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Ein Vater der Wiedervereinigung

Gorbatschow-Biograf: „Von seinem Erbe ist im Kreml unter Putin nichts übrig geblieben“

Der russische Präsident Wladimir Putin und der frühere sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow (links) bei einer Pressekonferenz 2004 im Schloss Gottorf.

Der russische Präsident Wladimir Putin und der frühere sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow (links) bei einer Pressekonferenz 2004 im Schloss Gottorf.

Film- und Buchautor Ignaz Lozo hat Michail Sergejewitsch Gorbatschow mehrfach persönlich getroffen. Zu seinem 90. Geburtstag 2021 veröffentlichte Lozo die viel gelobte Biografie „Gorbatschow – Der Weltveränderer“. Ein Gespräch über den Menschen Gorbatschow, seine in Ost und West unterschiedlich bewertete Rolle als Macher der deutschen Wiedervereinigung und das negative Bild, das Putin in den vergangenen Jahren von seinem Vorgänger zeichnen ließ.

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Herr Lozo, für viele Russen ist Gorbatschow heute eine Figur der Niederlage. Im Westen ist er unser großes Symbol für Frieden, Freiheit und Gemeinschaft. Was hat das mit Gorbatschow gemacht, so unterschiedlich bewertet worden zu sein?

Ich habe ihm bei meinem letzten Vieraugengespräch vor zweieinhalb Jahren in Moskau genau diese Frage gestellt. Ob es ihn nicht betrübe, dass er in seiner Heimat häufig mit Vorwürfen konfrontiert werde, er habe das Sowjetimperium verspielt. Da hat er selbstbewusst, ruhig, keinesfalls trotzig, sondern eher etwas melancholisch geantwortet: ‚Ach, ich weiß für mich, was ich alles Gutes vollbracht habe.‘ Ich glaube, Gorbatschow war mit sich im Reinen. Aber wie jeder Mensch wollte er natürlich auch in seiner Heimat akzeptiert und gewürdigt werden. Das ist ihm zu Lebzeiten leider nicht vergönnt gewesen.

War es für ihn ein Problem, in der Nachbetrachtung auf die Wendezeit reduziert zu sein?

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Gorbatschow fühlte sich meiner Meinung nach gar nicht so reduziert auf die Wendezeit. Er hat ja Bleibendes geschaffen, auch durch die Abrüstung und auch in den Jahren danach. Das hatte ja erst einmal eine große Wirkmächtigkeit. Was ihm nicht gelungen ist: die sowjetische Wirtschaft neu aufzustellen. Davon hat er auch wenig verstanden. Und auch Tschernobyl war ein wunder Punkt. Da hat er die Öffentlichkeit sage und schreibe 18 Tage im Dunklen gelassen, bis er sich zum ersten Mal als Kremlführer äußerte. Aber er lernte aus diesem Fehler und aus der Kritik, die aus dem Westen kam. Damit nahm bei ihm die Idee der Offenheit und des Offenlegens erst richtig Fahrt auf.

Wie viel Gorbatschow steckt heute noch im Kreml?

Nichts. Gorbatschow wollte eine reformierte Sowjetunion mit mehr Mitsprache der Republiken. Das ist ihm nicht gelungen. Aber als die Republiken nicht mitzogen, da hat er keine Gewalt sprechen lassen. Er hat Russland die Meinungsfreiheit, die Gewaltenteilung, die Versammlungsfreiheit, die Demonstrationsfreiheit gebracht, hat politische Gefangene freigelassen. Und Gorbatschow hat auch zugelassen, dass man die dunklen Kapitel der sowjetischen Vergangenheit, sprich Stalins Terror, thematisieren darf. Und das wird ja von Putin alles relativiert. Und somit ist von Gorbatschows Erbe oder von seinen Zielen und seiner Programmatik im Kreml unter Putin nichts übrig geblieben.

Hat man, als Putin 1999 in die Führung Russlands aufstieg, noch anders auf Gorbatschow geschaut? Hat Putin sein Vermächtnis auch ins Negative gedreht?

Als Putin Präsident in Russland wurde, herrschte dort komplettes wirtschaftliches und politisches Chaos. Gorbatschow hat es wie die meisten Russen erst einmal für gut befunden, dass Putin jetzt eine gewisse Härte an den Tag legt. Gorbatschow hat das in den ersten Jahren sogar gelobt, weil das so ein Kontrast war zu dem Chaos unter Boris Jelzin. Nur dann kippte das Verhältnis. Denn Gorbatschow hat gesehen: Der Putin, der läuft in eine ganz andere Richtung. Und dann begann Gorbatschow, Putin zu kritisieren. Und das gipfelte Anfang der 2010er in der Formulierung Gorbatschows, dass diese Putin-Partei Einiges Russland schlimmer sei als die Kommunistische Partei. Und das hat ihm Putin sehr übel genommen. Er hatte ihn bis dahin immer noch eingeladen zu Konsultationen, gelegentlich in den Kreml. Das hörte dann auf. Putin konnte zwar nicht so weit gehen, Gorbatschow als ausländischen Spion zu definieren, das Verhältnis war aber immer ambivalent, zum Schluss, kann man sagen, sehr kühl.

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Michail Gorbatschow stirbt mit 91 Jahren

Der Friedensnobelpreisträger starb nach Angaben mehrerer russischer Medien im Alter von 91 Jahren in einem Krankenhaus in Moskau.

In Deutschland war Helmut Schmidt immer wieder in Talkshows als Denker und Einordner gefragt. Hatte Gorbatschow so eine Rolle auch noch in Russland?

Gorbatschow wurde noch ab und zu mal eingeladen in Sendungen. Allerdings nahm das dann auch ab und die Berichterstattung über ihn wurde zunehmend verzerrt und gehässig. Und Gorbatschow, der hat das alles über sich ergehen lassen. Was hätte er auch machen können? Das zuletzt negative Bild von ihm rührt ja nicht nur von Bürgern, sondern das ist ja gezielt von Putin und seinen Leuten gesteuert. Das fängt damit an, dass man Geschichtsbücher für die Schüler oder Lehrpläne an den Unis so strickt, dass der Patriotismus irgendwie betont werden muss. Und da schneidet Gorbatschow immer ganz schlecht ab. Das ist Putins Werk. Und solange er im Kreml sitzt, wird sich daran auch nichts ändern.

Putin träumte ja auch schon öffentlich davon, das Sowjetreich in seinen alten Grenzen wieder aufbauen zu wollen. Wie stand Gorbatschow zu diesen Fantasien?

Gorbatschow hat Putin in der letzten Zeit nicht mehr offen kritisiert. Da kann man jetzt spekulieren: Hat er sich nicht mehr getraut? Denn er wollte ja auch keinen Ärger für seine Mitarbeiter in der Stiftung. Oder lag es auch an dem schlechten Gesundheitszustand Gorbatschows? Daran glaube ich im Nachhinein, so wie Gorbatschow seine letzten Monate im Krankenhaus verbracht hat.

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Seine letzte Reise ging nach Berlin.

Film- und Buchautor Ignaz Lozo

über Michail Gorbatschow

Hat Gorbatschow im Ansatz geahnt, Befürchtungen gehabt, dass Putin zu anderen Mitteln greift als die, die Gorbatschow bevorzugt hat? Eben den Dialog statt Gewalt?

Ja, Gorbatschow hat ständig gesagt, man muss alles friedlich lösen, und hat dann immer auch an seine eigene Zeit mit den US-Präsidenten Ronald Reagan und George Bush senior erinnert. Ich glaube schon, dass er ein ungutes Gefühl hatte mit Putin in den letzten ein, zwei Jahren. Aber den akuten Krieg jetzt hat er gar nicht mehr richtig wahrnehmen können. Auch wenn ihn sicherlich Verwandte darüber informiert haben, was wirklich passiert.

Wie waren Gorbatschows Verbindungen zu Deutschland zuletzt?

Gorbatschow hat selbst gesagt und geschrieben, dass die deutsche Wiedervereinigung für ihn eine seiner größten Taten sei. Er war natürlich Deutschland sehr wohlgesinnt und war auch mit Deutschland sehr verbunden. Wahrscheinlich mehr als mit jedem anderen Land. Seine letzte Reise ging nach Berlin. Im November 2014 zu den Feierlichkeiten zu 25 Jahren Wiedervereinigung. Danach hat er Russland nicht mehr verlassen.

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