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Tränenreicher Abschied: Kühnert übergibt Juso-Vorsitz an Jessica Rosenthal

  • Mit einer emotionalen Rede hat sich Kevin Kühnert nach drei Jahren Amtszeit vom Juso-Vorsitz verabschiedet.
  • Die Delegierten des digitalen Bundeskongresses wählten Jessica Rosenthal zur Nachfolgerin.
  • Die Frau aus Bonn startet mit einer kämpferischen Ansage.
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Berlin. Dass Kevin Kühnert nah am Wasser gebaut ist, weiß der bisherige Juso-Chef selbst. Schon vor Wochen hat er sich die Frage gestellt, wie der Moment wohl sein würde, wenn er nach drei Jahren an der Spitze des SPD-Nachwuchses Abschied von dem Verband nehmen würde, dem er seit 16 Jahren angehört und der ihn politisch sozialisiert hat. „Machen wir uns nichts vor“, hatte Kühnert gesagt. „Das wird hart für mich.“

Er sollte recht behalten. An diesem Samstag um halb zwölf steht der 31-jährige Berliner auf einer kleinen Bühne im Willy-Brandt-Haus, und die Tränen kullern, als er sich bei Eltern, engsten Mitarbeitern und Unterstützern aus der Organisation bedankt. „Es war ein unglaubliches Privileg, von all diesen Menschen getragen worden zu sein, und es ist die Voraussetzung dafür, dass man politisch funktioniert“, sagt er.

Kühnert hat „politisch funktioniert“, daran gibt es keinerlei Zweifel. Er hat den Jusos in den vergangenen drei Jahren Stimme und Gesicht gegeben – unter hohem persönlichen Einsatz. 300.000 Bahnkilometer ist er in dieser Zeit gefahren, auf mehr als 900 Veranstaltungen hat er geredet, gut die Hälfte seiner Zeit war er irgendwo im Land. Es sei ein „heftiges Pensum“ gewesen, das aber auch „bombastischen Spaß“ gemacht habe, sagt er.

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Kevin Kühnert will in den Bundestag
1:25 min
Juso-Chef Kevin Kühnert gibt sein Amt auf und will für den Bundestag kandidieren. In der Pressekonferenz erklärt er die Beweggründe seiner Entscheidung.

Dass er offenbar nebenbei die einst angestaubte SPD-Nachwuchsorganisation zu einer gut geölten Kampagnenmaschine umgebaut hat, dass ohne seine Unterstützung Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans das Rennen um die SPD-Führung niemals gewonnen hätten, das sagt Kühnert an diesem Tag nicht. Es ist sowieso allen klar. Unter seiner Führung sind die Jusos von einem belächelten Teil sozialdemokratischer Folklore zu einem Machtfaktor in der Partei geworden.

„Wir haben erzwungen, dass die Antworten auf die Corona-Krise nachhaltiger, sozialer und gerechter sind als die, die wir in allen vergangenen Krisen erlebt haben“, sagt Kühnert. „Das ist uns nicht zugefallen, das haben wir zusammen erkämpft.“

Aufruf zum Kampf gegen „klerikalfaschistischen Islamismus“

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Die großen Debatten, die er angestoßen hat, die Ablehnung der GroKo, sein Interview über die Bedeutung des Sozialismus und seine jüngste Kritik am Umgang der Linken mit dem Islamismus verteidigt Kühnert noch einmal. „Ja, die politische Linke in Deutschland ist mir zu leise, wenn es gegen klerikalfaschistischen Islamismus geht“, sagt er. Jusos, Sozialdemokraten und Linke müssten „mit allem, was wir haben“ gegen autoritäre Gesellschaftskonzepte und das Erheben einzelner Gruppen antreten. Es seien zu wenige, die dabei mitmachten.

Arbeiten müsse man auch daran, dass der Einfluss der Jusos vor allem ein indirekter sei. „Das ist das Dilemma einer Jugendorganisation, die noch nicht in ausreichendem Maße im höchsten deutschen Parlament vertreten ist“, sagt Kühnert. Diese „Leerstelle“ gelte es im kommenden Jahr auszufüllen.

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Die Grundlagen dafür hat er gelegt. Unter dem Motto „Jusos in die Parlamente“ bewerben sich derzeit zahlreiche Nachwuchspolitiker um Kandidaturen für die Bundestagswahl im Herbst. „Es ist die größte Jugendbewegung, die sich je auf den Weg in den Deutschen Bundestag gemacht hat, und wir wollen das Parlament im nächsten Jahr entern“, ruft Kühnert.

Es ist eine Kampfansage. Nach der Partei will der SPD-Nachwuchs auch die Fraktion aufmischen, wo aus Sicht vieler Jusos derzeit noch zu viele Verhinderer zukunftsgerichteter Politik sitzen. Kühnert selbst hat sich an die Spitze der Bewegung gestellt. Er treibt seine Kandidatur im Berliner Wahlkreis Tempelhof-Schöneberg voran und hat gute Aussichten auf die Spitzenkandidatur des Landesverbandes. Es gehe nicht um Einfluss oder „Posten um der Posten willen“, sagt er. „Es geht darum, die Zukunft mitzubestimmen.“

Rosenthal: „Zukunft machen wir im Zweifel selbst“

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Kühnerts Nachfolgerin, Jessica Rosenthal, setzt in ihrer Bewerbungsrede ähnliche Schwerpunkte. Die Perspektive der Jugend sei in der politischen Landschaft häufig ein blinder Fleck, kritisiert die Lehrerin aus Bonn. CDU-Wissenschaftsministerin Anja Karliczek etwa verhöhne die Nöte und Existenzängste von Studierenden und Auszubildenden, die wegen der Pandemie ihren Job verloren haben, indem sie nur minimale Überbrückungskredite zur Verfügung stelle, sagt Rosenthal.

Auch die SPD mache jungen Wählerinnen und Wählern kaum Angebote und verfüge in ihren Fraktionen über zu wenig Expertise. „Da ist es doch kein Wunder, dass wir bei Erstwählern im einstelligen Bereich liegen“, klagt Rosenthal. Die Verjüngung der Partei dürfe kein Lippenbekenntnis bleiben, fordert sie. „Wir wollen den Weg mit der ganzen SPD gehen, aber ich sage es ganz deutlich: Zukunft machen wir im Zweifel selbst.“

Dem anwesenden SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz, der in den Jusos nicht gerade einen Fanclub hat, sichert Rosenthal die Unterstützung des Parteinachwuchses zu. „Wir sind im Ziel vereint, wir wollen CDU und CSU in die Opposition schicken“, ruft sie. „Jede Eintagsfliege macht sich mehr Gedanken über das politische Morgen als Friedrich Merz und Armin Laschet.“

Normalerweise würden die Jusos bei solchen Sätzen jubeln, aber an diesem Tag bleibt es im Foyer des Willy-Brandt-Hauses weitgehend still. Der Kongress findet digital statt, nur die engste Führung ist persönlich anwesend.

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Digital stimmen die 300 Delegierten auch über die inhaltlichen Anträge, wie den mit der Forderung nach einem „Recht auf Arbeit“, ab. Die Personenwahlen allerdings dürfen nicht über das Netz stattfinden. Das deutsche Parteirecht setzt da hohe Hürden. Jessica Rosenthal wird sich deshalb bis zum 8. Januar gedulden müssen, ehe sie ihr Wahlergebnis erfährt. Die Abstimmung findet per Brief statt.

So lange amtiert Kühnert offiziell noch, auch wenn er seinen Genossen schon eine Abschiedsbotschaft von Rod Stewart mit auf den Weg gibt: „Don’t let them put you down, don’t let them push you around.“

Die Jusos und ihre neue Chefin machen nicht den Eindruck, als ob sie das vorhätten.

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