Vertretern des Ethikkomitees“, erklärt Simon.

Damit folgt das UMG einer Empfehlung der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi). „Grundsätzlich gilt: Die Entscheidung bei der Triage sollte in einem Team aus mindestens drei Experten mit unterschiedlichen Blickwinkeln gefällt werden“, heißt es auf der Webseite der Fachgesellschaft.

Anzeige
Die Pandemie und wir In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Noch gibt es Intensiv-Kapazitäten

Trotz einer starken Belastung des Gesundheitssystems in der Pandemie sehen die Divi und weitere Experten derzeit aktuell noch Kapazitäten auf den deutschen Intensivstationen. Man stehe derzeit nicht an dem Punkt, Priorisierungen von Patienten vornehmen zu müssen, erklären die Divi und die Fachgruppe Intensivmedizin, Infektiologie und Notfallmedizin beim Robert Koch-Institut (RKI) in einer gemeinsamen Stellungnahme.

Auch für den Fall einer möglichen regionalen Überlastung von Kliniken sei bereits seit einiger Zeit geregelt, dass Patienten innerhalb Deutschlands verlegt werden können, betonen sie. Und weil spätestens ab Montag durch die Feiertage keine planbaren OPs mehr durchgeführt würden, sei mit Entlastung für die Intensivstationen zu rechnen.

Ob in Zittau Corona-Patienten nicht mehr geholfen werden konnte oder es - erstmal noch - nur um die Entscheidung geht, dass Patienten in andere Häuser verlegt werden müssen, bleibt am Mittwoch vage. Das Oberlausitzer Bergland-Klinikum erklärt, dass alle Patienten, die in seine beiden Krankenhäuser kommen, „die bestmögliche Therapie“ erhielten. Sollten die Corona-Stationen keine Patienten mehr aufnehmen können, würden die Erkrankten in die umliegenden Krankenhäuser geflogen. Die Klinik fügt hinzu: Sollte das auch nicht mehr möglich sein, verschärfe sich die ohnehin angespannte Situation deutlich.

Schwerkranke müssen in weit entfernte Krankenhäuser

Koordiniert werden die Kapazitäten in Ostsachsen von einer Krankenhausleitstelle, die am Uniklinikum Dresden angesiedelt ist. Sie wurde geschaffen, um eine Situation wie in Bergamo zu verhindern. In den vergangenen Tagen hätten „verstärkt“ Patienten aus den Landkreisen Bautzen und Görlitz in entferntere Krankenhäuser verlegt werden müssen, sagt der Chef der Leitstelle, Christian Kleber. Diese Transporte nach Dresden und Leipzig gebe es immer dann, wenn regionale Krankenhäuser keine Aufnahmekapazitäten für Corona-Patienten mehr hätten.

Noch habe es sich um Einzelfälle gehandelt. Kleber fügt jedoch hinzu: „Es ist aber davon auszugehen, dass die Zahl dieser Fälle in den kommenden Tagen noch weiter zunehmen wird.“

RND/dpa/LVZ/feh

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen