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  • Triage in Kliniken: Trotz voller Intensivbetten - laut Katastrophenschutz noch abwendbar

Katastrophenschutzbehörde: Triage in Kliniken noch abwendbar

  • Nach Sachsen schlagen auch Brandenburg und Baden-Württemberg Alarm: Volle Intensivbetten und immer mehr Covid-Fälle überlasten die Kliniken.
  • Eine Triage sei nicht mehr auszuschließen, warnen Ärzte: Nicht mehr alle Patienten könnten dann sofort behandelt werden.
  • Doch der Chef des Katastrophenschutzamtes, Armin Schuster, beruhigt: Bund und Länder hätten ein Verfahren für den Notfall vorbereitet.
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Berlin. Plötzlich steht das Horrorwort der Pandemie wieder im Raum: Triage. Anfang der Woche hatte der Ärztliche Direktor eines Klinikums im sächsischen Zittau öffentlich erzählt, dass seine Ärzte zuletzt schon mehrfach entscheiden mussten, „wer Sauerstoff bekommt und wer nicht“ und hatte dafür den Begriff Triage verwendet – der die Entscheidung über die Reihenfolge der Behandlung nach Überlebenswahrscheinlichkeit meint.

Später erklärten Klinik und sächsische Landesregierung, es habe sich eher um einen „Weckruf“ gehandelt. In diesen Weckruf stimmen inzwischen mehr und mehr Kliniken ein: An der Heidelberger Uniklinik sei wegen der stark steigenden Zahl an Covid-19-Patienten eine Triage nicht mehr auszuschließen, sagt etwa deren Ärztlicher Direktor Ingo Autenrieth.

Alarm auch aus Brandenburg und Baden-Württemberg

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Die Baden-Württembergische Krankenhausgesellschaft ruft den Bund deshalb auf, die sogenannte Freihaltepauschale, die für Einnahmeausfälle durch Covid-19-Behandlung statt regulärer Operationen aufkommt, wieder aufs Niveau der ersten Pandemiewelle zu erhöhen.

Alarm schlägt auch Brandenburg: „Es gibt inzwischen massive Notsignale aus den Krankenhäusern im Süden“, sagt Gesundheitsministerin Ursula Nonnenmacher (Grüne) – und bat das Land Berlin um Hilfe. Triage sei jedoch „im Moment hier in Brandenburg kein Thema“. Allerdings müssten 50 Covid-19-Patienten aus Brandenburg nach Berlin verlegt werden.

Bundesamt für Bevölkerungsschutz: Kleeblattverfahren vorbereitet

Noch warnt die Politik vor Hysterie – etwa Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer in Reaktion auf den Hilferuf aus Zittau.

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Armin Schuster ist seit November 2020 Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn. Zuvor war er von 2009 bis 2020 Mitglied des Deutschen Bundestages. © Quelle: imago/photothek

Auch der Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Armin Schuster, mahnt gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) zu Verhältnismäßigkeit: „Wir schaffen es aktuell immer noch, jedem Corona-Patienten die bestmögliche Versorgung zu bieten, auch durch regionale Verlegungen“, sagt der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete. „Bund und Länder sind über ein Kleeblattverfahren auch auf weitere überregionale Verlegungen vorbereitet, die bisher noch nicht abgerufen wurden.“

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Vorrangigstes Ziel bleibe es jedoch, die aktuell sehr hohen Infektionszahlen zu senken und damit eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden. „Dafür müssen die Bestimmungen des Lockdowns und die erweiterten AHA-Regeln eingehalten werden“, betont Schuster. „Wenn sich alle daran halten, wird auch zukünftig eine Priorisierung der Behandlung lebensbedrohlich erkrankter Corona-Patienten nicht notwendig sein.“

Doch bis die Infektionszahlen wieder sinken, stehen die Kliniken in vielen Regionen und Städten an der Überlastungsgrenze: auch wegen Personalmangels, der durch erhöhte Ausfälle wegen Corona-Infektionen verschärft wird. Der Medizinchef am Uniklinikum Leipzig, Christoph Josten, sprach gegenüber der dpa von Ausfällen von 15 bis 30 Prozent.

Verschärft sich die Lage weiter, könnten die Mediziner vor ethischen wie vor juristischen Problemen stehen. Zur ethischen Frage erklärte die Katholische Kirche in Deutschland, bei weiter steigender Zahl von Corona-Patienten sei die Triage als letztes Mittel und bei wirklicher Überlastung des Gesundheitssystem gerechtfertigt: „Die Triage muss ethisch unter dem Aspekt der Ultima Ratio betrachtet werden“, sagte der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz (DBK), Limburgs Bischof Georg Bätzing, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Bischofskonferenz: Triage als letztes Mittel gerechtfertigt

Es handele sich nach Ausschluss aller anderen Alternativen „um ein letztes Mittel, so rational wie möglich vorzugehen, um so viel Humanität und Leben zu bewahren“, wie es die Situation zulasse.

„In diesem Sinn“, betonte der Bischof, „ist das Entscheidungsverfahren im Fall einer unüberbrückbaren Kluft von medizinischen Ressourcen und Behandlungsbedarf, aktuell in Folge einer pandemischen Überlastung des Gesundheitssystems, zulässig und gerechtfertigt.“

Bätzing forderte, dass bei Unvermeidbarkeit einer Triage, „sie in streng limitiertem Rahmen nach den etablierten Regeln der ärztlichen Heilkunst und den Grundsätzen der Medizinethik und des ärztlichen Berufsethos“ durchzuführen sei. Dies sei aus ethischer Sicht von höchster Bedeutung, betonte der Bischof.

„Als Entscheidungskriterien kommen ausschließlich medizinische Aspekte in Betracht, insbesondere aber die Behandlungsbedürftigkeit und die Prognose, die sorgfältig individuell abgewogen werden müssen“, stellte der DBK-Chef die Sicht der Katholischen Kirche dar. „Unethisch und abzulehnen sind äußere Kriterien wie etwa das Lebensalter, Behinderungen oder das Geschlecht, insbesondere jedoch soziale Kriterien wie Stellung, Bekanntheitsgrad, ökonomische Aspekte oder auch ‚Systemrelevanz‘.“

Unerlässlich sei es auch, „alle Patienten, die zum Zeitpunkt der Überlastung eine intensivmedizinische Behandlung benötigen, in die Triage einzubeziehen und diese nicht nur auf die Personen mit Covid-19″ zu begrenzen, so Bätzing.

Auch die Evangelische Kirche betont, dass jedes Menschenleben gleich viel wert sei. „Dass wir überhaupt über Triage diskutieren müssen, zeigt, wie wichtig es ist, alles dafür zu tun, dass solche Situationen vermieden werden können. Durch Einhaltung der Corona-Regeln können wir alle dabei mithelfen“, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Es gibt keine Einteilung von Menschengruppen, deren Lebensrecht mehr oder weniger wiegt. Die Kriterien des Deutschen Ethikrats können immer nur Hilfestellung für jeweils individuelle zu treffende Entscheidungen sein“, so Bedford-Strohm.

„Menschen, die sie zu treffen haben, brauchen unseren Beistand und unsere Solidarität“, sagte der bayrische Landesbischof. „Und da, wo sie mit Schuldfragen ringen, weil sie Menschen nicht mehr die bestmögliche Versorgung zukommen lassen können, brauchen sie das Vertrauen, dass Gott uns vergeben wird, wo wir ihn darum bitten. Wir denken an sie im Gebet.“

Lamprecht: Keine politische Entscheidung

Zur juristischen Frage werden inzwischen Rufe danach laut, dass der Bundestag die Kriterien für eine Triage gesetzlich regeln müsse. Das wiesen sowohl Justizministerin Christine Lambrecht (SPD), als auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zurück.

Wie und mit welchen Maßnahmen Patienten behandelt werden, sei eine ärztliche Entscheidung im Einzelfall, die allein nach medizinischen Kriterien getroffen werden könne, sagte Lambrecht der Rheinischen Post. Die medizinischen Fachgesellschaften und der Deutsche Ethikrat hätten dazu Empfehlungen ausgesprochen.

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"Don´t call us, we call you" - Spahn bittet bei Impfstoffverteilung um Geduld
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Der Bundesgesundheitsminister rief dazu auf, geduldig zu sein und auch nach Impfbeginn die Hygienevorschriften zu beachten.  © Reuters

Lauterbach sagte: „Alle deutschen Krankenhäuser haben funktionierende Triagepläne und können das für sich am besten organisieren.“ Die Überlastung einzelner Intensivstationen werde bereits vermieden, indem man Patienten in andere Häuser verlegt.

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, bestätigte, die Kliniken seien weit davon entfernt, Triagediskussionen führen zu müssen. Noch gebe es Reserven, sagte er den Funke-Zeitungen: „Bis rein rechnerisch alle Kapazitäten aufgebraucht sind, müsste sich die Zahl der aktiven Infektionen verdoppeln.“

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