Tod von al-Bagdadi: Trumps gefährliche Selbsttäuschung

  • Der US-Präsident inszeniert den Schlag gegen IS-Chef al-Bagdadi wie eine Reality-TV-Show.
  • Innenpolitisch könnte ihm das zunächst Punkte bringen.
  • Doch tatsächlich steckt Trumps Syrien-Politik voller Widersprüche, kommentiert Karl Doemens.
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Washington. Die geheime Kommandooperation galt einem der gefährlichsten Terroristen der Welt. Doch Donald Trump inszenierte sie als Reality-TV-Show. „Etwas sehr Großes ist gerade passiert“, heizte der US-Präsident am Samstagabend bei Twitter die Spannung an.

Zur Pressekonferenz am Sonntag erschien er 20 Minuten verspätet. Am Bildschirm des Situation Room habe er verfolgt, dass Abu Bakr al-Bagdadi „winselnd und heulend“ gestorben sei „wie ein Hund“, berichtete er: „Es war wie im Film.“

Wirklichkeit und Fiktion gehen bei Trump öfter durcheinander. Insofern sind Restzweifel am Tod des gesuchten IS-Chefs bis zur Vorlage von Beweisen angebracht. Wird die Meldung wasserdicht bestätigt, wäre das ein wichtiger politischer Punktsieg für den angeschlagenen Präsidenten. Doch zur Erfolgsgeschichte taugt seine Syrien-Politik ganz sicher nicht.

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So konnte die überraschende Hubschrauberaktion nur ausgeführt werden, weil – anders als von Trump gewollt – noch nicht alle amerikanischen Truppen aus der Region abgezogen sind. Experten glauben, dass zudem Informanten am Boden unverzichtbar waren.

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Trump verkündet Tod von IS-Anführer al-Bagdadi
1:29 min
Der Anführer der Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“, Abu Bakr al-Bagdadi, ist tot.  © Karl Doemens/AFP
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Tatsächlich wollen die syrischen Kurden die Amerikaner mit Informationen beliefert haben. Genau jene Ex-Verbündeten aber hat Trump zur Vertreibung durch die Türkei freigegeben. Auch die US-Geheimdienste lieferten wichtige Erkenntnisse. Die verleumdet er gern als oppositionelle Verschwörer.

Nun brüstet sich Trump, er habe die Terrormiliz IS „zu 100 Prozent“ zerstört. Das könnte eine gefährliche Selbsttäuschung sein: Längst hat sich die Organisation dezentralisiert, und mehr als hundert ihrer einstmals in Syrien gefangenen Kämpfer konnten in den vergangenen Wochen fliehen.

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Einen Showdown mit strahlendem Sieger mag es im Kino geben. Der Mittlere Osten ist etwas komplizierter als Trumps simple Weltsicht.