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Tino Käßner wurde in Afghanistan verwundet: „Wut war nie ein Thema“

  • 20 Jahre nach Beginn des Einsatzes wird über den Rückzug der internationalen Truppen aus Afghanistan debattiert.
  • Der ehemalige Bundeswehrsoldat Tino Käßner wurde dort 2005 bei einem Anschlag schwer verletzt.
  • Ein Gespräch über Bewältigungsstrategien, das Mitleiden von Angehörigen und die Frage, ob sich der Bundeswehreinsatz gelohnt hat.
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Berlin. Vor 20 Jahren hat der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr begonnen, der eigentlich mal für sechs Monate geplant war. Die USA rief nach den Anschlägen vom 11. September 2001 den „Krieg gegen den Terror“ aus. Die deutsche Bundesregierung erklärte sich solidarisch. Deutschlands Sicherheit werde „auch am Hindukusch“, verkündete der damalige Verteidigungsminister Peter Struck (SPD).

Al-Kaida-Chef Osama Bin Laden wurde von den USA getötet. Schulen wurden wieder geöffnet. Das Land aber ist zerrissen, die Taliban sind mächtig, die Regierungsstrukturen fragwürdig. Viele Zivilisten sind bei Einsätzen internationaler Truppen ums Leben gekommen – wie bei dem Luftangriff auf einen überfallenen Tanklastzug, mit dem sich nun der Europäische Menschenrechtsgerichtshof befasst hat. Auch über 50 Bundeswehrsoldaten und Polizisten starben. Dutzende wurden verletzt, viele leiden unter psychischen Folgen.

Der damals 31-jährige Tino Käßner verlor im November 2005 einen Unterschenkel, als ein Selbstmordattentäter das gepanzerte Fahrzeug attackierte, in dem er mit zwei Kameraden nahe Kabul unterwegs war. Einer der Soldaten starb, ein anderer verlor beide Beine.

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Herr Käßner, der Anschlag ist gut 15 Jahre her. Wie geht es Ihnen heute?

Mir geht es sehr gut. Ich habe von Anfang an akzeptiert, was passiert ist. Ich konnte an der Situation ja nichts mehr ändern. Also habe ich versucht, daraus das Beste zu machen. Es gab zwar gesundheitliche Rückschläge und manche Krankenhausaufenthalte. Aber ich kann mich nicht beschweren. Schwierigkeiten hat zwischendurch eher meine Familie bekommen.

Inwiefern?

Meine Frau hat das alles psychisch ziemlich mitgenommen. Jeder hat gefragt, wie es mir geht. Ich stand im Mittelpunkt. Aber keiner hat gefragt, wie es meiner Frau geht. Die meisten dachten, wenn es mir gut geht, ist bei ihr auch alles in Ordnung. Sie hat schwere Depressionen bekommen und war viele Jahre in Behandlung. Mittlerweile passt es wieder. Sie arbeitet bei einem Zahnarzt und hat unseren Hund zum Therapiehund schulen lassen. Mit dem begleitet sie einen Integrationskindergarten. Das ist toll.

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© Quelle: Andreas Kern

Ihre Tochter ist 13 Jahre alt. Sie ist nach dem Attentat geboren. Sprechen Sie mit ihr darüber, was passiert ist?

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Natürlich. Da kamen ja Fragen. Als sie klein war, sind wir nie so ins Detail gegangen. Dann hat sie sich irgendwann mal das Buch genommen, das ich und meine Frau geschrieben haben. Aber eigentlich ist es kein Thema. Ich habe halt eine Prothese, aber das kennt sie nicht anders. Und ich mache ja trotzdem alles mit.

Sie scheinen nicht zu hadern. Wie schafft man das?

Nein, ich hadere nicht. Es ist schwer zu sagen, warum das so ist. Selbst meine Eltern hätten nie gedacht, dass ich das so gut wegstecke. Die Psychologen haben immer gesagt: Der Bruch kommt noch. Aber so war es nicht. Ich war immer sportlich, das hat vielleicht geholfen. Für mich war jeder Tag eine sportliche Herausforderung. Es ging darum, wieder gehen zu lernen, zu radeln, skizufahren, den Alltag zu meistern. Ich habe nie viel zurückgeschaut, sondern immer nach vorn.

Wie war es, als Sie nach dem Anschlag im Krankenhaus in Koblenz aufgewacht sind?

Nach dem Anschlag war ich fünf Tage im Koma. Ich weiß nicht, woher ich wusste, dass der Unterschenkel weg ist. Aber ich wusste es. Jedenfalls war es kein Schock. Das erste, was ich nach dem Aufwachen wohl gesagt habe, war: Scheißphantomschmerz.

Wie ging es dann weiter?

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Ich war eine Woche auf einer Intensivstation, dann mehrere Wochen auf einer Normalstation. An Weihnachten war ich wieder zu Hause. Ich hatte meinen Eltern versprochen, dass wir spazieren gehen – ohne Rollstuhl, nur mit Krücken. Das hat funktioniert. Danach gab es noch mehrere Monate Reha, glücklicherweise in einer Klinik gleich bei mir vor der Haustür in Murnau.

Und sie haben geheiratet.

Meine Frau hatte mir einen Antrag gemacht, bevor ich zu diesem letzten Einsatz abgeflogen bin. Wir hatten uns vor meinem ersten Afghanistan-Einsatz kennengelernt, in einem Auslandsvorbereitungskurs der Bundeswehr. Sie war Sanitäterin und ist nach Bosnien gegangen. Wir haben von Einsatzland zu Einsatzland fast jeden Tag telefoniert und viele Briefe geschrieben. Sie hat mich vom Flughafen abgeholt, als ich zurückkam. Seitdem sind wir zusammen.

Warum sind Sie eigentlich Soldat geworden?

Ich hatte 1994 meinen Grundwehrdienst gemacht und fand das ganz interessant. Dann habe ich aber erst mal als Gas-Wasser-Installateur gearbeitet, in meiner Heimatstadt Chemnitz. Ende der 90er Jahre bin ich ständig arbeitslos geworden oder die Bezahlung blieb aus. Da dachte ich: Probierst Du es halt doch bei der Bundeswehr. Die Idee war, dass ich da vier Jahre bleibe, in dieser Zeit meinen Meister mache und mich danach als Handwerker selbstständig mache. Ich wurde dann aber gut gefördert und habe mich erst auf acht, dann auf zwölf Jahre verpflichtet. 2004 bin ich dann Berufssoldat geworden.

Damit war nach dem Anschlag 2005 Schluss.

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Ich hätte bei der Bundeswehr ins Büro gehen können, aber das war für mich keine verlockende Aussicht. Ich war vorher Personenschützer bei den Feldjägern, ich hatte eine Ausbildung als Fallschirmspringer. Ich habe also ein Dienstunfähigkeitsverfahren durchlaufen und bin aus der Bundeswehr ausgetreten. Jetzt bin ich Pensionär. Glücklicherweise hatte ich mit einer Berufsunfähigkeitsversicherung vorgesorgt. Einen kleinen Teil darf ich auch noch dazuverdienen, zum Beispiel mit einem 400-Euro-Job in einem Radgeschäft. Dadurch kommen wir ganz gut über die Runden. Und ich konnte mich intensiv dem Sport widmen, meiner großen Leidenschaft.

© Quelle: privat

Wie kann man sich das vorstellen?

Ich war einige Jahre im Profisport unterwegs – zum Beispiel in der Olympia-Paracycling-Mannschaft. Das härteste Mountainbikeetappenrennen der Welt in Südafrika habe ich als einer der wenigen Deutschen mit Handicap bewältigt. Irgendwann hat sich dieser intensive Sport zeitlich nicht mehr so gut mit der Familie vereinbaren lassen. Ich habe eine Ausbildung zum Bikeguide gemacht. Jetzt biete ich geführte Mountainbiketouren an und Fahrtechnikkurse.

War die Rückkehr in den Handwerksberuf ein Thema nach dem Anschlag?

Nein. Als Gas-Wasser-Installateur ist man sehr körperlich unterwegs, oft auf den Knien. Das ist nicht mehr so einfach für mich. Aber natürlich habe ich bei uns zu Hause die Heizung und das Bad selber umgebaut.

Wie war es, sich an Sport mit Prothese zu gewöhnen?

Das dauert. Man muss lernen, wie man am besten auf der Pedale steht mit der Prothese. Und das Hochziehen der Pedale klappt bei mir mit dem einen Bein nicht so gut. Ich habe verschiedene Prothesen für verschiedene Fahrräder, die normale Prothese und dann noch eine fürs Skifahren. Am Anfang bin ich noch mit einem Bein Ski gefahren, mit Krückenski. Als meine Tochter mit dem Skifahren angefangen hat, habe ich es wieder mit zweien probiert. Das funktioniert hervorragend. Ich hatte das Glück, dass die Orthopädietechnikfirma mit mir ein bisschen herumgetüftelt hat.

Wer sind ihre Kunden als Bikeguide?

Zu 99 Prozent sind das ganz normale Radfahrer, also ohne körperliche Behinderungen. Manchmal werden die Augen groß, wenn ich um die Ecke komme. Aber nach der ersten Runde Fahren passt es meistens.

Müssen Sie jedes Jahr Krankenhausaufenthalte einplanen?

Ich hatte in den letzten Jahren relativ viel Ruhe mit meinem Stumpf. Es gab schon Weihnachten, die ich wegen Entzündungen im Krankenhaus verbracht habe. Immer mal wieder gibt es kleinere wunde Stellen. Die kriege ich aber meist innerhalb weniger Tage in den Griff. Manche Radrennen habe ich vorzeitig beendet, wenn es mit dem Wundreiben etwas kritisch wurde. Ich habe gelernt: Wenn ich übertreibe, hat das schon mal einen Monat an Krücken zur Folge.

Verschlingen Sie alle Afghanistan-Nachrichten oder schalten Sie ab, wenn das Stichwort fällt?

Weder noch. Wenn es Meldungen gibt, lese ich das. Ich schaue mir auch mal Dokus an. Aber ich suche nicht gezielt nach Neuigkeiten.

Welchen Eindruck haben Sie – hat sich etwas verändert, zum Guten oder zum Schlechten?

Als ich in Afghanistan war, war das Motto: keine Panzer, auf Augenhöhe mit den Afghanen bleiben, nicht als Besatzer auftreten. Das hat die Bundeswehr gut hinbekommen. Die Afghanen haben uns immer bestätigt, dass die deutschen Soldaten sehr hohes Ansehen genießen. Deswegen waren wir immer nur sehr leicht gepanzert unterwegs. Dann hat es sich leider hochgeschaukelt. Die Anschläge wurden mehr und intensiver. Weil der Schutz der Soldaten wichtig ist, landet man dann irgendwann beim Kampfpanzer. Da wird es halt dann schwierig mit dem, was man eigentlich vermitteln wollte.

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Bundeswehrsoldaten tragen 2013 Waffen zu einem Depot in Kunduz.  @ Quelle: picture alliance / dpa

Finden Sie, der Bundeswehreinsatz in Afghanistan hat sich gelohnt?

Schwer zu sagen. Wir haben uns schon damals gefragt, ob das was werden kann, wenn ein normaler Job zehn Dollar am Tag einbringt, die Taliban aber mit 100 Dollar winken, um die Leute für die Mithilfe beim Drogenanbau zu gewinnen. Es ist nachvollziehbar, wenn sich Menschen für die größere Summe entscheiden. Die Familie hat ja Hunger. Wir haben gehofft, dass sich durch die Kinder etwas ändert. Ich war oft dabei, wenn Schulen wiedereröffnet wurden. Da die Freude der Kinder mitzuerleben, das war schon schön. Es gab die Hoffnung, dass die ihre Begeisterung mitnehmen ins Erwachsenenleben.

Würden Sie gern noch mal nach Afghanistan reisen?

Eigentlich schon. Es ist ein wunderschönes Land.

Einer ihrer Kameraden wurde getötet, ein zweiter hat beide Beine verloren. Überlegen Sie manchmal, ob Sie bei dem Anschlag etwas hätten anders machen können?

Wir hätten nichts anders machen können. Vieles ist zusammengekommen: Der Attentäter hat uns so getroffen, dass ich auf eine Betonabsperrung aufgefahren bin und nicht mehr weg konnte. Er konnte dann leider noch wenden und uns nochmal attackieren und den Sprengstoff zünden. Ich hatte Glück im Unglück. Wenn die Bombe eine Sekunde später oder früher explodiert wäre, würden wir jetzt nicht miteinander sprechen.

Haben Sie Rachegefühle?

Nein. Wut war nie ein Thema, eher Unverständnis. Ich frage mich, wie man sich als Mensch so manipulieren lassen kann, dass man andere umbringt und sich selbst gleich mit. Viele Afghanen haben sich bei uns entschuldigt. Der Islam ist eigentlich eine sehr friedliche Glaubensrichtung.

Wie ist eigentlich das Verteidigungsministerium mit Ihnen umgegangen?

Wir wurden von Anfang an gut betreut. Der Anschlag war eine öffentliche Angelegenheit: Zehn Minuten danach waren in Deutschland die ersten Bilder in den Fernsehnachrichten. Dadurch war das Medieninteresse sehr groß. Im Krankenhaus wurden wir abgeschirmt: Es gab uns dort offiziell nicht. Immer, wenn es wo geklemmt hat, war eine Stelle da, die weitergeholfen hat. Anders dürfte es sein, wenn jemand unter posttraumatischen Belastungsstörungen leidet. Diese Kameraden müssen sich einiges anhören. Die Schäden sind ja nicht so sichtbar, wie wenn ein Bein nicht mehr da ist. Das Bewusstsein, dass PTBS eine Krankheit ist, ist erst langsam gewachsen. Bei uns konnte keiner sagen: Hab Dich nicht so.

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Luftangriff im afghanischen Kundus: Menschengerichtshof entlastet Deutschland
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Bei dem Angriff auf zwei von den Taliban gekaperten Tanklastern durch US-amerikanische Kampfflugzeuge kamen im September 2009 etwa 100 Menschen ums Leben.  © Reuters

Wie reagieren Sie, wenn es andere Anschläge gegen Bundeswehr-Soldaten gibt?

Ich bin betroffen und hoffe, dass die Kameraden alle Hilfe bekommen, die sie brauchen. Aber es versetzt mich nicht zurück in meine Anschlagsituation. Da habe ich Distanz. Das war auch so, als ich Bilder von meinem Anschlag gesehen habe: Da muss ich wohl dabei gewesen sein, habe ich gedacht. Später habe ich Kameraden kennengelernt, die uns damals geholfen haben. Manche von ihnen sind psychisch erkrankt, weil sie das Bild vom Anschlag und von den schwerverletzten Soldaten nicht aus dem Kopf bekommen. Zwei von ihnen ging es besser, nachdem sie uns hier ein paar Tage besucht haben. Wir sind eine Runde Radfahren gegangen. Sie haben gemerkt, dass ich im Alltag gut zurecht komme. Dadurch konnte ich ein bisschen helfen.

Wie sehen Sie heute auf Auslandseinsätze der Bundeswehr? Sind die nötig?

Das sind politische Entscheidungen. Das große Ganze habe ich nicht so im Blick. Wir sind in der Nato, da müssen wir unseren Beitrag leisten. Und wir können froh sein, dass abgewogen wird und es dadurch zum Beispiel nicht zu einer Beteiligung am Irak-Einsatz gekommen ist. Ich hoffe, dass aus Afghanistan gelernt wurde, dass die Bundeswehr nicht mehr so blauäugig in Einsätze geht. Es braucht die richtige Ausrüstung, Anschlussversorgung und Familienversorgung. Das muss alles von vornherein mitgedacht werden, sonst darf es nicht losgehen.

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