Amnesty warnt: Uferlose sexuelle Gewalt an Frauen im Tigray-Konflikt

Eine 40-jährige Frau spricht während eines Interviews in einem Krankenhaus in Mekele. Sie gibt an, von 15 eritreischen Soldaten über einen Zeitraum von einer Woche in einem abgelegenen Dorf nahe der Grenze zu Eritrea gefangen gehalten und wiederholt vergewaltigt worden zu sein.

Eine 40-jährige Frau spricht während eines Interviews in einem Krankenhaus in Mekele. Sie gibt an, von 15 eritreischen Soldaten über einen Zeitraum von einer Woche in einem abgelegenen Dorf nahe der Grenze zu Eritrea gefangen gehalten und wiederholt vergewaltigt worden zu sein.

Nairobi. Im Konflikt um die Region Tigray haben Dutzende Frauen laut Amnesty International von schockierenden sexuellen Übergriffen äthiopischer und eritreischer Soldaten berichtet.

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Es sei auffallend, dass die mutmaßlichen Täter offenbar keine Angst vor einer Bestrafung durch ihre Kommandeure hätten, hieß es in einem am Mittwoch verbreiteten Bericht der Menschenrechtsorganisation. Die äthiopische Regierung sprach von Verleumdung.

1200 Fälle sexueller Gewalt zwischen Februar und April 2021

Allein zwischen Februar und April seien mehr als 1200 Fälle sexueller Gewalt von Krankenstationen in Tigray dokumentiert worden. Der Konflikt dauere schon seit neun Monaten an, daher seien die Zahlen wahrscheinlich nur ein „kleiner Bruchteil“ der Realität. Die meisten Kliniken in der Region mit sechs Millionen Einwohnern seien überdies geplündert oder zerstört worden.

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Die äthiopische Regierung erklärte, sie habe bereits früher eingeräumt, dass einige Mitglieder der bewaffneten Kräfte im klaren Widerspruch zu Gefechtsregeln und Anweisungen gehandelt hätten. Zugleich warf sie Amnesty „sensationslüsterne Angriffe und Verleumdungskampagnen“ gegen die Regierung vor.

Amnesty International sprach nach eigenen Angaben mit 63 Frauen sowie medizinischen Fachkräften. Zwölf mutmaßliche Opfer berichteten, sie seien über Tage oder Wochen hinweg festgehalten und mehrere Male vergewaltigt worden, in der Regel von etlichen Männern.

Ein weiteres Dutzend gab an, vor den Augen von Angehörigen vergewaltigt worden zu sein. Fünf Frauen sagten, zum Zeitpunkt der Übergriffe seien sie schwanger gewesen. Zwei Opfer erklärten, man habe ihre Intimbereiche mit Nägeln, Kies und Schrapnell traktiert.

„Ich weiß nicht, ob ihnen bewusst war, dass ich eine Person bin”

„Ich weiß nicht, ob ihnen bewusst war, dass ich eine Person bin“, sagte eine Frau im Gespräch mit Amnesty International. Sie erzählte, wie drei Männer in ihrem Haus über sie herfielen. Zu diesem Zeitpunkt sei sie im vierten Monat schwanger gewesen.

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Für die Massenvergewaltigungen machten die Opfer mit dem äthiopischen Militär verbündete Kämpfer, vor allem Soldaten aus dem benachbarten Eritrea, aber auch solche aus der benachbarten Region Amhara verantwortlich.

An den Interviews mit Opfern war die langjährige Amnesty-Beraterin Donatella Rovera beteiligt. Von den Gräueltaten, die sie in aller Welt untersucht habe, gehörten jene in Tigray zu den Schlimmsten, sagte Rovera der Nachrichtenagentur AP. Von Anfang an hätten all diese Soldaten für eine lange Zeit das Gefühl gehabt, als ob „es total in Ordnung wäre, diese Verbrechen zu verüben“.

Sie hätten ganz klar gedacht, dass sie ungestraft davonkommen und dass sie „nichts zurückhalten“ könne. Zur Frage, ob irgendwelche Anführer einen Befehl zu Vergewaltigungen erteilt haben könnten, wollte sich Rovera nicht äußern.

Volksgruppe der Tigray soll gedemütigt werden

Laut dem Amnesty-Bericht stand hinter der massiven sexuellen Gewalt das Ziel, sowohl die Frauen als deren ethnische Volksgruppe der Tigray zu demütigen. Die Autoren des Reports verlangten, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Vergewaltigungen und sexuelle Ausbeutung stellten Kriegsverbrechen dar. Viele Frauen in Tigray müssten mit den körperlichen und psychischen Folgen der Übergriffe leben, darunter HIV-Infektionen und anhaltende Blutungen.

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Ein Mädchen und eine Frau sind in einem Klassenzimmer einer Grundschule in Mekele untergebracht, in der ein Lager für Binnenvertriebene errichtet wurde. Der andauernde Konflikt in der Region Tigray hat bereits Hunderttausende Menschen in die Flucht getrieben und große Zerstörung angerichtet.

Ein Mädchen und eine Frau sind in einem Klassenzimmer einer Grundschule in Mekele untergebracht, in der ein Lager für Binnenvertriebene errichtet wurde. Der andauernde Konflikt in der Region Tigray hat bereits Hunderttausende Menschen in die Flucht getrieben und große Zerstörung angerichtet.

Nach Angaben Roveras hat sich die Regierung in Addis Abeba bisher nicht zu dem Bericht geäußert. Vor einigen Monaten hatte sie zwar mitgeteilt, dass drei Soldaten wegen Vergewaltigung und anderweitiger sexueller Gewalt schuldig gesprochen und 25 weitere anklagt worden seien. Doch hat die Regierung laut Amnesty keine Angaben zum Ausgang der Verfahren oder zu anderen Maßnahmen zur Ahndung der Übergriffe gemacht.

Tigray-Konflikt läuft bereits seit Herbst 2020

Die äthiopische Bundesregierung hatte im Herbst vergangenen Jahres Truppen nach Tigray geschickt, die dortige Regionalregierung vertrieben und zu einer Terrorgruppe erklärt. Diese ging in den Untergrund. Ihre Kämpfer von der Volksbefreiungsfront Tigray (TPLF) eroberten im Frühsommer wichtige Städte.

Daraufhin verkündete die Bundesregierung einseitig einen Waffenstillstand und zog ihre Truppen zurück. Bei Kämpfen gab es Tausende Tote. Erst am Mittwoch gab der Führer einer bewaffneten Gruppe der größten Ethnie Äthiopiens, der Befreiungsarmee Oromo (OLA), eine Allianz mit der TPLF bekannt.

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Deren Ziel sei es, die Regierung militärisch zu stürzen, sagte OLA-Führer Kumsa Diriba.

RND/AP

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