Bischof Bätzing zur Patientenauswahl: Triage bei Systemüberlastung zulässig

  • Immer mehr Kliniken in Deutschland stehen angesichts steigender Corona-Infektionszahlen vor akuter Überlastung.
  • Immer heftiger wird nun darüber diskutiert, wie die Auswahl zu behandelnder Patienten bei Intensivbettennot erfolgen soll.
  • Die Deutsche Bischofskonferenz mahnt: Eine Triage sollte nur streng reguliert angewandt werden.
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Berlin. In Deutschland geraten angesichts steigender Corona-Infektionszahlen immer mehr Krankenhäuser an ihre Behandlungsgrenzen. Bislang konnte es durch Patientenverlegungen offenbar vermieden werden, eine Auswahl von Erkrankten nach Heilungschancen – die sogenannte Triage – vorzunehmen.

Die medizinischen Fachgesellschaften und der Deutsche Ethikrat haben dazu Empfehlungen ausgesprochen. Allerdings gibt es bereits Forderungen, den Bundestag mit dieser Frage zu befassen.

Nun schalten sich die beiden großen christlichen Kirchen Deutschlands in die medizinische, ethische und politische Debatte ein. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz (DBK), der Limburger Bischof Georg Bätzing, sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), dass es sich bei der gegenwärtig diskutierten Form der Triage um ein medizinisches Notfallentscheidungsverfahren handele, das vor allem in der Militär- und Katastrophenmedizin Anwendung findet.

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Bischof Bätzing: Triage kann nur letztes Mittel sein

„Ein solches Verfahren ist der Versuch, in einer akuten Notsituation die unzureichenden Hilfsmöglichkeiten unter der Prämisse, so viele Leben wie möglich zu retten, nach rationalen Kriterien zuzuteilen. Die Triage muss daher ethisch unter dem Aspekt der Ultima Ratio betrachtet werden“, betonte Bätzing. Es handele sich nach Ausschluss aller anderen Alternativen „um ein letztes Mittel, so rational wie möglich vorzugehen, um so viel Humanität und Leben zu bewahren“, wie es die Situation zulasse.

„In diesem Sinn“, sagte der Bischof, „ist das Entscheidungsverfahren im Fall einer unüberbrückbaren Kluft von medizinischen Ressourcen und Behandlungsbedarf, aktuell in Folge einer pandemischen Überlastung des Gesundheitssystems, zulässig und gerechtfertigt.“

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Bätzing fordert, dass bei Unvermeidbarkeit einer Triage, „sie in streng limitiertem Rahmen nach den etablierten Regeln der ärztlichen Heilkunst und den Grundsätzen der Medizinethik und des ärztlichen Berufsethos“ durchzuführen sei. Dies sei aus ethischer Sicht von höchster Bedeutung, betonte der Bischof.

Katholische Kirche: alle Patienten einbeziehen

„Als Entscheidungskriterien kommen ausschließlich medizinische Aspekte in Betracht, insbesondere aber die Behandlungsbedürftigkeit und die Prognose, die sorgfältig individuell abgewogen werden müssen“, stellte der DBK-Chef die Sicht der Katholischen Kirche dar.

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„Unethisch und abzulehnen sind äußere Kriterien wie etwa das Lebensalter, Behinderungen oder das Geschlecht, insbesondere jedoch soziale Kriterien wie Stellung, Bekanntheitsgrad, ökonomische Aspekte oder auch ‚Systemrelevanz‘.“

Unerlässlich sei es auch, „alle Patienten, die zum Zeitpunkt der Überlastung eine intensivmedizinische Behandlung benötigen, in die Triage einzubeziehen und diese nicht nur auf die Personen mit Covid-19″ zu begrenzen, so Bätzing.

Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und EKD-Ratsvorsitzender. © Quelle: Sven Hoppe/dpa

Auch die Evangelische Kirche betont, dass jedes Menschenleben gleich viel wert sei. „Dass wir überhaupt über Triage diskutieren müssen, zeigt, wie wichtig es ist, alles dafür zu tun, dass solche Situationen vermieden werden können. Durch Einhaltung der Corona-Regeln können wir alle dabei mithelfen“, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, dem RND.

Bischof Bedford-Strohm: Entscheider brauchen Beistand

„Es gibt keine Einteilung von Menschengruppen, deren Lebensrecht mehr oder weniger wiegt. Die Kriterien des Deutschen Ethikrats können immer nur Hilfestellung für jeweils individuelle zu treffende Entscheidungen sein“, so Bedford-Strohm.

„Menschen, die sie zu treffen haben, brauchen unseren Beistand und unsere Solidarität“, sagte der bayrische Landesbischof. „Und da, wo sie mit Schuldfragen ringen, weil sie Menschen nicht mehr die bestmögliche Versorgung zukommen lassen können, brauchen sie das Vertrauen, dass Gott uns vergeben wird, wo wir ihn darum bitten. Wir denken an sie im Gebet.“

RND

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