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  • Tiktok und Politik? Über 2,4 Millionen Aufrufe für FDP-Abgeordneten Wolfgang Heubisch

Politik zwischen tanzenden Teenagern: Wie ein 74-jähriger Abgeordneter Tiktok erobert

  • Der FDP-Abgeordnete und Vizepräsident des bayerischen Landtags Wolfgang Heubisch ist auf der Kurzvideo-Plattform Tiktok ziemlich aktiv – obwohl er bereits 74 Jahre alt ist.
  • Zunächst war er skeptisch, aber seine Mitarbeiter hätten ihn überzeugt, es zu probieren.
  • Eines der Videos bekommt mehr als 2,4 Millionen Aufrufe.
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Berlin. Tiktok, das ist eine ganz eigene Welt. Die Kurzvideo-App hat in den vergangenen Jahren die Smartphones von mehreren Hundert Millionen zumeist junger Menschen erobert. Mit ihr lassen sich mit einfachsten Mitteln kurzweilige Videos kreieren. Es ist eine kreative Welt, die dadurch entsteht, aber auch eine schnelllebige und oft schrille.

74-jähriger FDP-Abgeordneter bekommt 2,4 Millionen Videoaufrufe

Und mittendrin steht Wolfgang Heubisch: Doktor der Zahnmedizin, ehemaliger bayerischer Wissenschaftsminister, heute FDP-Abgeordneter und Vizepräsident des bayerischen Landtags. Heubisch ist 74 Jahre alt und einer der erfolgreichsten deutschen Politiker auf Tiktok.

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Mehr als 58.000 Menschen haben seine Videos dort abonniert, sein erfolgreichstes wurde 2,4 Millionen Mal angesehen. Darin nimmt Heubisch die AfD aufs Korn. „Wie ich mir einen AfD-Antrag durchlese“, heißt es, während der FDP-Politiker bedruckte Zettel zerknüllt und wegschmeißt. In anderen Videos geht es um die Corona-Politik, Heubischs Blick auf die politischen Mitbewerber oder um ganz ernste Themen wie Missbrauch in der katholischen Kirche.

Heubisch will auf Tiktok das Interesse junger Menschen an der Politik steigern, sagt er im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Wie komme ich sonst auch an die Zielgruppe ran?“, fragt er.

Heubisch war zunächst skeptisch – wurde aber überzeugt, es zu probieren

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Tiktok habe er anfangs trotzdem skeptisch gegenübergestanden. Bedenken hatte Heubisch wegen der Verbindung der App nach China. Anders als Facebook oder Youtube kommt Tiktok nicht aus dem amerikanischen Silicon Valley, sondern gehört dem chinesischen Unternehmen Bytedance. Er habe jedoch Gespräche mit dem deutschen Tiktok-Management geführt und beobachtet, wie immer mehr demokratische Parteien sich in Deutschland auf die Plattform getraut hätten, sagt Heubisch.

Auch die Art der Videos sorgte bei Heubisch anfangs für Skepsis. Bekannt wurde die App mit „Lipsync-Videos“ – unterhaltsamen Playback-Versionen bekannter Popsongs – und durch Tanzvideos. „Die Politik wirkte auf Tiktok am Anfang verloren“, sagt Heubisch. Überzeugt, es trotzdem auszuprobieren, haben ihn seine Büroleiterin und sein Social-Media-Mitarbeiter Konstantin Keller-May. „Der Konsti“, wie Heubisch sagt. „Die sind beide um die 30 und sind die Gruppe, die mir Bescheid sagt, was Sache ist.“

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Heubisch: „Habe die notwendige Lockerheit“

Seinen Chef zwischen lauter tanzenden Teenagern auf Tiktok zu platzieren sei ganz einfach gewesen, sagt Keller-May. „Das hat von Anfang an super funktioniert, weil Wolfgang sehr offen dafür ist“, erklärt er. „Ich glaube, ich komme mit dem Medium ganz gut zurecht und habe die notwendige Lockerheit“, sagt auch Heubisch.

@wolfgang.heubisch

@lenno305 antworten hier ist Part 2! Findet ihr, ich habe richtig ausgewählt? 😅 #harrypotter #politik #parteien #snape #hagrid #voldemort #hermine

♬ Harry Potter Theme Song - Ost

Und so kritisiert er mal die bayerische Staatsregierung für ihre Alleingänge in der Corona-Politik und vergleicht ein andermal Parteien mit Charakteren aus den Harry-Potter-Filmen. Die FDP ist in diesem Bildnis die kluge Streberin Hermine Granger, die AfD der faschistisch anmutende dunkle Magier Voldemort. Heubisch nutzt passende Musik, greift aktuelle Tiktok-Trends auf.

FDP-Politiker laut Tiktok-Nutzern ein „Ehrenmann“

„Wenn man nicht mit der Sprache und der Machart der Videos auf Tiktok mitgeht, wird es schnell langweilig und floppt“, sagt sein Mitarbeiter Konstantin Keller-May. „Sich hinstellen und einfach eine Minute reden, das funktioniert nicht.“

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Was Heubisch macht, kommt gut an. Auf seine Videos reagieren Nutzerinnen und Nutzer mit Kommentaren wie „Ehrenmann“, „wie kann man nur so eine coole Socke sein“, oder „ich feier dich hart“. Wenn Heubisch andere Parteien in den Fokus nimmt, wird auch die FDP in den Kommentaren kritisiert. Aber ganz überwiegend ist die Resonanz eine positive.

Wer unauthentisch ist oder heuchelt, vereint Zorn und Gespött auf sich

Doch das Engagement von Politikerinnen und Politikern auf der Plattform birgt auch Risiken. Wer nicht authentisch rüberkommt, kann zum Gespött werden. Wer gar in den Verdacht der Heuchelei gerät, zieht schnell den Zorn der Community auf sich.

@krstdt

#stitch mit @csuauftiktok kein bock auf konservatives wahlkampfgelaber 🏳️‍🌈 #politiktiktok #politik #pride

♬ Originalton - Matti Karstedt

Diese Erfahrung musste die CSU erst kürzlich machen. Seit März betreibt die Partei ebenfalls einen Tiktok-Kanal. Zu sehen sind dort oft keine Politikerinnen und Politiker, sondern eine junge Parteimitarbeiterin. Auf die Nutzerinnenfrage, wie die CSU „zu LGBTQ+“ stehe, antwortete sie in einem Video mit zwei hochgestreckten Daumen und dem Satz „Wir wollen den Menschen nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben!“. Die CSU als Verbündete der LGBT-Community? In den Kommentaren zum Video wurde der Partei schnell vorgeworfen zu lügen. Wieso die Mehrheit der CSU-Abgeordneten gegen die Ehe für alle gestimmt habe, wollte ein Nutzer etwa wissen.

Viral wurde das Video schließlich ausgerechnet dadurch, dass der Vorsitzende der Jungen Liberalen in Brandenburg es aufgriff. „Keine Partei hat sich in der Geschichte unseres Landes stärker für die Unterdrückung von LGBT starkgemacht als die CSU“, sagte Matti Karstedt in seinem Reaktionsvideo und redete sich in Rage. Das Video wurde bislang mehr als doppelt so oft angeschaut wie das CSU-Original und erhielt fast 25-mal so viele „Gefällt mir“-Angaben in Herzchenform.

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FDP-Politiker Heubisch überlässt die Gestaltung seinen Mitarbeitern

Authentizität, ohne geht es nicht auf Tiktok. Oder zumindest muss es sich für die Nutzerinnen und Nutzer so anfühlen. Locker und der Tonalität des Mediums folgend, aber nicht anbiedernd – vor allem wenn Politiker und Community zwei Generationen trennen. Wenn man das beherzige, komme es nicht auf das Alter an, sondern auf die Persönlichkeit, sagt Wolfgang Heubisch.

Damit das mit der Tonalität funktioniert, überlässt der 74-Jährige die Gestaltung seiner Videos, die Musikauswahl und das Aufgreifen aktueller Trends seinem Mitarbeiter. Das beeinflusse er gar nicht, sagt Heubisch. „Da akzeptiere ich Konstantins Auswahl.“

Die Politik entdeckt Tiktok immer mehr für sich

Den Beispielen erfolgreicher Tiktok-Auftritte folgen immer mehr Politikerinnen und Politiker, Parteien und Fraktionen. Manche mit mehr Aufwand, manche mit weniger. Die einen mit einem Team dahinter und andere, vor allem jüngere Politikerinnen und Politiker, erkennbar auf eigene Faust. So verschieden wie die Aufmachungen und Inhalte der Videos sind auch die Erfolge auf der Plattform.

Was Tiktok dabei spannend macht, ist die Möglichkeit, mit einem besonders guten Kurzvideo Tausende oder sogar Millionen Menschen zu erreichen, selbst wenn man gerade neu auf der Plattform ist. Wer die App öffnet, hat als Erstes die „For You Page“ vor sich, die Für-dich-Seite. Dort werden Videos von Nutzerinnen und Nutzern angezeigt, denen man folgt, vor allem aber Videos, von denen der Tiktok-Algorithmus annimmt, sie könnten einem gefallen. Das funktioniert erstaunlich gut – sowohl für die Konsumierenden als auch für die Macherinnen und Macher viraler Videos.

So nutzen andere Politiker und Politikerinnen Tiktok

Auch die SPD-Bundestagsfraktion hat die App für sich entdeckt. Sie lässt Abgeordnete wie den Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach Nutzerfragen beantworten – zum Beispiel, wann die Shishabars wieder aufmachen.

@spdbt

@leggo132 antworten Markiert eure Leute, mit denen ihr gern mal ne #Shisha raucht! #spdfraktion #lauterbach

♬ Originalton - SPD im Bundestag

Die FDP-Bundestagsabgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann macht sich auf dem Tiktok-Kanal ihrer Fraktion über das Gebaren der AfD im Bundestag lustig.

Und die Grünen-Bundestagskandidatin Ricarda Lang nutzt Tiktok für eine Botschaft an all jene, die ihr Hassnachrichten schicken.

Und der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Amthor richtet sich auf dem Kanal des CDU-Wahlkampfteams an Parteiunterstützer.

@connectcdu

Was Philipp Amthor sagt! Jetzt unterstützen ihr Zerstörer. 🤓

♬ Nice To Meet Ya - Wes Nelson

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